Einfach mal hängen lassen

Tanja Bury

Von Tanja Bury

Fr, 07. September 2018

Schluchsee

BZ-FREIZEITTIPP: Übernachten im schaukelnden Baumhaus.

SCHLUCHSEE. Der Schwarzwald hat viele Attraktionen, die nicht nur für Gäste, sondern auch für Daheimgebliebene ein besonderes Erlebnis bieten können. Die Badische Zeitung stellt einige davon vor. Heute: Übernachten im neuen Baumhaus auf dem Gelände des Naturcamps in Schluchsee.

Es ist unverkennbar: Der Herbst ist im Anmarsch. An diesem Morgen duelliert er sich am Schluchsee mit dem Sommer. Dessen warme Sonnenstrahlen kämpfen sich durch den frischen Frühnebel – und gewinnen. Im Baumhaus ist es zu dieser Zeit noch ruhig. Fünf junge Frauen aus Calw haben das Domizil in drei Meter Höhe für zwei Tage bezogen und schlummern selig in ihren Schlafsäcken. Sanft schaukelt der Kegel zwischen den Ästen hin und her. "Und das passend zur Herzfrequenz, was den Schlaf besonders fördert", sagt Rudolf Eisl. Er ist der Vorsitzende des Vereins "Natur für alle", der das Naturcamp seit zwölf Jahren betreibt.

Acht Leute bilden den Zusammenschluss, der Menschen in die Natur locken und ihnen dort Gemeinschaftserlebnisse ermöglichen will. "Mehr Mitstreiter sollen es nicht sein. Wir wollen schlank bleiben, um schneller und freier agieren und reagieren zu können", erklärt Eisl, der viele Jahre Jugendwart des Schluchseer Segelvereins war. In dieser Funktion hat er einst mitbekommen, dass der Forst den Zeltplatz in unmittelbarer Nähe zum Seglerhof nicht weiterbetreiben kann. "Wir haben übernommen."

Seither wurde auf dem Platz ein neues Haus mit Sanitäranlagen gebaut und eine barrierefreie Komposttoilette aufgestellt, es wurden Feuerstellen angelegt, Bänke und Tische errichtet und verschiedene Möglichkeiten zur Übernachtung geschaffen. Das Bootel zum Beispiel. Die 55 Quadratmeter große Hütte aus Holz gleicht einem auf den Kopf gestellten Schiffsrumpf. Ihr kleiner Bruder ist aus Holz und Zeltplane, damit leichter und kann auf einem Rad auf dem Gelände bewegt werden. Weiter gibt es noch ein Kugelzelt, eine Holzhütte – und seit dieser Saison das Baumhaus.

Dass seine momentanen Mieter aus Calw kommen, freut Rudolf Eisl. Denn aus Calw kommt auch das Baumhaus, genauer gesagt die Idee dazu. "Die dortigen Pfadfinder haben das Modell entwickelt und sich ihre Erfindung patentieren lassen", berichtet Eisl. Der Tüftelei lag die Idee zugrunde, entlang von Fernwanderwegen einfache, preiswerte und naturschonende Übernachtungsmöglichkeiten zu schaffen.

Abends leuchten

bunte Lichter

Das knapp eine Tonne schwere Haus aus Holz und Makrolon baumelt in der Luft, drei Drahtseile halten es. Diese sind an Ringen befestigt, die um die Baumstämme gelegt und mit großen Schrauben mit Gummikopf festgezogen werden. "Das ist sehr schonend für den Baum", weiß Rudolf Eisl. Weiterer Vorteil des Pfadi-Baumhauses: Es benötigt keine Baugenehmigung, weil kein Teil – etwa eine Treppe – fest mit dem Boden verbunden ist. Per Klappleiter wird der 20 Quadratmeter große Raum betreten. Dort leuchten am Abend kleine LED-Lichter in allen Farben, der Strom kommt von einer kleinen Photovoltaikanlage, die in den Bäumen hängt.

Nachdem Eisl die Pfadfinder und ihre Idee kennengelernt hatte, suchten ein Baumsachverständiger und ein Statiker nach den geeigneten Bäumen im Naturcamp. Als die gefunden und alles überprüft war, konnte die Aufbauaktion beginnen. In einer Woche im April kamen neben den Pfadfindern Azubis von Siemens, Badenova und dem Schluchseewerk zusammen, um den Bausatz Baumhaus zusammenzusetzen. Ebenso mit dabei: drei alleinerziehende Mütter und Hartz-IV-Empfängerinnen, die über den Katholischen Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit (In Via) Unterstützung bekommen. Diese bunte Mischung zeigt ein Ansinnen von Eisl und seinen Mitstreitern: soziale Projekte in der Natur umsetzen. So haben schon Schüler, Azubis, Jugendgruppen und THW-Mitglieder auf dem Gelände gewerkelt und etwas erschaffen. "Ohne die 20 Leute, die uns beim Aufbau des Baumhauses geholfen haben, wäre es nicht gegangen", blickt Eisl auf die Arbeiten zurück. Es konnte Geld gespart und in der Woche ein unbezahlbares Gemeinschaftsgefühl geweckt werden.

Als der Vereinsvorsitzende dann die ausgeklügelte Leiterkonstruktion vorführt, wackelt das Baumhaus und drinnen recken sich die Köpfe. Wenig später steigt Sophia Smolinski die Sprossen herab. Die 19-Jährige hat noch etwas kleine Augen – der Schlaf im Baumhaus, er ist wohl tatsächlich tief und wohltuend. Jedes Jahr suchen die fünf Freundinnen, die sich von der Schule kennen, eine andere Campingmöglichkeit. "Das Baumhaus hat uns sofort angesprochen. Man liegt im Schlafsack, sieht raus in die Bäume, zu den Sternen. Das hat was", sagt Sophia. Dabei sei einem nicht ständig bewusst, dass man in der Luft hängt. Definitiv mehr Luxus als ein Zelt biete das Baumhaus, das für sechs Personen ausgelegt ist.

Ziel von Rudolf Eisl und dem Verein "Natur für alle" ist es, dieses Gefühl noch mehr Gästen zu vermitteln. Deshalb ist geplant, das Gelände des Naturcamps in Richtung Windgfällweiher zu erweitern und weitere drei bis fünf Häuser im Wald zu installieren – um sich darin einfach mal hängen zu lassen.

Infos zu Angeboten, Übernachtungsmöglichkeiten und Kontaktdaten über http://www.naturcamp-schluchsee.de