Eine archaische Geschlechterbarriere

Herbert M. Hurka

Von Herbert M. Hurka

Di, 18. September 2018 um 09:36 Uhr

Kunst

Skulpturen von René Dantes in der Freiburger Stiftung für konkrete Kunst Roland Phleps

Mit den fünf monumentalsten Beispielen seiner 15 als "Köpfe" ausgewiesenen Werke definiert René Dantes das Erdgeschoss der Stiftungsgalerie für konkrete Kunst Roland Phleps, wobei die zwei profiliertesten Exponate aus gegenüber liegenden Ecken miteinander interagieren. Die identischen, mit "Großer Kopf II" betitelten, schematisierten Büsten stechen am markantesten hervor, weil sie wie Vexierbilder eine vollkommen neue Perspektive aufreißen, sobald man sich vom Ausstellungstitel "Der Mensch als Maß und Mitte" frei macht. Was die anatomisch korrekte Gesichtsfläche wäre, verschwindet zugunsten lang gezogener Wangen, um sich nach vorn zu einer scharfen Kante zu verjüngen.

Unter ein und demselben Blick transformiert sich der eben noch augenfällige Kopf in nichts Atypischeres als eine Axtklinge. Und doch legitimiert sich dieser spektakuläre Umschwung durch die vielleicht weniger bekannte Bedeutungsübertragung, nach der die Fachausdrücke für den Korpus einer Axt tatsächlich auf das Maß des Menschen zurückgehen. Dementsprechend heißen die Bestandteile "Bauch", "Schulter", "Nacken" "Kopf", "Auge", "Wange" und "Bart".

Die Metamorphose eines Kopfes

So kommt es nicht von ungefähr, wenn der Künstler eine seiner Cortenstahl-Skulpturen "Toolhead" – Werkzeugkopf – nennt und eine andere aus dem gleichen Wortfeld "Sichelkopf".

Damit er sich in ein gefährliches Werkzeug verwandelt, muss ein menschlicher Kopf eine dramatische Metamorphose durchlaufen. Nicht allein dadurch, dass er zu Stahl mutiert, sondern vor allem auch, dass die Attribute, die einer idealen Form hinderlich sind, gleichwohl nichts weniger ausmachen als seinen Charakter, solange abgeschliffen, geglättet und abstrahiert werden, bis eine reduktionistische Basisform übrig bleibt mit Spielraum für alle möglichen Assoziationen – Beispiel: "Großer Kopf I", der von seiner Architektur her und mit einer Art Sehschlitz an einen antiken griechischen Helm erinnert. Stählerne Werkzeugköpfe mit scharfen Schneiden sind offenkundig nah am Kriegsgerät.

Das Gegenprogramm repräsentieren die Gouachen und Skulpturen auf der Empore. Schon die vielen auf "a" endenden Titel stimmen auf weibliche Merkmale ein, auf ein weiches, geschwungenes, schlank aufwärts strebendes Formenrepertoire. Wie die männlich konnotierten Werke folgen auch sie einem dualen Prinzip: Sie sind aus zwei einander ähnlichen Elementen aufgebaut, zwischen denen sich eine abstrakte Leerform auftut. Nach dem Vorbild von Keimblättern referieren sie auf die Wachstumsgesetze der Natur.

Die technizistische Präzision der Materialbehandlung, die dynamisierten Flächen und Linienführungen können bei aller Vehemenz und Eindringlichkeit nicht darüber hinwegtäuschen, dass René Dantes Skulpturen einer geradezu archaischen Geschlechterbarriere das Wort reden.

Stiftung für konkrete Kunst Roland Phleps, Pochgasse 71–73, Freiburg. Bis 28. Okt., So, 11 bis 13.30 Uhr.