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03. Juni 2014

Zärtlichkeiten aus Baden

Emmendinger Mitglieder der Freundschaftsbrücke Nicaragua engagieren sich für in Not geratene Kinder und Jugendliche.

  1. Besuch im evangelischen Kindergarten in der Unterstadt: Pfarrer Georg Metzger und sein nicaraguanischer Kollege Josué Campos sangen mit den Kindern deutsche und spanische Lieder. Foto: Gerhard Walser

  2. Am Sonntag hielt Pfarrer Josué Campos aus Nicaragua (links) die Predigt in der evangelischen Stadtkirche. Foto: Gerhard Obert

EMMENDINGEN. Sie nennen die Aktion liebevoll "Ternuras de Baden", Zärtlichkeiten aus Baden, und sie ist ein Überlebensprogramm für Familien, die in Nicaragua in extremer Armut leben. Einmal im Monat erhalten sie einen Sack Lebensmittel und verpflichten sich im Gegenzug ihre Kinder in die Schule zu schicken. Dass dies noch immer nicht selbstverständlich ist, das berichtete Pfarrer Josué Campos bei seinem Besuch in Emmendingen. In der Stadtkirche stellte der Gast der "Freundschaftsbrücke Nicaragua" Projekte vor, die auch von einer Emmendinger Gruppe unterstützt werden.

Der Gottesdienst am Sonntag war außergewöhnlich: die Lieder wurden wechselweise auf Deutsch und Spanisch gesungen, begleitet von der Ukulele, einer kleinen südamerikanischen Gitarre, die Pfarrer Georg Metzger spielte. Auf Leinwand projizierte Bilder zeigten Beispiele für die große Armut in dem lateinamerikanischen Staat – 43 Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen – aber auch die vielen erfolgreichen Ansätze, die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen zu verbessern. "Sie haben Hoffnung, weil sie ihren Glauben haben", sagt Josué Campos. Der 49-jährige ist evangelischer Pastor und Supervisor der "Freundschaftsbrücke Nicaragua" und berichtet in der Stadtkirche über die Hilfsangebote des Ettlinger Vereins, der seit einigen Jahren auch von einer Emmendinger Gruppe um Almut Langbein, Mila Obert und Karl Klein tatkräftig unterstützt wird.

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Da sind zum einen die "Zärtlichkeiten aus Baden", die immerhin 46 Familien in dem kleinen Dorf El Canon in der Nähe der Hauptstadt Managua mit Lebensmitteln versorgen. Da ist zum anderen das Zufluchtshaus für derzeit 85 von ihren Eltern verlassene Kinder und da sind die drei "Escuelitas" (kleinen Schulen) in den Armenvierteln von Managua, wo 600 Kinder von 27 Lehrkräften eine solide Grundbildung erhalten – "damit sie nicht mehr auf der Straße leben, betteln oder arbeiten müssen", sagt Josué Campos, der sich ausdrücklich für die große Hilfe aus Deutschland bedankt.

Sehr gut entwickelt hat sich auch das Fahrradprojekt des Emmendingers Karl Klein. Die im Dezember 2013 eröffnete Fahrradwerkstatt in Nagarote, wo gebrauchte Räder repariert und verkauft werden, wurde zwar beim jüngsten Erdbeben im April zerstört (die BZ berichtete), doch mittlerweile ist ein angemietetes Provisorium bezogen und die Initiatoren sind zuversichtlich, dass ein neuer Laden bald gefunden wird. Ein zweiter Container mit von Emmendingern gespendeten Drahteseln ist gerade abgekommen. "Gute Räder zu einem gerechten Preis" verbessern laut Campos nicht nur die Mobilität der Bevölkerung, die viele Kilometer zu Arbeitsstätten und Schulen zurückzulegen hat, sie ermöglichen auch eine Ausbildung und Beschäftigung für Jugendliche ohne Berufsperspektive.

Städtefreundschaft als langfristiges Ziel

"Die Initiative bekommt immer mehr Rückenwind", freuen sich Almut Langbein und Mila Obert, die im Gottesdienst übersetzt und von ihren eigenen Erfahrungen vor Ort berichtet. Rund 20 Unterstützer zählt der Emmendinger Kreis inzwischen, dem auch einige Freiwillige wie Mila Obert angehören, die nach der Schule ein soziales Jahr in Nicaragua absolvierten. "Infiziert von dem Nicaragua-Virus" wurde sie von Almut Langbein. Die frühere Rektorin der Meerwein-Schule informiert dort regelmäßig Grundschulkinder über die Lebensbedingungen in dem mittelamerikanischen Land. Am Samstag war die Initiative mit einem Stand auf dem Spielzeug-Flohmarkt präsent, wo von Meerwein-Schülern gebastelte Einkaufstaschen verkauft wurden.

Nach den nun geknüpften kirchlichen Kontakten und der Zusammenarbeit mit Emmendinger Firmen im Rahmen des Fahrradprojekts ist für die Initiatoren langfristig eine Städtefreundschaft zwischen Emmendingen und Nagarote denkbar. Auch auf nicaraguanischer Seite besteht Interesse an intensiveren Kontakten. Eine vom Freiburger Büro "Aventoura" für Oktober geplante Begegnungsreise bietet Interessenten Gelegenheit das Reiseland Nicaragua kennenzulernen.

Info: Nicaragua-Abend mit Josué Campos heute, Dienstag, 19.30 Uhr im Schlosskeller (Eintritt frei, Spenden willkommen).

Autor: Gerhard Walser