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17. März 2017

Ein anarchisches Klang-Mobile

Alfred 23 Harth und Co. feiern mit dem Album "Malcha" die Risikofreude improvisierter Musik.

  1. Alfred 23 Harth Foto: privat

Von Altersmilde oder Kürzertreten keine Spur: Alfred 23 Harth & und seine Musiker halten auf ihrem aktuellen Album "Malcha" trotzig die Fahne der Avantgarde hoch, auch wenn der Wind einer konventionalisierten und zunehmend regredierenden (Kultur-)Gesellschaft immer stärker bläst. Damit bleibt sich der 1949 in Kronberg im Taunus geborene Alfred Harth treut. Schon früh zeigte eine Neigung zum Experimentellen und zu Grenzüberschreitungen. Er wurde nicht nur zu einem fähigen Multiinstrumentalisten, unter anderem an Tenor-, Sopransaxophon, Bassklarinette und Electronics, sondern machte sich über die Jahrzehnte international einen Namen als ein, die Genres verknüpfender Musiker, Komponist und Multimedia-Künstler.

Bereits 1969 nahm er mit der Avantgarde-Band Just Music seine erste Platte für das Label ECM auf, studierte danach Philosophie, Soziologie und Kunstpädagogik. Den Ruf eines widerspenstig-kreativen Zeitgenossen festigte Harth, als er mit dem Pianisten und Komponisten Heiner Goebbels 1975 das Duo Goebbels/Harth gründete, dessen zweites Album "Vom Sprengen des Gartens" (1979) besondere Beachtung findet.

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In den 1980er Jahren wirkte Alfred 23 Harth dann in den Avantrock-Bands Cassiber und Gestalt et Jive, komponiert Filmmusiken, Hörspiele und verlegte um die Jahrtausendwende seinen Arbeitsschwerpunkt nach Ostasien: In Südkorea baute Harth das Laubhuette Studio Seoul auf. Auf dem aktuellen Album "Malcha" – benannt nach einem belebenden koreanischen Getränk – feiern Alfred 23 Harth und seine Kombattanten die Risikofreude und Unberechenbarkeit Improvisierter Musik, eine postnationale Echtzeitmusik, frönen auch der Lust an der Collage.

"Malcha" durchlief mehrere Etappen: Zuerst begannen Alfred 23 Harth (Tenorsaxophon) und Fabrizio Spera (Drums, Perkussion) mit Wolfgang Seidel (Synthesizer, präparierte Gitarre, Perkussion, Vibraphon) in dessen Studio im Berliner Wedding mit freier Interaktion. Die belgische Künstlerin Nicole Van den Plas schickte Gesangs- und Instrumentalpartien von Klavier, Zither, Kalimba und Balalaika. Das Ganze arrangierte und mixte Hart mit weiteren Zutaten in seinem Studio in Seoul.

Das Resultat: ein überraschungsreiches, permanent belebtes Dickicht aus meist freitonalen Improvisationen, bizarren Soundtexturen und -fragmenten. Nicole Van den Plas verblüfft mit einer variablen, im Ausdruck weit aufgefächerten Stimme und bevorzugt den textlos-instrumentalen Gesang. Harth entwickelt am Tenorsax enggewundene Improvisationen, knisternde Tonketten, während Fabrizio Spera sein Schlagzeug häufig stimulierend-reduktiv, dabei nie gleichförmig einsetzt. Wolfgang Seidel gefällt mit spröden Klangsprengseln seiner E-Gitarre, lässt mal am Vibraphon sparsam gesetzte Tupfer aufleuchten, beeindruckt vor allem aber mit seinen, das Ensemblespiel strukturell und farblich bereichernden Synthesizer-Exkursionen. Kaum zu glauben, dass der Mann seine Karriere bei der Politrock-Band Ton Steine Scherben begann.

"Malcha" überzeugt mit einer Noise Music zwischen archaisierenden Momenten und State of the Art. Ein anarchisches Klang-Mobile, ein kompromissloses, herausragendes Werk.

Harth/Seidel/Spera/Van den Plas: Malcha (Plus).

Autor: Udo Andris