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22. Februar 2010 15:31 Uhr

15 Jahre Jüdische Gemeinde Emmendingen

Den Menschen eine Heimat gegeben

"Sie haben den Menschen eine Heimat gegeben, was eine Behörde mit noch so viel Mitteln und Personen nicht kann", würdigte Landrat Hanno Hurth die Aufbauarbeit der jüdischen Gemeinde Emmendingen anlässlich des Empfangs zum 15-jährigen Bestehen am Sonntag in der Steinhalle.

  1. Wolfgang Fuhl, der Vorsitzende des Oberrats (Mitte) überreichte Vorstand und Geschäftsführung ein Gemälde Foto: Zimmermann-Duerkop

Jüdische Tradition werde durch die Gemeinde mit Leben erfüllt, zur Bereicherung des Lebens für die Mitglieder und die Menschen im Landkreis und der Ortenau.

"Jüdisches Leben ist heute aus Emmendingen nicht mehr wegzudenken", freute sich die Vorsitzende Ute Teschemacher über die Wertschätzung für die Gemeinde durch den Besuch zahlreicher, renommierter Gäste. Dass dies nicht immer so war, rief Landrat Hurth in Erinnerung, denn die Israelitische Landesgemeinde Baden hatte noch 1954 das Haus der alten Synagoge an die Stadt verkauft, da nicht damit gerechnet wurde, dass Juden wieder ansässig würden. Fünf waren es dann doch, als 1988 im Vorfeld des Besuchs von ehemaligen jüdischen Mitbürgern eine breite Diskussion über den Gedenktafeltext für die in der Pogromnacht zerstörte Synagoge entfacht wurde. "Dem damaligen BZ-Redaktionsleiter Gerhard Kiefer gebührt noch heute ein Orden dafür", so Klaus Teschemacher. Es sei für Deutschland einmalig, dass auf einer solchen Tafel die Bürger der Stadt als Täter benannt werden.

Gemeindezentrum als nachträgliches Geburtstagsgeschenk

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Geschäftsführer Teschemacher erinnerte an die spannungsgeladene Gründungszeit der Gemeinde. "Es ging auch um Machtpolitik im Oberrat der Israeliten Badens", so dessen Vorsitzende Wolfgang Fuhl. Eine Phase, über die man sich schämen müssen und in der unsinnig Geld verbraten worden sei. Was die Emmendinger Gemeinde "im Prinzip mittellos" mit Willen und Durchsetzungskraft geschaffen habe, verdiene höchsten Respekt. Zumal aus der Emmendinger Gemeinde seit Jahren auch Mitglieder des Vorstandes des Oberrats kommen. Fuhl würdigte die Vielfalt des Gemeindelebens, erinnerte aber auch an die Verpflichtung zur Solidarität mit anderen Gemeinden. Als Geburtstagsgeschenk stellte er in Aussicht, dass es bis zum Gedenktag an die Deportation am 21. Oktober gelingen könne, die Gemeinde von ihren Schulden zu befreien und ihr das Gemeindezentrum an der Landvogtei zu übergeben. Zugleich warnte Fuhl davor, "den erschreckend wachsenden Antisemitismus in Europa nicht wahrnehmen zu wollen und dabei auf dem rechten, aber auch auf dem radikalislamischen Auge blind zu sein".

An die gemeinsamen Wurzeln erinnerte Yilmaz Ceylan. "Man muss sich vor unserer Religion nicht fürchten", betonte der Immam der Emmendinger Muslime und betonte den interreligiösen Dialog vor Ort. Miteinander reden, sich besuchen, biete die Möglichkeit des Kennen Lernens und bereite den Boden für ein friedliches, gesegnetes Miteinander.

Pfarrer Georg Metzger erinnerte daran, dass die Gemeinde vielen Juden aus den Sowjetrepubliken ihre "Glaubensheimat zurückgegeben hat". Mit der Gründung der Gemeinde sei eine schmerzende Lücke geschlossen worden, so der Pfarrer der evangelischen Stadtkirche. "Die jüdische Gemeinde ist eine Bereicherung für alle", betonte für die Katholiken Kooperator Michael Teipel.

"Das Jubiläum ist ein Grund zur Freude", so Landesrabbiner Benjamin Soussan. Er erinnerte an den aktuellen Freudenmonat Adar und wünschte eine erfüllte Zukunft – "ad mea ve’esrim" – bis zum vollkommenen Alter von 120. "Froh und dankbar sei sie für das Aufblühen jüdischen Lebens", betonte Carola Grasse. Die Vorsitzende des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur versprach zugleich, die Gemeinde auch zukünftig nach Kräften zu unterstützen.

"Die Wiedergründung war ein Pflänzchen der Hoffnung", erinnerte Oberbürgermeister Stefan Schlatterer. Dass es die jüdische Gemeinde, die noch in diesem Jahr erstmals wieder eine Hochzeit nach traditionellen Ritus feiern kann, wieder gibt, sei eine Freude und eine soziale, kulturelle und religiöse Bereicherung für die Stadt.

"Es waren nicht wir allein, die jüdische Gemeinde ist, was die Mitglieder aus ihr gemacht haben", dankte Klaus Teschemacher für die vielfach angestimmte Würdigung des Engagements seiner Frau Ute und von ihm selbst. Und dennoch bleibt, da waren sich alle Festredner einig: Ohne das Ehepaar Teschemacher gebe es die Gemeinde nicht.

Weitere Fotos von der Feier unter http://www.badische-zeitung.de/fotos

Autor: mzd