"Das Kind musste geboren werden"

Sylvia-Karina Jahn

Von Sylvia-Karina Jahn

Mi, 05. September 2018

Emmendingen

BZ-INTERVIEW mit Thomas Erle, der nach vier Krimis jetzt eine Abenteuer-Trilogie veröffentlicht / Erster Band kommt im Oktober.

EMMENDINGEN. Thomas Erles neuestes Buch ist fertig, es heißt "Das Lied der Wächter", erscheint Anfang Oktober und ist Auftakt einer Trilogie. Sylvia-Karina Jahn sprach mit ihm über den Abenteuerroman.

BZ: Neues Buch, neues Genre – wie kommt’s? Hängt Ihnen Ihr ermittelnder Weinhändler Lothar Kaltenbach zum Halse ’raus, oder haben Sie das Krimischreiben satt?

Erle: Ich bin und war nie auf Krimis festgelegt. Ich habe immer gern geschrieben, zwei Romane und Kurzgeschichten, aber einfach so für mich. Dann wollte ich etwas mehr Spannung ’reinbringen. So ist die Teufelskanzel, mein erster Kriminalroman, entstanden. Auf der Suche nach einem Verlag war mir der Gmeiner-Verlag am sympathischsten. Der ist aber überwiegend ein Krimiverlag und bald kam die Frage: Kommt noch einer? Die Teufelskanzel ist von allen meinen Büchern das bestverkaufte und bereits in der sechsten Auflage. Ich habe Spaß an den Figuren, an Kaltenbach, seiner Freundin und am Malecker Dorfleben, das ich beschreibe. Aber nach vier Krimis wollte ich mal was anderes schreiben.

BZ: Sie sagten, die Idee lag schon lange in der Schublade. Warum haben Sie sie jetzt ausgepackt?

Erle: Das war wie eine Schwangerschaft, das Kind musste jetzt geboren werden. Den Ursprung nahm die Geschichte in meiner Liebe zum Schwarzwald, zur Natur und zur Welt; ich bin auch viel gereist. Und dann kam die Idee: Wie wäre der Schwarzwald richtig ursprünglich? Der Mensch hat ihn sich total erobert. Aber wenn es anders wäre? Wo sind die alten Kräfte geblieben, die dem rationalen Menschen so fern sind? Und nein, es gibt keine Fee mit Flügeln und keine Eichhörnchen mit drei Schwänzen, aber Ahnungen und Gefühle, wie sie ein naturverbundener Mensch im Schwarzwald noch heute erleben kann.

Der Schwarzwald schlägt

zurück – das wirft spannende Fragen auf

BZ: Ein bisschen Zukunft, ein bisschen Mystik, vielleicht ein bisschen Esoterik – was ist so spannend daran?

Erle: Ich habe überlegt, wie es wäre, wenn der Schwarzwald so ursprünglich wäre wie früher, vor der Besiedelung. Die größte Schwierigkeit dabei war es, ein glaubwürdiges Setting zu finden. Also: Wie schaffe ich es, dass im Schwarzwald kaum mehr Menschen sind? Ich hätte ein paar hundert Jahre zurückgehen können, aber das wäre ein historischer Roman geworden, und da gibt es schon viele gute, oder 100 Jahre nach vorn. Aber dann fand ich die Lösung vor der Nase: Ich habe Fessenheim in die Luft gesprengt und den Schwarzwald evakuieren lassen. Radioaktivität spielt dann zwar im Buch keine große Rolle mehr, aber sie ist der Vorwand für die Behörden, den Schwarzwald zu evakuieren und zu sperren, weil Dinge passieren, die sich keiner erklären kann – der Schwarzwald schlägt zurück, und das ist unheimlich. So funktioniert dort nichts mehr, es gibt keinen Strom und nicht mal Batterien. Das wirft spannende Fragen auf – wie kann man überleben?



BZ:
Und was ist mit den Menschen passiert?

