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13. Juni 2015

Wissenschaft

US-Historikern forscht im Tagebucharchiv

Eine amerikanische Historikerin mit schwedischen Wurzeln ist weit gereist: Die US-Historikern Annika Frieberg forscht im Tagebucharchiv Emmendingen.

  1. Annika Frieberg, Assistant-Professorin an der San Diego State University, forscht im Emmendinger Tagebucharchiv. Foto: Gerhard Walser

EMMENDINGEN. Nichts blieb, wie es war. Der vor 70 Jahren zu Ende gegangene Zweite Weltkrieg hat nicht nur die Landkarten Europas und der gesamten Welt verändert, er drang auch tief in die fest verankerte Institution Familie ein. Mangel, Not und Hunger, aber auch die Umwandlung der Kriegs- in eine Zivilgesellschaft sorgten in Deutschland nach 1945 für Konflikte zwischen lange getrennten Ehepartnern und Generationen, aber auch für ein neues Rollenverständnis. Das jedenfalls ist der Eindruck von Annika Frieberg, die für ihre Thesen Quellen im Deutschen Tagebucharchiv (DTA) im Alten Rathaus untersuchte.

Die amerikanische Historikerin mit schwedischen Wurzeln ist dafür weit gereist. Im kalifornischen San Diego lehrt und forscht die 40-Jährige an der dortigen State University. Durch einen Kollegen hatte sie von der Möglichkeit erfahren, in Emmendingen Tagebücher nach entsprechenden Hinweisen und Aussagen zu durchstöbern, die ihre These stützten. "Familienkonflikte im Nachkriegsdeutschland" lautet der Arbeitstitel ihres Forschungsberichts, der in einer historischen Zeitschrift und später auch als Buch erscheinen soll. "Ich wollte nicht die üblichen politischen Quellen oder Aufzeichnungen von bekannte Persönlichkeiten, sondern von ganz normalen Menschen aus dem Alltagsleben verwenden", so die Wissenschaftlerin.

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Die Möglichkeiten in Emmendingen haben sie geradezu begeistert: "Das ist ein ganz besonderer Schatz", sagt sie und zeigt auf den Stapel an schwarzen Kladden hinter sich. An die 40 Tagebücher hat sie bereits ausgewertet, manche hatten nur wenige Seiten, andere füllten mehrere Bände. Vieles davon kann sie für ihre Arbeit verwenden. "Ich habe schon weit mehr als ich brauche, jetzt fehlt nur noch der rote Faden". Die gefundenen Informationen speichert sie auf dem mitgebrachten Laptop. Zurück in den USA werden sie dann gesichtet und ausgewertet.

Das Thema Familie spielt grundsätzlich eine große Rolle in den Beständen des DTA, weiß auch die Vorsitzende Frauke von Troschke, die sich über das zunehmende internationale Interesse an der Emmendinger Einrichtung freut. Forscher aus Amerika, Japan, ja der ganzen Welt wenden sich mittlerweile mit Anfragen an das Emmendinger Archiv. Die neuen technischen Möglichkeiten der Online-Abfrage haben das Interesse noch beflügelt. Dem Thema Familie widmet sich auch die nächste große Ausstellung im neuen Tagebuchmuseum. Sie soll noch vor den Sommerferien eröffnet werden und sich den "Inneneinsichten" zu 200 Jahren Familie in Tagebüchern und Briefen widmen. Auch eine Zeitreise, sowie Vorträge und Diskussionsveranstaltungen sind dazu geplant.

Annika Frieberg wird das Thema Familie weiter verfolgen, wenn auch von jenseits des großen Teichs aus. "Das Internet macht heute vieles möglich", sagt sie. Nur die Schönheit des Breisgaus und des Schwarzwalds, die zu entdecken ihr angesichts der Archivarbeit wenig Zeit blieb, möchte sie auf jeden Fall live erleben. Bei einem privaten Urlaub, demnächst in Emmendingen, verspricht sie.

Autor: Gerhard Walser