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28. November 2016

Fremd – nicht nur in Indien

Andrang auch beim zweiten Teil der Zeitreise im Tagebucharchiv.

  1. Auch bei der zweiten Zeitreisen-Lesung im vollbesetzten Barocksaal des Alten Rathauses am vergangenen Freitag sorgten Regina und Reinhard Stephan für die musikalische Umrahmung. Foto: Benedikt Sommer

EMMENDINGEN. Fast 140 Gäste und damit mehr als beim ersten Teil der Zeitreise des Deutschen Tagebucharchivs drängten sich bei Teil zwei im Barocksaal des Alten Rathauses. Auch diesmal ging es um die Begriffe fremd, bekannt, vertraut – nur stand diesmal die Begegnung mit fremden Ländern, Kulturen und Menschen und die Erfahrung der individuellen Entfremdung im Mittelpunkt.

Von Fremdheit als Erfahrung an einem anderen Ort, in einer anderen Lebenssituation oder im Zusammenleben mit fremden Religionszugehörigkeiten, aber auch als Erfahrung des sich Selbst-Fremd-Werdens, der Dissoziation vertrauter Lebenswirklichkeit, berichteten die Tagebücher, Briefe und Erinnerungen, aus denen Mitarbeiter des Archivs vorlasen. Schon der Auftakt, ein Flohmarktfund, konnte exotischer nicht sein: In drei englisch-indischen Kalendern beschrieb Anna Dorothy Majumdar, eine Deutsche, die im Kalkutta der 1930er-Jahre einen Inder aus einer Brahmanen-Familie heiratete, ihr Leben in einer fremdartigen Umwelt. Angelika Ott las aus den Aufzeichnungen, die beim Tod der Schwiegermutter der Autorin entstanden. Sie beschreiben die Bestattungs- und Trauerrituale der indischen Familie – und die Entfremdung, die aufgrund der nicht standesgemäßen Heirat mit der Deutschen unter den Söhnen entstand.

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Aus einer nicht minder fremden Welt berichtete Hans Kayen in einem Brief an einen Freund (gelesen von seiner Tochter, Marlene Kayen). Kayen besuchte in den achtziger Jahren die ehemalige DDR und beschrieb aufmerksam, nüchtern und zugleich mit feinem Humor seine Erlebnisse mit Kontrolleuren, die Kontrolleure kontrollierten, oder dem alltäglichen Schlangestehen beim Einkaufen. Eindrucksvoll und erschütternd vermittelte Katharina Hultzsch (gelesen von Ursula Weiss) in ihrem Tagebuch "jenes schreckliche Gefühl der Einsamkeit, des Verlassenseins" das sie erlebte, als sie um 1900 als Teenager, allein auf sich gestellt, bei englischen Familien als Kindermädchen und Erzieherin arbeitete. Von rücksichtsloser Ausbeutung bis zur sexuellen Belästigung durch den Familienvater, einen Pastor, durchlebte sie alle Tiefen ihres Berufs, erschwert dadurch, dass sie sich äußerlich nichts anmerken lassen durfte. "Den ganzen Tag über muss das Ich unterdrückt werden. Oh wie ich es hasse, das schreckliche konventionelle Lächeln".

Von der Erfahrung der Fremdheit im normalen Alltag handelten drei weitere Texte. Aus der "Masken-Welt" des Nachkriegswiens und von seiner persönlichen Selbstfindung berichtete der Beamte Franz Albert Pichler (gelesen von Christel Olejar), Lilly A. beschrieb in ihrem Tagebuch (gelesen von Pauline Bittendiebel) das Fremdwerden von besten Freundinnen in der Pubertät und der an einem Gendefekt leidende Robin Gassmann las aus seinen Erinnerungen über die Ausgrenzung auf einer Regelschule. Für musikalische Denkpausen sorgten wieder (mit Klavier und Trompete) Regina und Reinhard Stephan, Christa van Husen moderierte auch diesen kurzweiligen, ja spannenden Abend. Unter den Zuhörern waren Vertreter des niederländischen Tagebucharchivs und des Instituts für Geschichte der Universität Wien. Sie nutzten den Aufenthalt für ein informelles Arbeitstreffen des European Diary Archive Network.

Autor: Benedikt Sommer