Erle: Da ist ein junges Ehepaar, das während der Katastrophe im Schwarzwald wandert und seinen kleinen Sohn bei Verwandten zurückgelassen hat. Als der Junge 16 Jahre später erfährt, dass seine Mutter seine Tante ist, will er seine Eltern im Schwarzwald suchen. Der aber ist noch immer Sperrgebiet – mit ganz alten Herausforderungen: Wie entkommt man einer Horde Wildschweine, was ist mit den Wölfen? Felix’ Abenteuer beginnt in Waldkirch, führt ihn über das Simonswälder Tal hinauf zum Mathisleweiher, zum Schluchsee und nach Menzenschwand, dem Ort, den seine Eltern erwandern wollten. Ich bin selbst immer gespannt, wie es weitergeht. Es ist eben ein Abenteuer und auch eine Coming-of-Age-Geschichte, ein Entwicklungsroman.

BZ: Was hat den Verlag bewogen, auf die neue Geschichte einzusteigen?

Erle: Ich hatte einen Termin mit meiner Lektorin, die nach dem nächsten Kaltenbach-Krimi fragte. Ihr gefiel die neue Idee. Im Verlag war man zunächst skeptisch und wollte einen 1000-Seiten-Wälzer draus machen. Dann hat wohl der halbe Verlag das erste Buch gelesen und alle waren begeistert. Jetzt soll es ein überregional beworbener Spitzentitel werden.

BZ: Die Geschichte ist also als Trilogie angelegt, der zweite Band soll im März 2019 erscheinen und der dritte im Oktober 2019. Das ist eine Menge Stoff – wie viel schreiben Sie pro Tag?

Erle: Bisher habe ich für ein Buch etwa ein Jahr Zeit gehabt, jetzt müssen 400 Seiten in fünf Monaten entstehen. Seither schreibe ich sehr diszipliniert: Ich arbeite fünf Tage pro Woche und nutze einen Tag als Puffertag, wenn’s nicht so läuft; und einen Tag habe ich frei. Pro Schreibtag sollten fünf Normseiten entstehen, also mit 30 Zeilen á 60 Anschlägen; manchmal werden es auch etwas mehr. Ich schreibe ja mit der Hand, gern auf dem heimischen Balkon, und übertrage das dann in den Computer. Ich nutze auch ein Diktiergerät, in flüssigen Phasen diktiere ich dann direkt.



BZ:
Für Ihre Krimis haben Sie zudem sehr ausführlich recherchiert...

Erle: Das ist bei diesem Projekt nicht anders. Recherchieren muss ich auch: So soll Felix in der verlassenen Hexenlochmühle vakuumierten Schwarzwälder Schinken finden. Also habe ich nachgefragt, wie lange sich so was hält – und erfahren, dass nach 16 Jahren quasi nichts mehr übrig ist. Und ja, ich war und bin viel vor Ort, etwa am Schluchsee, wo ein wichtiger Abschnitt spielt – ich weiß jetzt viel über Staumauer und Stromerzeugung.

BZ: Sie sind erst mal gut ausgelastet – gibt’s wirklich keinen Kaltenbach mehr?

Erle: Die Wächter-Trilogie ist das Buch, das ich am liebsten schreibe, jeder Vergleich ist da verkehrt. Es hat keine neue Sprechstimme und Diktion. Aber was die Geschichte vorwärts treibt, ist eine Unruhe, erzählerisch im besten Sinn. Und ich erzähle gern. Es steckt viel mehr von mir in diesem Werk als in den Krimis, da habe ich Kaltenbach nur die eine oder andere Marotte ausgeliehen. Und ich habe noch viele Ideen, ich würde gern einen Roman über London schreiben – das ist meine Lieblingsstadt. Doch wenn ich nochmal einen Krimi schreibe, dann mit Kaltenbach – ich mag ihn wirklich!

Termine: Donnerstag, 4. Oktober Premiere mit Lesung in Emmendingen / offizieller Erstverkaufstag; Samstag, 6. Oktober Signierstunde Buchhandlung Sillmann, Dienstag, 16. Oktober Lesung in Waldkirch (Mediathek) und Freitag, 9. November Lesung in Kenzingen (Hotel Mühle-Insel)