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26. September 2008 17:15 Uhr

Großfamilie sucht Wohnung

Elzach: Sat1-Reportage sorgt für Ärger

Ein Beitrag des TV-Senders Sat 1 sorgt im Elztal für Gesprächsstoff – und bei der Stadtverwaltung Elzach für Aufregung und Ärger. Sie sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

  1. Ulrike und Christian Landwehr aus Elzach-Prechtal suchen eine Wohnung für sich und ihre acht Kinder – vor laufenden Fernsehkameras. Foto: Sat1

  2. Ein Wasserschaden ist der Grund, warum die Familie nicht in der bisherigen Wohnung bleiben kann, sagen die Landwehrs. Foto: Sat1

  3. In Elzach, wo die Landwehrs (Bild) zu Hause sind, hat die Fernsehreportage für viel Gesprächsstoff gesorgt. Foto: Sat1

  4. Maklertermine gab es – aber bisher keine neue Bleibe. Nach der TV-Sendung sondieren die Landwehrs neue Angebote. Foto: Sat1

Ein Beitrag des TV-Senders Sat 1 sorgt im Elztal für Gesprächsstoff – und bei der Stadtverwaltung Elzach für Aufregung und Ärger. Sie sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

In der Serie "24 Stunden" wurde am vergangenen Dienstag unter dem Titel "Zusammen sind wir zehn! Großfamilie sucht Wohnung" über die Familie Christian und Ulrike Landwehr berichtet. Sie wohnt mit ihren acht Kindern seit fünf Jahren in Prechtal. Seit einiger Zeit wurde ihnen wegen Eigenbedarf gekündigt. Die Wohnungssuche dauert schon länger, war und ist angesichts der Größe der Familie nicht einfach und erstreckte sich unter anderem bis St. Peter und Lörrach. "Ich wollte ja am liebsten gleich ausziehen. Wenn’s konkret wurde, haben die Vermieter aber immer einen Rückzieher gemacht", so Christian Landwehr auf BZ-Anfrage. Die Alternative Kauf oder Bau schied deshalb aus, weil die Bank keinen entsprechenden Kredit zusagte. Und bei der Wohnungssuche half Christian Landwehr offensichtlich auch sein Beruf nicht weiter (Betriebsinhaber der "Buchungsstelle für Immobilien" Freiburg und Partner von "Musashi Freiburg Immobilien").

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Auch die Stadt Elzach kam – was nahe liegt – bei der Wohnungssuche ins Spiel. Per E-Mail nahm Landwehr im September 2007 erstmals Kontakt mit der Verwaltung auf und bat um Hilfe. "Auf der Basis eines Mietverhältnisses hat die Stadt derzeit keinen geeigneten Wohnraum", schrieb die Stadt am 2. Oktober 2007 zurück und sinngemäß-ähnlich nochmals am 18. Juni 2008 als Antwort auf die nächste Mail Landwehrs vom 4. Juni. Hinsichtlich der Ende November ablaufenden Räumungsfrist verwies die Stadt außerdem auf die Rechtslage: "Ein Einschreiten der Stadt kommt nur dann in Frage, wenn die Zwangsräumung unmittelbar bevorsteht. Zunächst ist zu prüfen, ob Sie sich aus eigenen Mitteln vorübergehend selbst helfen können – etwa durch vorübergehende Anmietung einer Ferienwohnung etc."

Dies brachte den Familienvater auf die Palme, was er in seinem nächsten Mail vom 4. Juli auch zum Ausdruck brachte. Hauptamtsleiter Josef Weißer schrieb im Auftrag von Bürgermeister Holger Krezer am 8. Juli zurück und bot ein Gespräch im Rathaus an oder einen Besuch in der Bürgermeistersprechstunde.

Darauf ging Christian Landwehr nicht ein – oder doch. Aber anders, als es üblich ist: Er kam am 16. Juli ins Rathaus – ohne Terminvereinbarung, dafür aber gleich mit einem im Auftrag von SAT1 filmenden Kamerateam von Imago-TV Berlin. Der Bürgermeister war aber gar nicht da. Kameras und Mikrofone liefen trotzdem weiter und da die "Besucher" darauf drängten, vereinbarte die Sekretärin einen (vorbehaltlich der Zustimmung des Bürgermeisters) Termin zwei Tage später.

"Ein Termin mit Herrn Landwehr ja, aber ohne TV-Team", schränkte die Stadt am anderen Tag ein. "Ein Gespräch vor laufender Kamera? Nein. Wir wollen keine Daily Soap aus unserer Arbeit machen", so der Bürgermeister zur BZ. Das schien die Fernsehleute nicht zu interessieren: Sie kamen am 16. Juli schon am Vormittag, erneut unangekündigt, erneut ins Rathaus und filmten drauf los, auch im Amtszimmer des Hauptamtsleiters. Worauf dieser vom Hausrecht Gebrauch machte, das Team aufforderte, die Kameras auszuschalten.

Eine Stunde (inklusive Werbeuntebrechungen) dauerte die Ausstrahlung des Films am Dienstag. Sie sorgte im Elztal für Gesprächsstoff, bei der Stadt aber vor allem für Ärger. Es gab teilweise übelste Beschimpfungen und persönliche Beleidigungen – meist in email-Form. Kostproben: "Ganz tolle Stadt, die Sie da vertreten. Scheiß kinderfreundliche Stadt.." "Sehr interessant die Reportage, wo man euch Schwaben so erlebt hat, wie man sie sich vorstellt (geizig, asozial)…"

Die Stadt reagierte zunächst in Form einer Presseerklärung: "Dieser ’Bericht’ hat zu massiven Reaktionen geführt, die von unberechtigten Vorwürfen gegenüber der Stadtverwaltung bis hin zu beleidigenden Äußerungen und verbalen Angriffen gegenüber Amtspersonen reichen". Man prüfe deshalb, ob rechtliche Maßnahmen ergriffen werden. Und betont: "Die Stadtverwaltung ist, wie sie bereits in ihrem letzten Schreiben an die Familie vom 8. Juli betonte, zu einem Gespräch mit der Familie über ihre Mithilfe bei der Lösung des Wohnungsproblems bereit. Allerdings ist sie nicht bereit, ein solches Gespräch unter Teilnahme von Funk und Fernsehen abzuhalten".

"Es wurde von der Stadt der Familie Landwehr kein Gegentermin vorgeschlagen", wendet Jana Kriewald ein. Sie ist Redaktionsleiterin von Imago-TV GmbH aus Berlin-Charlottenburg, der Firma, die den Film drehte: "Wir haben als Reporter eine Familie begleitet und nichts anderes. Und hatten noch nie so viele Zuschauerreaktionen wie nach dieser Sendung." Und weiter: "Wir würden sehr gerne ein Interview mit den Verantwortlichen der Stadt Elzach machen". Doch habe es ihnen gegenüber seit Ausstrahlung der Sendung noch keine Reaktion der Stadt gegeben, wundert sich Jana Kriewald.

Ebenfalls verwundert – und vor allem verärgert – ist Bürgermeister Holger Krezer: "Den Herrn Landwehr habe ich zum ersten Mal überhaupt im Fernsehen gesehen, vorher nicht. Unser Gesprächsangebot zuvor wurde nie angenommen. Anscheinend war’s von Anfang an darauf angelegt, dieses medienwirksame Spektakel aufzuziehen. Wenn ich den Film sehe, denke ich doch auch bloß: ’Schreckliche Verwaltung’. Aber wir sind uns keines Fehlers bewusst." Und weiter: "Ich muss mir als öffentliche Person schon was gefallen lassen. Aber das geht einfach drüber raus. Da will man uns zum Depp machen und den Herrn Weißer zum Rambo. Und die Stadt als kinderfeindlich hinstellen. Das regt mich auf!"

Für die Familie Landwehr tickt – TV- Sendung hin oder her – die Zeit unerbittlich weiter: Die Räumungsfrist läuft bis 30. November. Immerhin scheint sich für das Problem der Landwehrs die Sat1-Sendung erfreulich auszuwirken: "Sehr positiv, wir haben konkrete Wohnungsangebote bekommen. Wobei: Es muss halt dann auch passen", so Christian Landwehr gestern auf Anfrage der BZ. Den Ärger der Stadtverwaltung kann er hingegen nicht nachvollziehen: "Ich wollte keinen Stress machen. In dem Film wurde auch nichts übertrieben oder untertrieben. Und die Kameraleute waren doch freundlich und total entspannt."

Letzteres ist offenbar eine Sache des Betrachters, glaubt man dem "Kommentar" eines Rentners aus Oberprechtal, der an jenem Julitag zufällig ebenfalls im Rathaus anwesend war: "Des Filmteam? Die ware’ unverschämt. Sind einfach reingekommen. Ich hätt’ die nicht so freundlich behandelt, wie’s die Leut’ von der Stadt g’macht hän. Wenn’s bi mir deheim gsi wäre, donn hätt’ ich die hochkant rausg’worfe."

Autor: Bernd Fackler