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31. Oktober 2009
Der Sprung in die Freiheit
MENSCHEN IN DER STADT: Klaus Heidinger schaffte vor 44 Jahren den Absprung aus der DDR
EMMENDINGEN. Den 21. Juni 1965 wird Klaus Heidinger nie vergessen. Da sprang er um 21.30 Uhr vom Urlauberschiff "Fritz Heckert" in die Ostsee. So gelang ihm die Flucht in den Westen.
Dort war er auch geboren, 1937 im schweizerischen Laufenburg. Aufgewachsen ist er freilich in Leuna bei Halle, wo sein Vater als Chemiker arbeitete. Er selbst studierte Bauingenieurwesen an der Technischen Hochschule Dresden. Als er 1961 sein Diplom machte, wurde gerade die Mauer gebaut.Schlecht ging es ihm nicht: Er arbeitete an einem der Vorzeigeprojekte der DDR mit, dem Neubau der Erdölraffinierie in Schwedt an der Oder. Aber er litt sehr darunter, dass es keine Meinungs- und Informationsfreiheit gegeben habe, erzählt er im BZ-Gespräch. "Man stand ständig unter Druck, musste mit zwei verschiedenen Zungen reden, den privaten und dienstlichen Bereich trennen." West-Radio hören? Streng verboten.
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Schon vor dem Start kam der erste große Schreck für die Flüchtlinge: Ein Mercedes mit Hamburger Kennzeichen wartete am Kai, und das Auslaufen verzögerte sich. Waren sie verraten worden? Nein, es handelte sich um einen Matrosenaustausch. Aber die Fahrt ging erst vier Stunden später los – beim Bundesgrenzschutz rätselte man schon, ob man nicht einem schlechten Scherz aufgesessen war. Dennoch wartete das Schnellboot.
An Bord des Urlaubsschiffs war die Stimmung gespannt: "Da fuhren 90 Prozent Rentner und zehn Prozent junge Leute, und die waren fluchtverdächtig", sagt Heidinger. Mit gutem Grund. Als das Schnellboot in Sicht kam, nutzte ein anderer junger Mann die Chance. Daraufhin wurden die Decks geräumt, keiner durfte mehr hinaus. Heidingers Freund sprang noch, ihn selbst hielten Matrosen fest – ihm blieb nur, im Schiff hinauf zum höheren Deck zu spurten, zwei Stewardessen zur Seite zu stoßen und aus zwölf Metern Höhe über die Rettungsseile einen Kopfsprung zu riskieren. Seine Uhr wurde ihm weggerissen, doch das Grenzschutz-Schnellboot ließ sofort sein Rettungsboot ins Wasser. "Ich musste nur zehn Minuten schwimmen", sagt er heute gelassen. Und Schwimmen war schon immer sein Sport, das Ostseewasser 16, 17 Grad warm. Das Schwimmen mit Kleidern hatten seine Freunde und er im Baggersee trainiert und dabei gelernt, dass man beispielsweise nicht kraulen darf – dabei würde der Pulli zum Sack, und umziehen konnten sich die Flüchtlinge ja nicht.
Das Schwierigste sei es gewesen, im entscheidenden Moment den Mut zu finden, auch wirklich zu springen, erinnert sich Heidinger. Wieder und wieder hat er diesen Moment im Kopf durchgespielt, bis er nachts davon träumte (und nicht immer angenehm). Einer der vier Freunde hat den Sprung nicht gewagt, der letzte schaffte es sogar aus 16 Metern Höhe.
Über ein Netz kletterte Heidinger in das rettende Boot, bekam Kaffee, Bundeswehrklamotten und war zufrieden. Sein Führerschein, den er mitgenommen hatte, half ihm bei den Formalitäten. Leicht war die erste Zeit trotz aller Unterstützung durch Verwandte nicht, denn bis 1973 konnte er zu Eltern und den vier Geschwistern keinen Kontakt aufnehmen: Nur die Mutter, seit 1966 Rentnerin, durfte ihn besuchen. Er arbeitete in Karlsruhe, in Wiesbaden, wo er seine Frau kennenlernte, und in München. In der Zeit der Wirtschaftskrise 1973/74 fand er eine Stelle beim Straßenbauamt in Freiburg als Bauleiter für Straßen- und Brükenbau wurde. Eine Tätigkeit, die ihm sehr viel Spaß machte; die Umgehung Kirchzarten, der vierspurige Ausbau der B 3 bei Höllsteig und der Anschluss des Gewerbeparks Breisgau zählten zu den Großprojekten, die er betreute. Ein Zuhause fand er mit seiner Familie in Emmendingen, wo sein Cousin lebte. Die Stadt gefiel ihm: Bildungsmöglichkeiten, Bahnhof, Sportplatz und Bad waren ihm wichtig.
Autor: Sylvia-Karina Jahn
