"Viele denken bei Zunft an Fasnacht"

Julius Steckmeister

Von Julius Steckmeister

Do, 11. Dezember 2014

Ehrenkirchen

Der Arbeitskreis Ortsgeschichte Ehrenkirchen zeigte im Rathaus fünf historische Zunfttruhen der organisierten Handwerker.

EHRENKIRCHEN. In einer Ausstellung im Rathaus wurde nun gezeigt, was teils seit mehr als 250 Jahren ganz selbstverständlich in der Zunftstube des Gasthauses "Krone" in Kirchhofen stand: Fünf historische Zunfttruhen, in denen die zünftig organisierten Handwerker ihre Zunftbücher, Dokumente, aber auch Geld aufbewahrten. Die hölzernen Kleinode sind derzeit heimatlos, da das Gasthaus, das bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts Treffpunkt der Zunftleute ist, derzeit umgebaut wird.

Nachweislich seit dem Jahr 1752 wird sich in der "Krone" getroffen. Seit 1754 ist das Gasthaus an der Herrenstraße in Familienbesitz. Im Frühjahr dieses Jahres nun wechselte die traditionsreiche Immobilie ihren Besitzer. Die Wirtsleute Kiefer gingen in den Ruhestand. Neue Besitzerin ist Birgit Kaiser, Geschäftsführerin der Filialbäckerei "Kaisers Gute Backstube". Derzeit wird das denkmalgeschützte Gebäude umfänglich renoviert (die BZ berichtete). Anlass für den im Jahre 2006 ins Leben gerufenen Arbeitskreis (AK) Ortsgeschichte, die Inhalte der fünf dort untergebrachten Zunfttruhen der Leinenweber, Küfer, Schuhmacher, Sattler und Gerber, der Bauleute, der Schneider und Frisöre sowie der nicht über eine Zunfttruhe verfügenden Müller- und Bäckerzunft zu sichten, zu reinigen und die in ihnen aufbewahrten Schriftstücke wissenschaftlich auszuwerten. Die Ergebnisse eines halben Jahres Arbeit von 14 rührigen Hobbyhistorikern wurden jüngst der interessierten Öffentlichkeit gezeigt.

"Viele denken bei Zunft heute an Fasnacht", so Charlotte Eckmann vom AK in ihrer Begrüßungsansprache anlässlich der Ausstellung. Neben vielen Mitgliedern des Arbeitskreises waren auch Bürgermeister Thomas Breig, etliche Gemeinderatsmitglieder und geschichtsinteressierte Bürger sowie der aktuelle Oberzunftmeister Michael Meyering ins Rathaus gekommen.

Vor Gründung der Handwerkskammern am Ende des 19. Jahrhunderts waren die Zünfte die Zwangsgemeinschaften der unterschiedlichen Handwerksberufe - und das seit dem frühen Mittelalter, erläuterte Eckmann. Die Zünfte, denen Meister, Gesellen und Lehrlinge der jeweiligen Berufsgruppen angehörten, regelten Ausbildungsdinge wie Absatzmärkte, Produktqualität wie Wettbewerb und übten auch eine eigene Gerichtsbarkeit über ihre Mitglieder aus.

Schriftliche Zeugnisse dieser Aufgaben entdeckten auch die AK-Mitglieder in den fünf in der "Krone" aufbewahrten, reich verzierten Zunftladen. Allein, die Dokumente waren größtenteils in Kurrent- oder Sütterlinschrift geschrieben. Glücklicherweise fanden sich mit Erika Braun und Gertrud Eckerle aber zwei Schriftkundige, die die handschriftlichen Zeugnisse transkribierten und so deren Inhalte der breiten Öffentlichkeit zugänglich machten. Auch diese "Übersetzungen" gab es - neben den Originalen - bei der Ausstellung zu sehen. Lebendig ist das Zunftleben bis heute, obwohl nur noch auf freiwilliger Basis, weiß Oberzunftmeister Michael Meyering, seines Zeichens Bezirksschornsteinfegermeister. Dazu gehört nicht nur, dass die Zunftmitglieder an den großen, kirchlichen Festtagen der Gemeinde, Fronleichnam sowie dem Patrozinium Mariä Himmelfahrt, wie anno dazumal mit ihren Zunftfahnen und den reich verzierten Zunftstangen - auch diese gab es bei der Ausstellung zu sehen - mitlaufen.

"Zunft heute, das ist Austausch unter den Handwerksmeistern auf einer anderen, als der rein geschäftlichen Ebene, es ist das Hegen und Pflegen der Traditionen und Gewerke und ein Fortführen von Familien- und Handwerksgeschichte durch die Generationen", unterstreicht Meyering die Bedeutung von Zünften im 21. Jahrhundert.

Wie viel Wissenswertes sich in den alten Dokumenten fand, machte Erika Braun dann in einem kleinen Vortrag anhand des Beispiels der Leinenweberzunft - die 1665 gegründete Vereinigung ist die Älteste in der Gemeinde - deutlich. Anschließend hatten alle Gäste Gelegenheit, die Exponate anzusehen und in den dazu erstellten Infoordnern zu schmökern. Diese, träumt Charlotte Eckermann, sollten samt Abbildungen der Fahnen, Zunftstangen, Truhen und Urkunden einmal in einem Buch zusammengefasst werden. Bis zur Fertigstellung des Gasthauses "Krone" werden die Zunfttruhen nach dem Ende der Ausstellung bis auf weiteres im Gemeindearchiv verwahrt. Birgit Kaiser allerdings hat zugesagt, dass diese in der neuen "Krone" wieder Aufnahme finden sollen. Eine feste Heimat in der Wallfahrtskirche St. Mariä Himmelfahrt haben hingegen seit jeher die Zunftfahnen und -stangen.

Info: Im Treppenhaus des Rathauses Ehrenkirchen sind derzeit noch Bilder und Stellwände zum Thema Zünfte zu sehen, Fahnen und Truhen allerdings nicht mehr.