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05. November 2013

Hohe Hilferufe

Ein Benefizkonzert in Emmendingen beschäftigt sich mit dem Thema Missbrauch – unter anderem.

  1. Heiko Triebener überzeugte an der Solo-Tuba Foto: Hildegard Karig

EMMENDINGEN. Man nehme gute Blasmusikerinnen und Blasmusiker aus der südbadischen Region, die eine Woche Zeit und Können zur Verfügung stellen, man gewinne einen kompetenten Dirigenten und Solisten und gehe auf die Suche nach Originalliteratur für symphonisches Blasorchester. Und stelle den Einsatz aller, auch derer, die im Hintergrund tätig werden, in den Dienst einer guten Sache: Mit diesen Sätzen begann die Rezension des elften Konzerts des Vereines "Benefiz – Musik und Kultur für andere" im Jahr 2012 – es ist kein Zufall, dass diese Sätze für das zwölfte Konzert übernommen werden können.

Es zeigt, wie schlüssig das Konzept nach wie vor ist. Spielte für das Projekt vor zwei Jahren ein Euphonium die Solorolle, ein tiefes Horninstrument, rückte für das aktuelle Projekt die Tuba in den Vordergrund. Heiko Triebener, Orchestermusiker und Lehrbeauftragter für Tuba an der Musikhochschule Würzburg, gestaltete den Solopart mit Bravour. "Alles, was zu sehen, eher, was zu hören ist" rund um den Bodensee fand sich in dem Musik gewordenen Stimmungsbild "Panoptikum" von Thomas Doss wieder. Dem ausdrucksstarken Spiel des Tubisten, dem Einsatz verschiedenster Percussionsklänge unter Einsatz von Klatschen, Stampfen und Fingerschnipsen gelang es, die Stimmungen hörbar zu machen – ein weites Spektrum, das von melancholisch-neblig-ruhig bis ausgelassen-laut-fetzig reichte.

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Plakative Paukenwirbel, Stille vor dem Applaus

Dirigent Thomas Ratzek agierte professionell und ausdrucksstark. Für die Leitung eines symphonischen Blasorchesters einen Profi-Trompeter gewinnen zu können, war eine optimale Vorbedingung für das Projekt, das über 80 Bläserinnen und Bläser vereinte. Mit Sorgfalt und Sicherheit rief Ratzek das Repertoire ab.

So sprang der Funke zu den Zuhörern mit der großartigen Ouvertüre von James Bornes über, die Glanz und Klangpracht einer symphonischen Bläserformation ausschöpfte. Die glänzende Intonation aller Bläsergruppen und die Einbeziehung von Harfe, Klavier, Vibraphon und Schlagwerk ergab neben allem glänzenden Blech und eher weichen Holzbläsern Klangfärbungen, die erstaunten: Zwischentöne eben – die Umsetzung des Titels des diesjährigen Workshops war hörbar gegeben.

Greifbar wurden die Zwischentöne durch die Emotionen, die sich mit der Interpretation des inhaltlich auf den Benefizzweck bezogenen Stückes "Watchman, tell us of the night" von Mark Camphouse n einstellte. Durch vorangestellte Hörbeispiele wurden die Hörer eingestellt auf eine Komposition, die durch ihre programmatische Anlage den gesellschaftskritischen Bezug als Hymne für Kinder, die Opfer von Misshandlungen wurden deutlich machte.

Sicher: Paukenwirbel und Trommelschläge wirkten plakativ – aber das abwärts gerichtete Intervall und die dissonanten hohen Holzbläser schienen Hilferufe zu sein, die absteigende Akkordfolge stand in bedrohlichem Gegensatz zum strahlenden Choral, der für die Hoffnung" stehen mochte.

Die bis in die Fingerspitzen ausdrucksvolle Körpersprache von Dirigent Ratzek verdichtete die Intensität der Wiedergabe. Es dauerte einige Sekunden, bis sich der Applaus einstellte. Das Programm "Mutige Mädchen" soll Mädchen gegen sexuelle Übergriffe stärken. Der Benefizgedanke hätte nicht effektvoller dargestellt werden können.

Mit einer Ratzek-Bearbeitung der Dance Movements von Philip Sparke zeigte sich erneut die Qualität des Ensembles: Jeder Einsatz geriet punktgenau, Gegeneinander und swingende Rhythmen atmeten Leichtigkeit. Der Beifall – rund 700 Zuschauer hörten die beiden Auftritte – wertete programmatische wie spielerische Leistung, Können und Spielleidenschaft.

Autor: Hildegard Karig