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10. April 2012 18:42 Uhr

Religion

Moshe Navon – erster Rabbiner der Jüdischen Gemeinde

Seit wenigen Wochen ist es amtlich: Mit Moshe Navon hat die Jüdische Gemeinde Emmendingen nach Ablauf der halbjährigen Probezeit den ersten Rabbiner in ihrer bald 300-jährigen Geschichte.

  1. Gibt der Jüdischen Gemeinde ein Gesicht: Rabbiner Moshe Navon in der Synagoge. Foto: Gerhard Walser

Navon, der in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen ist und unter anderem in Israel studiert hat, ist auch der einzige liberale Rabbiner in Baden-Württemberg. Dennoch versteht sich die Emmendinger Gemeinde als "traditionelle Einheitsgemeinde", betont Viktoria Budyakova vom Vorstand.

"Ich verstehe die Gemeinde als eine Gemeinschaft individueller Persönlichkeiten mit ihren ganz eigenen Lebensschicksalen", sagt Moshe Navon. Liberale und orthodoxe Juden, Emigranten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und Nachkommen deutscher Juden leben in der Stadt, mittlerweile zählt die Gemeinde wieder 330 Mitglieder im Landkreis und der benachbarten Ortenau. Deren Struktur zu festigen und ein tragfähiges Konzept zur Entwicklung des religiösen Lebens zu erarbeiten sieht Navon als Hauptaufgaben seiner Tätigkeit.

Navon bringt viele Neuerungen ein

Erste Pflöcke hat er in enger Absprache mit dem Gemeindevorstand schon eingeschlagen: Eingeführt wurde etwa ein regelmäßiger Morgengottesdienst am Schabbat, Ritualgegenstände wurden angeschafft, regelmäßige Sprechzeiten eingeführt und Glaubenskurse angeboten, denn auch immer mehr säkulare Juden, die auf der Suche nach ihren religiösen Wurzeln sind, finden zur Gemeinde.

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"Das Judentum ist keine Philosophie, sondern Leben." Moshe Navon
"Das Judentum ist keine Philosophie, sondern Leben" , betont Moshe Navon und berichtet begeistert von ersten Begegnungen und Gesprächen mit Gemeindemitgliedern, Emmendinger Bürgern und Schülern. "Es herrscht hier ein sehr warmes Klima", so sein Eindruck, der sich nicht allein auf die meteorologische Bedeutung des Wortes beschränkt. Wichtig ist ihm auch der erfolgreich begonnene interreligiöse "Trialog" mit Christen und Muslimen in der Stadt. Hier gelte es "Missverständnisse der Vergangenheit zu überwinden" und anzuknüpfen an die pluralistische Tradition Emmendingens in der Zeit vor dem Krieg als Synagoge und Kirchen in Blickweite rund um den Schlossplatz standen.

Deutsch, Russisch, Englisch, Hebräisch

Navon sieht sich als Ansprechpartner für alle, nicht nur als religiöse Autorität. Jugend, Familien mit Kindern und Senioren sind ihm gleichermaßen wichtig. "Meine Türen sind stets offen", sagt er. Zugute kommt ihm neben seinem breiten wissenschaftlichen und theologischen Hintergrund auch sein enormes Sprachvermögen: Neben Russisch und Deutsch spricht der 57-jährige Rabbiner auch fließend Englisch und Hebräisch.

"Er gibt der Gemeinde ein Gesicht." Viktoria Budyakova
Die Mitglieder des Gemeindevorstandes sind stolz, dass es gelungen ist, mit Moshe Navon einen geeigneten Rabbiner zu finden, dessen Vorstellungen sich mit denen des Arbeitgebers decken. Die kulturell, religiös und von der Mentalität her inhomogene Gemeinde zu einen, sei ein ehrgeiziges Ziel, das man gemeinsam ansteuern wolle, so Viktoria Budyakova, die stellvertretende Gemeindevorsitzende. Pläne gibt es mehr als genug. So ist schon im Mai die Erweiterung des jüdischen Gräberfeldes auf dem Bergfriedhof vorgesehen und auch die Renovierung der Außenfassade der Synagoge steht an.

Die sympathischen Auftritte des neuen "Rabbi" in Emmendingen hätten zu einer großen Resonanz auf das jüdische Gemeindeleben geführt. "Er gibt der Gemeinde ein Gesicht", glaubt Budyakova. Nun, da die Festanstellung perfekt ist, wird auch die bislang in Bochum lebende Familie nach Emmendingen ziehen.

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Zur Person: Moshe Navon
Moshe Ben Towia Navon wurde 1954 in Sibirien geboren, ist seit 1994 verheiratet mit Miriam Bat Jossef und Vater von vier Söhnen im Alter zwischen 10 und 17 Jahren. Seinen Doktortitel erhielt Navon 2002 am Lehrstuhl für Bibelwissenschaften der Universität Jerusalem. Gleichzeitig studierte er zehn Jahre an angesehenen religiösen Lehranstalten und Universitäten. Als Rabbiner ordiniert wurde er im November 2007. Navon wirkte aktiv an der Wiedereinrichtung des Lehrstuhls der Judaistik an der Moskauer Staatsuniversität mit. Zuletzt arbeitete Navon erfolgreich als Rabbiner in der jüdischen Gemeinde Bad Pyrmont und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität in Bochum.

Autor: Gerhard Walser