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09. April 2011

20 000 Kilometer per Rad bis Sibirien und das ohne "Platten"

BZ-INTERVIEW mit Nicola Haardt / Sie fuhr alleine mit dem Fahrrad von Bochum "tief in den Osten" bis an den Baikalsee und zurück / Am Freitag Vortrag im "Löwen".

  1. Foto: Privat

  2. Foto: Nicole Haardt

ELZACH. Tief im Westen, in Bochum, ist sie zu Hause. "Tief in den Osten" heißt ihr Vortrag am kommenden Freitag, 15. April, um 20 Uhr im "Löwen" in Elzach. Denn ganz "tief in den Osten", an den sibirischen Baikalsee, fuhr Nicola Haardt (39) in den Jahren 2005/2006 – und zwar mit dem Fahrrad. Ach ja, und auch wieder zurück: 20 000 Kilometer kamen da alles in allem zusammmen. BZ-Redakteur Bernd Fackler sprach mit der Bochumerin, die mit dem Bike zum Baikal fuhr.

BZ: Von Bochum bis zum Baikalsee und retour: 20 000 Kilometer mit dem Fahrrad! Wie kommt man denn auf so eine, Entschuldigung, verrückte Idee ?
Nicola Haardt: Na ja, von einer langen Radtour habe ich schon immer geträumt, einfach weil ich neugierig bin, fremde Länder kennenzulernen und das Leben in der Natur mag. Da ist das Rad das ideale Verkehrsmittel. Man ist schnell genug, um voranzukommen und langsam genug, um Land und Leute kennenzulernen. Und man ist unabhängig, kostengünstig und umweltfreundlich unterwegs. Im Lauf der Jahre hat sich in mir eine Himmelsrichtung herausgebildet, wohin es mich immer wieder zieht: Der Osten. Dass das Ziel der Baikal wurde, ist Zufall. Ich habe einfach überschlagen, welches markante Ziel man innerhalb einer Vegetationsperiode mit dem Rad erreichen kann; da war dann auf der Karte ein großer See – der Baikal. Der ist vermutlich nicht zu verfehlen, hab’ ich gedacht. Als ich losfuhr, war es allerdings für mich selbst kaum vorstellbar, dort jemals anzukommen...

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BZ: Sie fuhren alleine ? Mit was für einem Rad ? Wie lange waren Sie unterwegs ?
Haardt: Ja, ich bin alleine gefahren – aber so richtig allein ist man eigentlich nie. Man lernt so viele Menschen unterwegs kennen! Einen Monat begleitete mich ein Freund aus Hamburg, der nahm den Jahresurlaub und flog nach Sibirien. Eigentlich hatte ich vor, sechs Monate auf Tour zu sein. Danach, dachte ich, seien die Ersparnisse aufgebraucht, die Reiselust gestillt. Beides war nicht der Fall, so beschloss ich, den Winter in Sibirien zu verbringen und auch wieder zurück zu radeln. Anderthalb Jahre war ich insgesamt unterwegs – mit einem normalen, stabilen Trekkingrad: Wenig Schnickschnack, gute Komponenten (Stahlrahmen, keine Federung, xt-Komponenten, Ledersattel).
BZ: In Russland sind Radwege selten, in vielen Gegenden Sibiriens gilt das für Wege überhaupt. Wie kamen Sie vorwärts?
Haardt: Na ja, ich bin schon Straßen gefahren und habe mich nicht mit einem Buschmesser durch die Taiga gekämpft. Die Dörfer und Städte auf dem Weg zum Baikal sind schon alle durch Wege verbunden, die Leute müssen ja auch von A nach B kommen. Die Zivilisation hört hinterm Ural nicht auf. Die Straßenverhältnisse waren besser, als man sich das vorstellt, überwiegend asphaltiert. Mit dem Rad kommt man ja eigentlich auch überall durch, ich musste sehr selten schieben.
BZ: Sie haben vermutlich einige Fahrradschläuche und -mäntel verbraucht ?
Haardt: Also, ich hatte keinen einzigen Platten auf der ganzen Tour..., bin also mit den Schläuchen wieder zurückgekommen, mit denen ich losfuhr. Einzige ernsthafte Panne war ein Felgenriss in der Steppe Kasachstans. Da ich Ersatzmäntel dabei hatte, habe ich die im Winter gewechselt, obwohl das noch gar nicht nötig gewesen wäre. Mit diesen ausgewechselten fahre ich übrigens heute noch...
BZ: Was war das schönste, was das unangenehmste Erlebnis auf Ihrer Reise ?
Haardt: Es gab fast keine unangenehmen Erlebnisse. Ich kann sagen, dass es mir noch nie 1,5 Jahre am Stück so gut ging wie in dieser Zeit. Am unangenehmsten auf der Reise, das waren die Mücken! Die schwarzen Wolken verfolgten einen überall hin, gnadenlos, nicht mal in Ruhe essen oder aufs Klo gehen konnte man... Es ist auch schwierig, vom schönsten Erlebnis zu reden. Einfach, weil es so unglaublich viele Tolles gab, eigentlich täglich. Oft waren es die kurzen Begegnungen am Straßenrand, die unglaubliche Glücksgefühle hervorgerufen haben. Sicher einer der schönsten Momente war die Ankunft am Baikal. Für mich war ja der Weg das Ziel, ich habe mir über den Baikal keine großen Gedanken gemacht, na ja am Ende kommt eben einfach ein See. Dass dann das Ziel selbst auch noch so gigantisch toll war – das hat mich total umgehauen. Darauf war ich nicht vorbereitet, die ersten 14 Tage am Baikal vergingen wie im Rausch, vor Glückseligkeit habe ich ständig geheult und pausenlos gegrinst.
BZ: Elzach liegt nicht an der Strecke Bochum-Baikal. Wie kommt's, dass Sie gerade hier am Freitag Ihren Vortrag halten ?
Haardt: Das ist kein Zufall. Am Baikal habe ich eine furchtbar nette Elzacherin kennengelernt, die Alex. Sie war zusammen mit ihrem ebenso netten Freund auf Motorrädern zum Baikal gefahren. Und diese beiden haben den Vortrag in Elzach organisiert. Darüber freu’ ich mich sehr!

Eigentlich hatte ich vor, nur sechs Monate auf Tour zu sein. Danach, dachte ich, seien die Ersparnisse aufgebraucht und die Reiselust gestillt. Beides war nicht der Fall. So beschloss ich, den Winter in Sibirien zu verbringen und auch wieder

zurück zu radeln.

Nicola Haardt
BZ: Wohin geht Ihre nächste Tour ? Oder haben Sie etwa, als Sie damals wieder zu Hause angekommen sind, schleunigst Ihr Fahrrad verkauft ?
Haardt: Nein, um Himmels Willen – das Rad würde ich nicht mehr hergeben, wir sind schon sehr aneinander gewachsen. Eine größere Tour ist bisher noch nicht wieder geplant, obwohl ich seit der Radtour auch schon zweimal wieder am Baikal war, allerdings mit dem Zug – wenn man einmal dort war, zieht es einen immer wieder hin. Dass nichts geplant ist, heißt aber nicht, dass das Fernweh gestillt ist –- ich bin sicher, es wird wieder losgehen, vermutlich Richtung Osten...
BZ: Spaciba karascho, tschesliwa putij ! (Vielen Dank und gute Reise!)

Tief in den Osten: Bildervortrag von Nicola Haardt am kommenden Freitag, 15. April, um 20 Uhr im "Löwen" in Elzach (Eintritt frei).

Autor: fa