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15. November 2017

Beide Kirchen sollten lernbereit sein

Theologe Ulrich Ruh sprach beim Katholischen Bildungswerk über "Katholiken, Protestanten und das Reformationsjubiläum 2017".

  1. Über den Vortrag von Ulrich Ruh freuten sich – in guter Ökumene – auch der katholische Pfarrer Bernhard Thum und die evangelische Pfarrerin Barbara Müller-Gärtner (von links). Foto: Roland Gutjahr

ELZACH. Und noch einmal war der große Jahrestag des Thesenanschlags von Martin Luther anno 1517, vor 500 Jahren, ein Vortagsthema im Elztal: Beim Katholischen Bildungswerk sprach dessen Leiter, Theologe Prof. UIrich Ruh über: "Katholiken, Protestanten und das Reformationsjubiläum 2017". Den ehemaligen langjährigen Chefredakteur der Freiburger Herder-Korrespondenz wollten als Experte zu dem aktuellen Thema viele hören: Etwa 70 Besucher kamen ins Pfarrzentrum.

"Das Jubiläum des Thesenanschlags erinnert daran, wie sehr das Nebeneinander von Protestanten und Katholiken Deutschland in den letzten Jahrhunderten religiös und kulturell geprägt hat und weiterhin prägt", hieß es in der Einladung zum Vortrag – und: "Wie kann es mit beiden Kirchen weitergehen?"

"Martin Luther gab die Initialzündung für eine Entwicklung, die die Koordinaten im religiösen Leben einschneidend verändert hat", skizzierte Ulrich Ruh zunächst den Ablauf der Ereignisse von 1517 bis zum Reichstag zu Augsburg 1530 ("Es war ein chaotischer Prozess mit vielen Mitspielern – etwa die aufrührerischen Bauern, Thoma Müntzer, die Kalvinisten etc. – aber es ging sehr schnell") und danach bis in die Neuzeit.

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Dann ging er auf "den Dualismus Katholiken/Protestanten als Grundelement deutscher Geschichte" ein: "Deutschland ist ein Sonderfall: Das einzige große europäische Land, in dem sich Katholiken und Protestanten die Waage halten – denn nicht der Kaiser, die Territorialfürsten hatten die Macht. Das Reich war formell katholisch, der Reichstag aber gespalten und die vielen einzelnen Territorien entweder reformiert oder katholisch", wobei es viele Gebiete – auch hier in der Region, etwa am Kaiserstuhl oder im Breisgau – gab, wo die "geltende" Religion von Ort zu Ort wechselte.

Nach dem Ende des alten Reichs 1806 setzte sich im 19. Jahrhundert die Religionsfreiheit mehr und mehr durch, wobei "evangelische Dynastien" (Baden, Württemberg, vor allem Preußen) ein Übergewicht bekamen und das Verhältnis im Zweiten Reich zwei Drittel Protestanten zu einem Drittel Katholiken lag. Das änderte sich erst wieder nach 1945, als es wieder etwa 50:50 stand. In der DDR gab es vorwiegend evangelische Gebiete, "aber die SED sorgte für eine Entchristlichung". So lautete die neue Bilanz ab 1989/90: Jeweils 30 Prozent Katholiken und Protestanten, fünf Prozent Muslime und der große Rest ohne Religion. Ruh: "Die beiden christlichen Kirchen, die Deutschland jahrhundertelang geprägt haben, haben heute also nur noch einen Anteil von 60 Prozent – es sind zwei gleich kleine Kirchen geworden, die es beide schwer haben."

Dann sprach Ulrich Ruh über das heutige Verhältnis: "Es gibt sehr viel evangelisch-katholische Zusammenarbeit auf vielen Gebieten. Und 2017 war das erste Reformationsjubiläum, das voll und ganz im Zeichen der Ökumene stattfand". Drittes ging es um die Frage: "Was entsteht aus der Reformation als Herausforderung für die Gegenwart?" Ruh: "Das protestantische Christentum ist seit der Reformation immer wieder dabei, sich selbst zu erfinden. Das Jubiläum 2017 wäre Anlass für kritische Selbstbetrachtung beider Kirchen. Es gibt zu viel katholische Theologen, die der evangelischen Kirche gerne kluge Ratschläge geben oder gar Vorschriften machen wollen." Dabei sei für sie selbst die Frage, was noch umzusetzen sei vom Zweiten Vatikanische Konzil – als grundlegendem Ereignis für die katholische Kirche im 20 Jahrhundert – "ein Blick auf die Weichenstellungen der Reformation hilfreich, da kann die katholische Kirche von der evangelischen was lernen." Weiter: "Beide Kirchen sollten lernbereit und offen sein; es gibt in beiden maßgebliche Leute, die das auch so sehen. Der christliche Glaube ist eine Sache, für die es sich lohnt, einzutreten". Und: "Die Selbstprüfung, die für beide Kirchen empfehlenswert wäre, ist kein Selbstzweck, sondern dient dazu: Wie schaffen wir es, den Glauben so lebendig zu halten, dass er wieder mehr Ausstrahlungskraft hat? Das ist alles nicht mehr selbstverständlich, auch hier bei uns nicht. Helfen Sie mit, dass diese Selbstprüfung Fortschritte macht und dass die beiden Kirchen dabei nicht vergessen, wofür sie da sind. Es wäre auch ein guter Wettbewerb zwischen beiden Kirchen."

Es gab Applaus, Lob und auch Skepsis: "Ich finde das großartig, wie Sie das machen, das gehört zur Ökumene, dass man nicht gleich mit Vorwürfen vorgeht, sondern so, wie Sie", sagte Jörg Weber aus Buchholz. "Eine gemeinsame Eucharistiefeier scheint offiziell gar nicht so einfach zu sein", so Pfarrer Hansjörg Weber. "Das wäre wunderschön, aber es sind ja zwei völlig verschiedene Ansichten", sagte zu diesem Thema Hermann Läufer.

"Warum haben die Kirchen so wenig Zulauf?", hieß noch eine Zuhörerfrage. Ulrich Ruh: "Um 1960 gingen noch 50 Prozent der Katholiken in den Gottesdienst, aktuell noch knapp 9 Prozent. Ich kann die Leute nicht in die Kirche tragen. Viel wert ist schon mal eine gute Predigt, die die Menschen zum Nachdenken bringt. Und manche Leute schätzen das Christentum lediglich als Abwehr gegen den Islam, interessieren sich aber sonst nicht dafür."

Das Schlusswort hatte Bildungswerk-Co-Vorsitzender Eberhard Hirschbolz: "Durch gegenseitiges Kennenlernen wird das ökumenische Verständnis größer."

Autor: Bernd Fackler