Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

04. Juli 2012

Ein Garten weckt Erinnerungen

Gundelfingens Tagespflege: Liebevolle Fürsorge, damit Angehörige auch mal durchatmen können / Einige Plätze sind noch frei.

  1. Betreuungsgruppe Gundelfingen Foto: Andrea Steinhart

GUNDELFINGEN. Welches Jahr gerade ist, weiß Elvira O. nicht so genau. Auch den Namen der Stadt, in der ihre Tochter wohnt, ist ihr gerade entfallen. Doch die Namen aller Pflanze im Garten kennt sie genau. "Wir hatten früher einen großen Garten." Ganz versunken hakt die 83-Jährige das Gemüsebeet. Vom Küchenfenster her weht der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee durch den Garten, aus einem Radio dringt leise Schlagermusik. Ein gemütlicher Donnerstagnachmittag.

Es gibt viel zu tun im Garten der Alten Bundesstraße 39. Die Johannisbeeren wollen gepflückt, die Erde um die Erdbeeren aufgelockert und die Salatsetzlinge gegossen werden. "Ich helfe sehr gerne – die anderen können das nämlich nicht so gut." Ruth H. hilft ihr dennoch. Gemeinsam geht das Zupfen der Johannisbeeren nämlich schneller. Heute wollen sie noch Marmelade kochen.

Doch zuvor gibt es Kaffee und Kuchen. Im gemütlichen Wohnzimmer ist der Kaffeetisch schon gedeckt. Weitere Gäste kommen nach und nach – manche werden von Angehörigen gebracht, andere kommen mit dem Taxi. Die große Kaffeetafel füllt sich rasch. Es gibt neben dem saftigen Rhabarberkuchen frische, knusprige Waffeln. Man singt, lacht und erzählt sich so einiges. Belinda Frische begleitet die singlustigen Damen und Herren mit der Gitarre. "Ich freue mich immer auf diese Treffen – alle sind so gesellig und heiter", sagt Hildegard O.

Werbung


Seit vier Jahren bietet die Kirchliche Sozialstation Nördlicher Breisgau Betreuung für Menschen mit Demenz und anderen altersbedingten Krankheiten in Gundelfingen an. Die Gründe, warum die Senioren in die Tagesbetreuung kommen, sind ganz unterschiedlich: Den einen fällt zu Hause einfach die Decke auf den Kopf, die anderen finden es schön, den Tag in Gesellschaft zu verbringen, weil sie zuhause alleine sind. Bei wieder anderen entlastet der Betreuungstag die pflegenden Angehörigen, die durch diese Pause selbst neue Energie tanken könnte. Seit zwei Jahren treffen sich die Senioren in der Alten Bundesstraße 39, einem kleinen netten Haus, mit großem Garten, in der Gundelfinger Ortsmitte.

Gärten liefern Gesprächsstoff

"Gerade für Menschen mit Demenz sind Gärten eine tolle Sache, weil sie Erinnerungen wecken, Gesprächsstoff liefern und sinnliche Erlebnisse bieten", sagt Magda Thalheimer, Leiterin der Gruppe. "Auch wenn ein Mensch in seiner Demenz die Orientierung verliert, Dinge nicht mehr einordnen kann und Begriffe keinen Sinn mehr ergeben, so ist er doch mit allen Sinnen und Gefühlen auf dieser Welt." Elvira O. zum Beispiel liebt die Gartenarbeit. Sie ist zweimal wöchentlich zu Gast, wohnt die Woche über bei ihrem Sohn und der Schwiegertochter in Gundelfingen. Ruth H. dagegen lebt noch allein, wird aber von den Angehörigen betreut. "Der Guten gefällt es derart gut hier, dass sie sich jeden Morgen zu uns auf den Weg macht, obwohl wir nur montags und donnerstags geöffnet haben." Einige Senioren kommen den ganzen Tag in die Betreuungsgruppe.

Vormittags wird dann erzählt, gebastelt und gemeinsam das Mittagessen vorbereitet, nachmittags treffen sich alle am Kaffeetisch. Eintönig ist das Angebot in der Tagesbetreuung keineswegs. Es lebt vom Jahreslauf. Ein wichtiges Angebot ist der Fahrdienst, der die Gäste abholt und wieder heibringt.

Grundsätzlich stehen neun Plätze zur Verfügung. Im Moment ist die Auslastung relativ gut, wie Magda Thalheimer berichtet. "Montags jedoch sind noch Plätze frei und auch am Donnerstagvormittag." Die Gäste sind meistens um die 80 Jahre alt, leben alleine zuhause oder werden von Angehörigen betreut. "Jeder der will, kann zu uns kommen. Um herauszufinden, ob er sich bei uns wohlfühlt, bieten wir Schnuppertage an." Bei den Treffen werden die Defizite von den Betreuerinnen Monika Frey, Marianne Stiller und Belinda Frische nicht in den Vordergrund gestellt. Sie versuchen vielmehr, durch ein spezielles Gedächtnistraining und Spiele die Gäste zu aktivieren. Heute werden Bilder von Beeren angeschaut, man spricht über ihren Geschmack über ihre Eigenschaften. Fast alle erkennen die Heidelbeeren, Himbeeren oder Stachelbeeren. "Wir bauen Brücken für unsere Gäste – damit sie sich wohlfühlen können." Das wollen auch die meisten Angehörigen. Immer öfters erhalten die ausgebildeten Betreuerinnen Dankbriefe von ihnen.

Welche Herausforderungen der demografische Wandel mit sich bringt, erläuterte erst am Montagabend Michael Szymczak, Geschäftsführer der Kirchlichen Sozialstation, bei einem Infoabend. "Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Bis zum Jahr 2030 wird die Anzahl der über 65-Jährigen in Gundelfingen bei 1700 Personen liegen. 300 von ihnen werden an Demenz leiden." Aufgefangen werden müssen dabei von der Kommune zum einen der Bevölkerungsrückgang und die veränderten Familienstrukturen sowie die zunehmenden Probleme der Finanzierung der Sozialsysteme. Die Einrichtung von Wohngruppen für ältere Menschen, neben dem bestehenden Angebot zum Seniorenzentrum, müsse daher in den Blick genommen werden.

Info: Der Betreuungstag kostet mit Essen 50 Euro, die betreuten Nachmittage kosten einschließlich Kaffee und Kuchen 20 Euro. Weitere Informationen bei der Kirchlichen Sozialstation Michael Röhl, Tel. 0761/ 580218

Autor: Andrea Steinhart