Eine unerklärliche Kraft

Ute Schöler

Von Ute Schöler

So, 30. September 2018

Emmendingen

Der Sonntag Der Autor Thomas Erle wechselt vom Krimi zum Roman – und bleibt im Schwarzwald.

In seiner Romantrilogie "Das Lied der Wächter" erzählt Thomas Erle aus Emmendingen vom Schwarzwald als einer menschenleeren, von einer rätselhaften Kraft beherrschten Sperrzone. Nach vier Regiokrimis betritt der Autor damit ein neues Genre.

Seit einem Reaktorunfall gilt der Schwarzwald als nuklear verseuchte Zone, von der junge Menschen nur Gerüchte kennen. Ein Freiburger Schüler erfährt, dass seine leiblichen Eltern am Unglückstag dort verschollen sind. "Felix will alles wissen. Er spürt, dass er Gewissheit kriegen muss und dringt in die militärisch bewachte, verbotene Zone ein", erzählt Erle. War der Autor inspiriert von Andrej Tarkowskis Film "Stalker"? Thomas Erle antwortet prompt: "Ja, die Bilder von Stalker sind schon so’n bisschen drin in mir."

Auf seiner Suche begegnet Felix Menschen, die sich in dem isolierten Bergland gruppenweise organisiert haben. Er trifft Lena, die für ihn zur Lotsin in dem von einer unerklärlichen Kraft beherrschten Gebiet wird, die Menschen mit lähmenden Zuständen überfällt und elektrischen Strom funktionslos macht. Nur alte Landkarten und ein sensorisch reagierendes Stück Eichenrinde dienen der Orientierung.

"Felix wächst an diesem Abenteuer", sagt Thomas Erle, selbst Vater zweier erwachsener Kinder. Das Erleben seines 16-jährigen Protagonisten vermittelt sich dem Leser auf eine selbstverständliche Weise, so dass man Seite für Seite gespannt der Handlung folgt: "Wie muss es den Bewohnern ergangen sein, als sie innerhalb von wenigen Stunden ihre Heimat verlassen mussten? Was hätte ich wohl mitgenommen, wenn mir dasselbe passiert wäre?", überlegt der Schüler in einem von Brombeerhecken überwucherten Waldkirch. Um die jahrelange Verwilderung plausibel zu beschreiben, hat Erle unter anderem einen Forstwirt befragt, sowie den Verband der Schinkenhersteller. "Selbst ein vakuumverschweißter Schinken hält nur drei bis vier Jahre, also finden Felix und Lena davon nur graue Masse", kommentiert er lächelnd diese Recherche.

Geboren 1952, hat Erle sich nach einem Studium in Mathematik und Sport zunächst auf Reisen begeben. Fast 30 Jahre hat er danach als Waldorfschullehrer gearbeitet, zuletzt zwei Jahrzehnte in Emmendingen. Neben der Berufstätigkeit entstanden zahlreiche Kurzgeschichten. 2013 erschien der erste Kriminalroman, gefolgt von drei weiteren Bänden und einem Regioführer im Gmeiner-Verlag Meßkirch.

"Ich bin ein Mensch, der sich für vieles interessiert. Das versuche ich auch meinen Figuren mitzugeben – Interesse für die Welt, für andere Menschen", erzählt der Autor, dessen um Emmendingen-Maleck spielender Krimi "Teufelskanzel" sich bereits in sechster Auflage verkauft. "Die Leute freuen sich über den Wiedererkennungswert", erklärt er die Beliebtheit seiner Schauplätze. Allerdings habe er vielleicht gerade noch Glück gehabt. "Damals waren die Regioregale noch nicht so voll."

Während der erste Band der neuen Trilogie gerade gedruckt ist, liegt der zweite schon fertig getippt bereit. "Im März muss die Fortsetzung erscheinen, deswegen hab ich mit der Lektorin einen Stufenplan verabredet. Pro Tag muss ich im Schnitt soundsoviel hinkriegen – es hat geklappt", berichtet der Autor.

Doch wieso der Genre-Wechsel? "Kennen Sie Gabriel García Márquez? 100 Jahre Einsamkeit ist eines meiner Top-Bücher", antwortet Erle. Bei seinen Fahrten mit der Vespa sei schon vor Jahren die Fantasie eines ganz ursprünglichen Schwarzwaldes entstanden und dazu die Frage: Könnte es sein, dass der Mensch irgendwann eine Grenze überschreitet und ein Ereignis auslöst, das uralte Kräfte als Hüter der Schöpfung zurückruft? "Das Lied der Wächter" stellt seine Protagonisten vor vielschichtige Aufgaben – nach Autoreneinschätzung zu lesen ab 13 Jahren.
Premierelesung am 4. Oktober, 20 Uhr, in der Stadtbibliothek Emmendingen, Landvogtei 8. Eintritt frei, aber Plätze begrenzt – Karten vorab in der Stadtbibliothek erhältlich. Weitere Infos, Termine und Signierstunden unter http://www.gmeiner-spannung.de