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01. Oktober 2011

Akutmedizin hat an Bedeutung gewonnen

50 JAHRE BDH-KLINIK: BZ-Interview mit Prof. Claus-W. Wallesch, Ärztlicher Direktor der BDH-Klinik, und Geschäftsführer Bernd Fey.

  1. Geschäftsführer Bernd Fey und der Ärztliche Direktor Prof. Claus-W. Wallesch Foto: Klinik

  2. Zur Therapie in der BDH-Klinik gehört auch, dass man wieder lernt, häusliche Tätigkeiten zu erledigen, so wie hier Kartoffeln zu waschen. Foto: Fotos: Klinik

ELZACH. Die BDH-Klinik für neurologische Rehabilitation besteht seit 50 Jahren, was in der kommenden Woche Anlass für einen Festakt und ein ärztliches Symposium über aktuelle Perspektiven der neurologischen Rehabilitation ist. Zum Klinikjubiläum entstand dieses Interview mit Prof. Dr. Claus-W. Wallesch, Ärztlicher Direktor der BDH-Klinik, und Geschäftsführer Bernd Fey.

BZ: 50 Jahre BDH-Klinik Elzach: Das ist auch ein halbes Jahrhundert Rehabilitationsgeschichte. Wie hat sich das medizinische Angebot der BDH-Klinik Elzach in den letzten Jahrzehnten verändert?

Claus-W. Wallesch: Ganz entscheidend. Die Klinik begann als Kureinrichtung, heute liegt der Schwerpunkt des Behandlungsangebots der BDH-Klinik Elzach in der Erstrehabilitation nach schweren Hirnschädigungen. Hier hat das Fallpauschalensystem (DRGs) die Behandlungspfade in den Akutkrankenhäusern entscheidend verändert. Die Verlegung in die weiterführende Rehabilitation erfolgt heute zum frühestmöglichen Zeitpunkt, häufig nach wenigen Tagen. Unser Angebot erstreckt sich auch auf diese Patienten, bei denen das erste Behandlungsziel die Herstellung der Rehabilitationsfähigkeit ist.

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BZ: Wie kommt es zu dieser Verschiebung?
Wallesch: Der Fortschritt der Intensivmedizin hat dazu geführt, dass mehr Patienten als früher medizinische Katastrophen überleben. Die Herausforderung besteht darin, therapeutisch mit der Intensivmedizin Schritt zu halten. Und es ist in der Tat eine therapeutische Herausforderung, beispielsweise Menschen, die über Wochen beatmet wurden, vom Beatmungsgerät zu entwöhnen.

BZ: Vor dem Hintergrund des zunehmenden Kostendrucks im Gesundheitswesen: Ist so aufwändige Rehabilitation denn noch bezahlbar?
Wallesch: Die Kosten einer Heimbeatmung durch ein ambulantes Pflegeteam übersteigen den Tagessatz der BDH-Klinik Elzach, sodass auch aufwendige Entwöhnungsbehandlungen im Interesse der Kostenträger liegen.
Bernd Fey: Rehabilitation muss endlich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen werden. Viele unserer schwerstbetroffenen Patienten würden ohne den Segen der Hochleistungsmedizin nicht mehr leben. Das Überleben einer medizinischen Katastrophe ohne anschließende und ausreichende Rehabilitationsmaßnahme bedeutet ein Weiterleben in Abhängigkeit von umfangreichen Pflegemaßnahmen. Deshalb fordern wir für unsere Patienten, dass unsere Gesellschaft, die "Ja" zur Spitzenmedizin sagt, auch "Ja" zur Rehabilitation sagt. Außerdem ist Rehabilitation kein Verlustgeschäft, sondern lohnt sich.

BZ: Da gibt es aber auch andere Stimmen!
Fey: Eine Frage der Perspektive. Reha ist nicht nur bezahlbar, volkswirtschaftlich gesehen ist sie sogar äußerst lohnend! Das jedenfalls sagt eine neue Studie der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) zur volkswirtschaftlichen Relevanz der Reha-Kliniken in Baden-Württemberg. Die gesamte Wertschöpfung aller baden-württembergischen Rehakliniken beträgt für das Jahr 2009 nicht weniger als 1,2 Milliarden Euro. 2010 konnten über 800 000 Arbeitsunfähigkeitstage durch erfolgreiche Rehabilitationsmaßnahmen vermieden werden, wodurch sich zusätzliche Steuereinnahmen in Höhe von 106 Millionen Euro ableiten lassen. Das ist doch eine beeindruckende Bilanz.

