Die Hochburg und ein Wellnesspark?

Sylvia-Karina Jahn

Von Sylvia-Karina Jahn

Fr, 01. September 2017

Emmendingen

BZ-INTERVIEW mit Thomas Erle, dessen vierter Krimi um den Emmendinger Weinhändler Kaltenbach Anfang September erscheint.

EMMENDINGEN. Thomas Erle aus Emmendingen hat den vierten Krimi um den Weinhändler Kaltenbach geschrieben. Er heißt "Hochburg", weil es um ein Großprojekt am Fuß der zweitgrößten Burgruine Badens geht – und um Unfälle, die vielleicht doch keine sind. Sylvia-Karina Jahn sprach mit dem Autor – natürlich auf der Hochburg!

BZ: Ihr neues Buch "Hochburg" kommt Anfang September in den Handel. Ein bisschen Spannung muss da schon bleiben, aber verraten Sie unseren und Ihren Lesern, worum es diesmal geht?
Erle: Es geht um ein richtig großes Projekt, das den ganzen Bereich unterhalb der Ruine umfasst – Maleck bis zur Zaismatt hinaus und bis nach Windenreute. Ein Investor will dort für viele Millionen Euro eine Konkurrenz zum Europa-Park schaffen, mit Wellnessanlage und allem Drum und Dran. Auf der Hochburg soll natürlich auch was geschehen, Erlebnisgastronomie, Führungen, Kinderspielplatz. Die einen finden das super und eine tolle Möglichkeit, die anderen sind entsetzt. Lieber Maisfelder oder Grün für den Golfplatz? Landwirte sehen das ganz pragmatisch. Solche Streitigkeiten führen bis in die Familie, und auch im Gemeinderat sind alle hin- und hergerissen.

BZ: Wo holen Sie Ihre Ideen her, gibt’s einen konkreten Anlass für die Morde rund um die Hochburg?
Erle: Nein. Das kann mir spontan bei einem Spaziergang einfallen – so war es mit der Wyhl-Geschichte, als ich in Bickensohl die Lössmauern sah. Bei 'Hochburg' spielt die Erinnerung an den ehemals geplanten Golfplatz mit hinein. Meine ersten drei Bücher waren sehr aufwändig in der Recherche – über die Kelten, über Goethe und über den Wyhl-Protest – und ich wollte dieses Mal eigentlich einen ganz normalen, einfachen Krimi schreiben, von Mord und Totschlag, Gut und Böse. Und dann wurde eine Buch daraus, das mehr Recherche erforderte als alle anderen.

"Fängt man an zu bohren, kommt vieles ’raus."

BZ: Und warum?
Erle: Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Fängt man an zu bohren, kommt vieles ’raus. Ich habe mich mit Malecks Ortsvorsteher Felix Schöchlin getroffen, der auch – unter dem Namen Schätzle – in dem Krimi vorkommt (ein Krimi über Maleck ist ohne den Ortsvorsteher nicht denkbar). Er hat mir viele Geschichten erzählt, die mir wiederum Ideen lieferten. So erzählte er mir vom Gewann Kirchmatt, und das brachte mich darauf, den Hof dorthin zu legen, der dem ersten Opfer gehört. Das Gebäude habe ich erfunden. Denn ich will zwar gut recherchieren, aber es gibt auch eine Privatsphäre – Maleck hat grade mal gut 400 Einwohner.

BZ: Sie könnten es einfacher haben – mit weniger Lokalkolorit, mehr Verfremdung.
Erle: Das ist schon klar, aber nicht das, was ich will. Lokalkolorit ist reizvoll, aber ich will niemandem zu nahe treten und ich glaube, der Balanceakt ist gelungen. Im Übrigen sehe ich die Nähe als Heimvorteil. Ich kenne Maleck und Emmendingen, ich habe in Maleck gelebt und wohne jetzt in Emmendingen; aber ich gehe auch oft an die Schauplätze. Wegen der Atmosphäre des Ortes, aber auch die Beschreibung muss stimmen. Beispielsweise auf dem Friedhof in Maleck: Wenn Sie durch das schmiedeeiserne Tor gehen, ist links die halboffene Halle und rechts der Gedenkstein für die Kriegsopfer, und man hat einen Blick auf die Hochburg. Das wird im Buch auch so beschrieben. Die Details geben mir Sicherheit und helfen beim Schreiben.

BZ: Wie muss ich mir eine Recherche für fiktive Ereignisse vorstellen?
Erle: Sehr gründlich! Bisher war ich überzeugt, dass in einem Ort wie Maleck bestimmt noch nie ein Gewaltverbrechen passiert sei. Im Gespräch mit Herrn Schöchlin bekam ich dann Informationen, die mich sehr überrascht haben. Ich habe mit Stadthistoriker Hans-Jörg Jenne gesprochen, wegen der Wasserleitung aus dem Tennenbacher Tal. Und weil in meinem Buch die Frage auftaucht, ob die Bremsen eines Traktors manipuliert worden sein könnten, habe ich Bernhard Schmolck gefragt und gute Tipps bekommen. So erhalte ich eine Fülle an Informationen, da fühle ich mich einfach besser – auch wenn ich längst nicht alles verwende. Ein bisschen zehre ich da aus meiner Erfahrung als ehemaliger Lehrer. Zuerst erarbeite ich mir einen möglichst umfassenden Fundus, aus dem ich dann auswähle.
BZ: Kommt es auch vor, dass Sie eine Idee beim Schreiben verwerfen – weil die Wirklichkeit nun mal anders aussieht?
Erle: Das kommt vor, aber bei diesem Buch war es nicht so. Es ist eher so, dass Kleinigkeiten nicht passen und ich sie dann ändere. Beispielsweise wollte ich den Professor, der über die Hochburg forscht, ursprünglich in Maleck wohnen lassen, aber dann hätte ich ihn dort ins Dorfgeschehen einbinden müssen. Ich habe ihn also nach Windenreute gesetzt – so ein kleiner Verortungs- oder auch ein Perspektivwandel helfen. Oder die Tageszeit passt nicht – das ändere ich dann beim Schreiben. Da ist eine Grenze, die ich mir selber setze: Die der Plausibilität. Der Leser muss das Gefühl haben, ja, so ist es oder zumindest so könnte es gewesen sein.
"Ich habe noch schreibreife Ideen in der Schublade."

BZ: Gibt es auch "Grenzen" von außen? Ich denke da an Verlagslektoren, die sagen "das wollen wir nicht drin haben" oder an "Beteiligte", die sich zu erkennen glauben – was ja gerade bei Ihren vom Rahmen her sehr wirklichkeitsgetreuen Krimis denkbar ist.
Erle: Ich versuche, Leute vor Ort nicht zu verwenden – außer Ortsvorsteher Schöchlin, der davon weiß und begeistert ist. Ansonsten bin ich immer bemüht, alle im Buch fiktiv zu halten. Anregungen gibt das reale Leben schon – beispielsweise bei Kaltenbachs bestem Freund, einem Alt-68er, der einige Züge eines guten Freundes von mir trägt. Generell will ich dem Leser aber auch Spielraum für die Fantasie lassen. Außerdem gibt es den rechtlichen Aspekt: Bei einer meiner Kurzgeschichten haben wir diskutiert, ob Bundestrainer Jogi Löw mit Namen vorkommen darf, und schließlich bei ihm angefragt und die Erlaubnis erhalten. In "Hochburg" spielt ein Film eine Rolle, der dort gedreht wird. Natürlich weiß jeder, welche Filme bei Maleck gedreht wurden. Deswegen habe ich bei Produzenten und Regie nachgefragt, ob ich den Namen verwenden dürfe. Die waren begeistert, rieten aber, noch beim SWR nachzufragen – und die antworteten, dass sie das nicht möchten. Dann habe ich mit der Lektorin gesprochen und wir haben beschlossen, es so zu verfremden, dass der real gedrehte Film keine Rolle spielt, sondern dort eine Art Heimat-Dokumentarfilm gedreht wird. Aber inhaltlich macht mir der Verlag keinerlei Vorgaben.

BZ: Apropos Inhalt: Ich habe oft den Eindruck, dass es Wellen oder Moden beim Krimischreiben gibt, was die Themen angeht. Bei Ihnen ist das zum Glück nicht der Fall. Aber gibt es so was wie einen Themen-Newsletter, aus dem Krimiautoren Ideen schöpfen?
Erle: Nein, den gibt es nicht. Diese Tendenz beobachte ich nicht nur bei Krimis und ich glaube, es liegt daran, dass die Projektleiter der Verlage eine gute Nase dafür haben, was gerade läuft. Aber ich will weder eine Welle noch einen Trend nutzen. Ich habe noch zwei bis drei schreibreife Ideen in der Schublade, die aber weder den Zeitgeist bedienen noch an der Tagespolitik kleben. Die Figur Kaltenbach steht für Normalität im besten Sinn, er ist "einer wie Sie und ich", interessiert sich für vieles und für anderes überhaupt nicht.

"Hochburg" erscheint im Gmeiner Verlag (374 Seiten, 14 Euro). Buchpräsentation und Signierstunde am 8. September bei der Endinger Lichternacht, Buchhandlung Vollherbst & Koch, 20 Uhr, und am 9. September in Emmendingen, Buchhandlung Sillmann, 11 Uhr; Premierenlesung am 26. Oktober bei Mercedes Schmolck in Emmendingen.