Ehrenkirchen

Wie Handwerkszünfte Kirchhofen prägten

Michael Saurer

Von Michael Saurer

Mi, 18. März 2015 um 17:03 Uhr

Ehrenkirchen

Der 19. März ist für die Handwerker in Kirchhofen ein besonderer Tag. Seit 263 Jahren treffen sich die Zunftmeister dann zum sogenannten Zunfttag. Doch ihr Leben hat sich in dieser Zeit sehr verändert.

Es wurde gehämmert, geschmiedet, gedrechselt und gewebt. Späne flogen, Funken schlugen und der Geruch von frischem Holz lag in der Luft. Kirchhofen war über Jahrhunderte ein Zentrum des traditionellen Handwerks und Sitz von sechs Zünften, zu deren Einzugsgebiet auch die heutigen Orte Pfaffenweiler, Norsingen, Offnadingen und Ehrenstetten zählten.

Küfer, Schneider und Leineweber, Müller, Maurer und Schumacher waren jeweils in ihren Zünften organisiert. Und die regelten nicht nur die tägliche Arbeit; ihr Einfluss reichte bis tief ins Privatleben hinein. "Wir mussten oft staunen, wie streng das Leben gerade von den Lehrlingen reglementiert wurde", sagt Erika Braun. Im Auftrag des Arbeitskreises Ortsgeschichte ist sie zusammen mit Gertrud Eckerle derzeit damit beschäftigt, alte Manuskripte auszuwerten, einige davon stammen noch aus dem 17. Jahrhundert. Gefunden wurden sie in den Zunftladen, kleinen Holztruhen, die bis ins vorige Jahr im Kirchhofener Gasthaus Krone standen. Seit 1752 war die Krone das soziale Zentrum der Zünfte. Nicht nur die Laden der Zünfte waren dort aufbewahrt, auch den traditionellen Zunfttag am 19. März feierten die Handwerker dort.

Es ist eine Tradition, die in diesem Jahr zum ersten Mal seit 263 Jahren gebrochen wird, denn die Krone wurde im vorigen Jahr verkauft und die neue Besitzerin lässt das Traditionshaus derzeit renovieren.

Im Zuge der Renovierungsarbeiten mussten auch die Zunftladen eine neue Heimat finden. In der Krone standen sie auf einem Sims im Gastraum. Vorübergehendes Obdach haben sie nun im Archiv der Gemeinde Ehrenkirchen gefunden – zur Freude des Arbeitskreises Ortsgeschichte, der sich nun erstmals intensiv mit dem Inhalt der kleinen Truhen beschäftigen konnte. "Für uns war das hochinteressant", sagt Charlotte Eckmann vom Arbeitskreis Ortsgeschichte. Jeden Donnerstag trifft sich der Kreis der Hobby-Historiker und bespricht die verschiedenen Projekte, an denen jeweils gearbeitet wird.

Die Auswertung des Inhalts der Holzladen beschäftigt den Arbeitskreis seit April 2014. Es ist eine Aufgabe, die nicht einfach ist, denn die Dokumente sind in Kurrent-Schrift verfasst, einer alten deutschen Schrift, die man als Laie heute kaum noch entziffern kann. Erika Braun und Gertrud Eckerle haben gelernt, sie zu lesen und haben mittlerweile viele der teilweise über 300 Jahre alten Dokumente in unsere Schrift übertragen und sie somit lesbar für die Allgemeinheit gemacht. Dabei wurde allerhand Kurioses zutage gefördert. Denn in den einzelnen Laden war praktisch die komplette Buchhaltung der jeweiligen Zunft archiviert – inklusive der Zunftordnung. In dieser wurde genau dokumentiert, wie die Arbeit der Handwerker organisiert war, wie die Ausbildung auszusehen hatte und welche Rechte und Pflichten die Lehrlinge hatten.

Bei den Meistern herrschten strenge Regeln. Lehrlinge wie auch Gesellen durfte nicht fluchen und schimpfen und bekamen – so steht es in der Zunftordnung der Küfer – "bei nachgewiesener Bosheit körperliche Züchtigung." Auch die Heirat blieb beiden vorenthalten. Nur Meister durften in den Stand der Ehe treten. Ein strenges Regime für die jungen Männer, die nach der Ausbildung noch drei Jahre auf Wanderschaft gehen mussten.

Der Arbeitskreis Ortsgeschichte freut sich über die unerwarteten Einblicke. "Wir haben unheimlich viel über das damalige Leben erfahren", sagt Eckerle. Was nun aber mit den Dokumenten passiert, ist unklar. Birgit Kaiser von Kaisers Guter Backstube, deren Familie die Krone im vorigen Jahr gekauft hat, sagte, dass man noch überlegen müsse, wie man mit den historisch wertvollen Dokumenten verfahren soll. Sicher sei aber, dass die Zunftmeister im kommenden Jahr wieder zurückkehren können. "Wir bleiben auf jeden Fall ein Zunftlokal", so Kaiser.



Mehr zum Thema: