Schrille Töne und harte Vorwürfe

Michael Haberer

Von Michael Haberer

So, 22. Juli 2018

Elzach

Der Sonntag Im Streit um die Elektrifizierung der Elztalbahn gingen gestern die Befürworter eines raschen Ausbaus auf die Straße.

Die Elztalbahn steht vor der Elektrifizierung – vielleicht aber auch nicht. Die jüngste Ankündigung der Bahn, dass sich der Ausbau verzögere, schürt Ängste, dass die Elztalbahn ganz auf der Strecke bleibt. Gestern hat das Bürgerbündnis "Elztalbahn jetzt" in Elzach für den zügigen Ausbau und Halbstundentakt demonstriert.

"Eine kleine Gruppe darf es nicht schaffen, das große Projekt zu verhindern", sagt Philipp Saar, Bürgermeister von Haslach im Kinzigtal, auf der Kundgebung in Elzach. Das Stadtoberhaupt ist über den Berg gekommen, um sich solidarisch mit jenen Elztälern zu zeigen, die den Ausbau der S-Bahn fordern. Der Bahnhof Elzach ist auch Anlaufstelle für viele aus dem Kinzigtal, die hier den Zug in Richtung Breisgaumetropole nehmen.

"Die von Herrn Hirschbolz [gemeint ist CDU-Kreisrat Matthias Hirschbolz] und dem Bürgerbündnis aus Kommunalpolitikern populistisch geführte Diskussion in Trump’scher Manie mit alternativen Fakten ist keineswegs zielführend", hält Niklas Vartmann für die Bürgerinitiative Elztalbahn und die Interessengemeinschaft-Kreuzungsbahnhof-Gutach in einer Pressemitteilung dagegen.

Die beiden BIs sind jene "kleine Gruppe", die in den Augen der Befürworter des Ausbaus das Projekt verzögern oder gar zum Erliegen bringen wollen. Und Vartmann, der insbesondere den CDU-Kreisrat Matthias Hirschbolz als Scharfmacher im Visier hat, kontert, dass die Gegenseite im Stil eines nicht recht zurechnungsfähigen US-Präsidenten die Fakten verdrehe. Zwischen dem Vorwurf, für Eigeninteressen werde die Zukunft des ganzen Tals aufs Spiel gesetzt, und dem Gegenvorwurf, Fake News zu verbreiten, bewegt sich dieser Streit um die Elektrifizierung der Elztalbahn.

Derzeit stehen alle Nebenstrecken in Südbaden, auf denen noch die alten Dieselloks fahren, vor der Umrüstung auf E-Betrieb. Diese Elektrifizierung der Regionalbahnen läuft seit geraumer Zeit und von nirgends sind so schrille Töne zu hören wie aus dem Elztal. Symbolisch dafür sind die Ängste der BI Elztalbahn vor dem Elektrosmog durch die E-Züge. Dieses wortgewaltig vorgetragene Argument gegen die Elektrifizierung hat die Eigenschaft, dass es als Aufreger taugt und nicht leicht aus der Welt zu schaffen ist. Die BI nimmt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Zeugen, dass den Anrainern der Elztalbahn Schlimmes droht. Die WHO vermutet, dass Elektrosmog Krebs erzeugt. Zur Verhältnismäßigkeit dieser Einschätzung: Die WHO vermutet nicht nur, sondern geht fest davon aus, dass Wurst und Wein Krebs erregen.

Gerade wird die Kaiserstuhlbahn für die kommenden E-Züge umgerüstet. Auch da wurden Bedenken laut wegen möglicherweise kreischender Räder und brummender Generatoren der kommenden Talent-Züge. Doch eine so schrille Tonlage hat die Auseinandersetzung am Kaiserstuhl nie angenommen. Die Elztalbahn-BI hingegen hat ein ganzes Arsenal an Gründen zusammengetragen, die gegen den geplanten Ausbau sprechen. Dies reicht vom Takt der Rheintalbahn bis zur Länge der Bahnsteige. Die BI wehrt sich dagegen, den Halbstundentakt und damit pulsierendes Pendlerleben für das Elztal verhindern zu wollen. Halbstundentakt und Elektrifizierung haben laut BI nichts miteinander zu tun. "Die Diesellok hat keine Zukunft", meinen dagegen die Kreisrätin Pia Lach und der Elzacher Stadtrat Joachim Disch auf der Kundgebung von "Elztalbahn jetzt". Wenn in absehbarer Zeit auf allen anderen südbadischen Strecken E-Züge fahren, stünden die Zeichen schlecht für die Elztalbahn.

Die Auseinandersetzung hat zusätzlichen Zündstoff bekommen, als jüngst weitere Verzögerungen beim Planfeststellungsverfahren bekannt wurden. Im bisherigen Verfahren hat die Bahn bereits versucht, viele Einwendungen zu entschärfen, und hat den Kreuzungsbereich Gutach-Bleibach umgeplant. Wegen der Umplanung war eine zweite Offenlage nötig. Da hagelte es noch viel mehr Einsprüche als zuvor. Diese müssen jetzt erst einmal abgearbeitet werden. Zu einem Beschluss des Eisenbahnbundesamtes dürfte es nicht vor Januar kommen. Da die Verantwortlichen davon ausgehen, dass Widerspruch und vielleicht der Gang vors Verwaltungsgericht folgen, kann sich die Realisierung hinziehen.

"Bewusst eine unreife Planung offengelegt"

Den Vorwurf, der große Verzögerer zu sein, möchte sich die BI nicht gefallen lassen. "Die zweite Offenlage der DB Netz AG (war) derart lücken- und fehlerhaft, dass die zahlreichen Einwendungen eine zwingende Konsequenz dieser unzureichenden Planungsunterlagen waren." Dass die DB Netz AG nun die Einwendungen als Grund für die Verzögerung nenne, lasse den Eindruck entstehen, dass "bewusst eine unreife Planung offengelegt wurde, um Zeit zu gewinnen und einen Schuldigen zu präsentieren", erklärt die BI in ihrer jüngsten Presseerklärung. Auch diese Behauptung hat den Charme, dass man sie stehen lassen muss. Wer weiß schon, was die Bahn im Schilde führt?