Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

10. September 2016

Emmendingen

Matthias Saile exportiert deutsche Braukust nach Algerien und nach Riga

MENSCHEN IN DER STADT: Mathias Saile exportiert deutsche Braukunst nach Algerien und nach Riga.

  1. Bierbrauer Matthias Seile mit einer Hopfenpflanze Foto: Dieter Erggelet

EMMENDINGEN. Matthias Saile ist in Emmendingen aufgewachsen und exportiert deutsche Braukunst: Der 48-jährige gelernte Bierbrauer pendelt zwischen Emmendingen und Riga. Noch abenteuerlicher war sein Job als Brauer im moslemischen Algerien. Sein Arbeitsplatz liegt in Valmiera im Nordosten Lettlands, etwa 100 Kilometer von Riga in entfernt und 50 Kilometer von der Grenze zu Estland.

Das Brauerhandwerk lernte er bei der Riegeler Brauerei, in der Saile 18 Jahre lang arbeitete. Nach der Schließung des Riegeler Standorts wurde ein Teil der Brauereitechnik nach Algerien verkauft. Der technische Wiederaufbau mit Ingenieuren der Brauanlagen war noch das kleinste Problem, erzählt er. Schwieriger war es, in der teils wüstenähnlichen Landschaft geeignetes Brauwasser zu finden. Bis in 300 Meter Tiefe musste gebohrt werden, um an verwendbares Brauwasser zu gelangen.

Im Alltag gab es anfangs gewisse Ressentiments, wenn Techniker aus Europa dieses Teufelszeug herstellten. Mit den ungelernten Kräften aus Algerien gab es weniger Probleme. Für den gelernten Brauer war die Kreation von Rezepten die Kür seiner Arbeit. Überwiegend ein leichtes Pils war dort das Hauptprodukt der algerischen Brauerei. Nach etwa vier Jahren wurde die politische Lage in Algerien prekärer, Anschläge mehrten sich. Hin und wieder gab es Angst vor bestehenden Sabotageakten. Saile beendete seine Arbeit im Nahen Osten.

Werbung


In Bodenheim bei Mainz produzierte er bei einem namhaften deutschen Getränkeherstellers hochprozentigere Getränke als Gerstensaft. In Jahresfrist erweiterte er seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Chemie. Aus Lettland kam das Angebot eines Investors, eine bestehende Brauerei zu erweitern und das gesamte Marketing zu steuern.

"Zuerst hieß es für mich, ein gutes Bier zu produzieren", meinte er. Schließlich habe ich das Handwerk von der Pike auf gelernt. Inzwischen hat er rund ein Dutzend Biersorten kreiert. Das klappt nicht auf Anhieb. Hin und wieder waren bis zu zwölf Braugänge notwendig, um ein Bier zu brauen, das den Geschmacksnerv der künftigen Kunden trifft. Rund 2000 Liter Bier waren bei fehlgeschlagenen Brauvorgängen unbrauchbar. Sie wurden dann genauso wie das Malz für die Tierfütterung verwendet. "Manches Mal haben wir auch eine Punktlandung erreicht", erzählt Saile: Auf Anhieb schmeckte das neue Bier den Testern. Wenn von 100 Befragten 70 ihre Zustimmung gaben, wird weiter experimentiert. Bei 50 Prozent Zustimmung steht ein neuer Brauvorgang auf dem Arbeitsplan.

"In Lettland wird viel Bier getrunken, die Menschen sind sehr feierfreudig. Es gibt in Lettland unzählige Anlässe, ein Fest zu feiern", schildert Saile. Viel Respekt werde den Fachleuten aus Deutschland von ihren lettischen Kollegen entgegengebracht. "Obwohl ich kein Wort lettisch spreche, die Verständigung auf englisch klappt vorzüglich", sagt er. Die Menschen könnten dort als Fremdsprachunterricht Englisch, Russisch und Deutsch wählen. "Allerdings, wer aus Norddeutschland stammt und Plattdeutsch beherrscht, kann mit etwas Fantasie viele Begriffe verstehen", versichert er. Jeder Aufenthalt in Lettland dauert mehrere Wochen. Die übrige Arbeit für die Brauerei mit etwa 100 Mitarbeitern erledigt er vom heimischen Computer aus.

Inzwischen hat Matthias Saile die Rezepte für zwölf Biersorten erdacht und getestet. Die müssen bei der Herstellung und nach der Reifung pedantisch überwacht werden.

Soziale Kontakte in seiner Heimatstadt zu zu pflegen, wird zunehmend schwieriger. Als Gründungsmitglied der Narrenzunft "Ämädinger Fellteyfel" würde er gerne wieder einmal das Häs zur Fasnachtszeit anlegen. "In den vergangenen vier Jahren verbrachte ich den Winter an der wenig fastnächlichen Ostsee", meint er mit einem Hauch von Bedauern. Zum Thema der sogenannten Craft-Biere, die im Trend liegen, übt er vornehme Zurückhaltung. "Hier gibt es teilweise tolle neue Ideen, besonders bei der Verwendung neuer Hopfensorten. Andererseits verstehen manche berufsfremde Brauer mehr von Marketing als vom Bierbrauen."

Derzeit experimentiert der Brauer an einem Rezept für lettischen Malzschnaps. Für seine kreative Arbeit wurde er im Mai von der Deutsch-Baltischen Handelskammer und vom Bundeswirtschaftsministerium ausgezeichnet.

Autor: Dieter Erggelet