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16. Juli 2011

Ein Stein, der viel erzählt

In Eichstetten wurde ein Stolperstein für Emil Weil verlegt, im Beisein seines Sohnes Manfred Weil.

  1. Doris Danzeisen (links, stehend) lud die Teilnehmer an der Verlegung des Stolpersteins danach zum Gastmahl in den Garten, in dem Manfred Weil selbst als Kind in Ferientagen gespielt hatte. Foto: Manfred Frietsch

  2. Der Gedenkstein für Emil Weil liegt nun neben dem für seine Mutter Ernestine und dem für seine, wie er in Auschwitz getöteten, Schwester Auguste Bloch sowie dem Stein für deren Ehemann Siegfried Bloch, der schon 1938 als erster der Eichstetter Juden in Dachau Opfer des Naziterrors wurde. Foto: Manfred Frietsch

EICHSTETTEN. Vor dem Haus Hauptstraße 54 in Eichstetten erinnern jetzt vier sogenannte Stolpersteine an das Schicksal einstiger jüdischer Bürger, die im Nationalsozialismus ihr Leben verloren. Am Donnerstagabend wurde für Emil Weil ein Stein mit einer Gedenkplatte aus Messing in den Bürgersteig eingesetzt. Zugegen war der Sohn des einst in Auschwitz ermordeten Emil Weil, der bei Bonn lebende Maler Manfred Weil, der selbst der Verfolgung im "Dritten Reich" nur durch eine jahrelange Odyssee entkommen war.

Für Gunter Demnig ist es bereits der 47. Stolperstein, den er in Eichstetten verlegt. "Diese Gemeinde war von Anfang an sehr aufgeschlossen" erklärt der in Köln lebende Künstler. 2003 wurden hier die ersten Stolpersteine verlegt. Mit den von Altbürgermeister Gerhard Kiechle und seinem Nachfolger Michael Bruder – beide waren auch Vor Ort – unterstützten Nachforschungen des Eichstetter Heimat- und Geschichtsvereins und dem Engagement der in Wittnau lebenden Ursula Kügele wurden immer mehr Informationen über die bis zur Deportation im Herbst 1940 in Eichstetten lebenden Juden zusammengetragen. Und zu ihrem Gedenken wurden weiter Stolpersteine verlegt.

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Dass nun ein Stein für Emil Weil hinzukam, war so noch vor einem Jahr nicht zu ahnen, "denn wir wussten damals noch gar nichts von seiner Existenz", wie Ursula Kügele jetzt schilderte. Auf die Spuren Emil Weils führten erst Nachforschungen der Familie seines Sohnes Manfred Weil, der seit vielen Jahrzehnten als Kunstmaler bei Bonn lebt. Beider Lebenswege, der des Vaters und des Sohnes, sind jeweils in der Kindheit mit Eichstetten verbunden gewesen und hatte auch unmittelbar Anteil am tragischen Ende der letzten dort lebenden Juden. Um so bewegender war es für die Anwesenden bei dieser wohl letzten Verlegung eines Stolpersteins in Eichstetten, als mit Manfred Weil der Sohn, der selbst die Verfolgung überlebt hat, am Gedenkstein für seinen in Auschwitz umgebrachten Vater das jüdische Totengebet sprach. Und dies geschah unmittelbar dort, wo Jahrzehnte zuvor, vor dem Krieg, Vater wie Sohn einst bei Besuchen ihrer Eichstetter Verwandten weilten, vor dem Anwesen Hauptstraße 54.

Dort liegen nun vier Stolpersteine, die zusammen viel zu erzählen haben. Einer erinnert an Ernestine Weil, Jahrgang 1859, die Großmutter von Manfred Weil. Die Eichstetterin heiratete einst nach Breisach, zog dann mit ihren ersten Kindern Emil und Auguste kurz wieder nach Eichstetten, dann zu ihrem in die USA ausgewanderten Mann. Als dieser dort starb, kehrte sie mit der Tochter und dem dritten Kind nach Eichstetten zurück; die Tochter heiratete hier später Siegfried Bloch und betrieb im Erdgeschoss der heutigen Hauptstraße 54 einen Laden. Emil war als Schuljunge in den USA bei Verwandten geblieben, zog später ins Rheinland, wo er eine Katholikin heiratete. Zur Mutter und zur Schwester in Eichstetten hielt er aber Kontakt und so konnte auch Emils Sohn Manfred hier als Kind und Jugendlicher ihm bis heute unvergessliche Ferientage verbringen.

Im Lager von Gurs trafen sich die Verwandten wieder

Unvergessen, unter ganz anderen Zeichen des Schreckens, bleibt aber auch das Wiedersehen, das Emil wie Manfred mit den Eichstetter Verwandten und Juden Ende 1940 in Gurs hatten. Beide waren in Belgien aufgegriffen und in das südfranzösische Lager verfrachtet worden, wohin im Oktober 1940 auch die letzten badischen Juden deportiert wurden. Emil traf dort also seine Schwester Auguste wieder, beide sollten später nach Auschwitz transportiert und dort vergast werden. Für Auguste, die auf der Liste der aus Eichstetten deportierten Juden zu finden war, wurde schon 2007 ein Stolperstein an der Hauptstraße 54 verlegt, so wie für ihren Mann Siegfried Bloch. Er war bereits nach der Reichspogromnacht des 9. November 1938 nach Dachau verschleppt worden und dort umgekommen.

Der dritte Stein folgte 2009 für Augustes und Emils Mutter Ernestine, als deren Schicksal erforscht war. Sie war aus einem jüdischen Altersheim ins KZ Theresienstadt gebracht worden und starb dort am 10. August 1942 – just an dem Tag, an dem ihre Tochter Auguste in Gurs den Todeszug nach Auschwitz bestieg.

Manfred Weil war mit seiner Ehefrau Alisa Ende Oktober 2010 zum ersten Mal wieder nach Eichstetten gekommen und hatte dort auch die Familie Danzeisen besucht, die heute in dem Haus an der Hauptstraße wohnt. Da das Wetter mitmachte, setzte man sich jetzt, beim neuerlichen Besuch, im Garten zusammen, wo Doris Danzeisen mit ihren Eltern und Helfern ein Gastmahl auftischten, zu dem auch mit ins Badische gefahrene Bekannte der Weils und Mitwirkende des Eichstetter Geschichtsvereins eingeladen waren. Auch das evangelische Pfarrerehepaar Hassler und Schulleiterin Angela Hauser waren zugegen.

Martin Hassler hatte der Familie Weil – auch die Tochter Shulamith war nach Eichstetten gekommen – noch das Mahnmal gezeigt, das frühere Eichstetter Hauptschüler mit Lehrer Manfred Breisacher und Bildhauer Joachim Bihl zusammen für die Eichstetter Juden neben dem ehemaligen Schulhaus errichtet hatten. Angeregt unterhielt sich das Ehepaar mit den Schülern und zeigte sich sehr angetan von deren Engagement.

Richard und Marlies Danzeisen, die Eltern von Doris Danzeisen, hatten für die Besucher noch eine persönliche Erinnerung parat. In dem von ihnen in den 80er Jahren erworbenen Haus an der Hauptstraße war der einstige Blochsche Laden jahrzehntelang nur als Abstellraum genutzt worden. Bei der Renovierung vor einigen Jahren hatten Richard und Marlies Danzeisen einige alte Gegenstände vor dem Entrümpeln bewahrt, da sie ganz offenkundig aus dem alten Laden stammten, darunter eine alte Schalenwaage. Diese übergaben sie nun dem Ehepaar Weil.

Autor: Manfred Frietsch