BZ: Warum gibt es dann nicht mehr Rehabilitationsverfahren?
Fey: Zum einen: Ohne aktive Unterstützung des behandelnden Arztes ist das Antragsverfahren für die Versicherten nicht zu leisten. Und selbst den Ärzten fehlen oftmals ausreichende Kenntnisse über die Möglichkeiten des Zugangs zur Rehabilitation. Den Weg zur Reha über ein Widerspruchsverfahren zu erkämpfen, überfordert die meisten Betroffenen. In Baden-Württemberg haben das nur rund 10 Prozent der Antragsteller versucht, obwohl bei rund 50 Prozent der Widerspruch zum Erfolg führte.

Zum anderen: Krankenkassen haben keinen unmittelbaren monetären Anreiz, Pflege zu vermeiden, da die Pflegeleistungen aus dem Budget der Pflegeversicherungen und nicht aus der Krankenversicherung finanziert werden. Insbesondere dann, wenn bereits Pflegebedürftigkeit besteht, wird eine stationäre Rehabilitationsleistungen nur selten genehmigt. Ein eindrückliches Beispiel dafür, dass die Sektorengrenzen im Gesundheitssystem überwunden werden müssen.

BZ: Was kann man da machen?
Fey: Einmal, die Patientenrechte gesetzlich zu stärken und den Anspruch auf Rehabilitationsleistungen noch deutlicher und unabhängiger von Genehmigungsverfahren verankern. Außerdem: mehr Wettbewerb unter den gesetzlichen Kassen zulassen. Es liegt sowohl im Interesse der Patienten, der Sozialversicherungen und des Steuerzahlers, die Rehabilitation in Deutschland zu stärken und ihre Vorteile für die Gesellschaft zu nutzen.
BZ: Wie reagiert die BDH-Klinik Elzach auf die Herausforderungen, die die Behandlung von immer schwerer betroffenen Patienten mit sich bringt?
Wallesch: Beispielsweise durch Intensivierung der Behandlung und Integration der therapeutischen Pflege in das interdisziplinäre Behandlungsteam. Immer mehr Patienten sind in hohem Maße pflegebedürftig. Ihre Belastbarkeit reicht nur für wenige und häufig verkürzte fachtherapeutische Behandlungen am Tag. Aber Aktivierungen, Aufmerksamkeitsbindung, Kommunikation und Training von Alltagsfertigkeiten lassen sich in Pflegehandlungen integrieren. Wir haben in Zusammenarbeit mit dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung das "Elzacher Konzept der therapeutischen Pflege in der neurologischen Frührehabilitation" und einen entsprechenden Leistungskatalog entwickelt und publiziert. Die wissenschaftliche Erforschung der therapeutischen Pflege steckt noch in den Kinderschuhen. Unser Träger, der BDH-Bundesverband Rehabilitation, hat deshalb ein Promotionsstipendium zu diesem Thema vergeben.

BZ: Wagen Sie angesichts des Jubiläums der BDH-Klinik eine Prognose, wo die neurologische Rehabilitation in zehn Jahren steht?
Wallesch: Prognosen haben zuweilen eine kurze Halbwertszeit, aber einige Entwicklungen sind deutlich absehbar. Die Weiterentwicklung der Akutmedizin und des Fallpauschalsystems wird dazu führen, dass der Anteil schwer pflegebedürftiger, intensivüberwachungspflichtiger und beatmeter sowie verwirrter und desorientierter Patienten weiter ansteigen wird. Dann: Die Bedeutung der Pflege als Therapie wird weiter steigen. Der betreuende Pflegetherapeut wird in der Frührehabilitation die Rolle des Fallmanagers einnehmen. Schließlich wird der Stellenwert apparategestützter Therapieformen zunehmen. Hier werden auch für uns weitere Investitionen notwendig sein, denn Therapiegeräte ermöglichen eine Steigerung der Therapieintensität und einen effizienten Personaleinsatz.

Autor: bz