Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

28. Oktober 2012 12:20 Uhr

Endingen

Große Resonanz auf Bestattungen im Endinger Bestattungswald

An Bestattungs- oder Friedwäldern scheiden sich immer wieder die Geister. Die Stadt Endingen suchte bei der Realisierung des Bestattungswalds Kaiserstuhl ganz gezielt die Zusammenarbeit mit den Kirchen – mit Erfolg.

  1. Förster Arno Umhauer am Andachtsplatz und an einem markierten Baum im Bestattungswald Kaiserstuhl, den die Stadt Endingen auf seine Initiative hin realisiert hat. Foto: Ruth Seitz

  2. Die abendliche Sonne bringt herbstlich gefärbtes Blattwerk zum Leuchten. Foto: dpa

Der Gräberbesuch an Allerheiligen ist vielen Menschen ein Anliegen. Sie besuchen die letzten Ruhestätten ihrer Angehörigen auf dem Friedhof, um ihrer im Gebet zu gedenken. Einige Menschen werden sich in diesem Jahr aber vielleicht auf den Weg in den Wald machen, um die Gräber ihrer Lieben zu besuchen. Denn die Stadt Endingen hat seit Mai das städtische Friedhofsangebot erweitert: Am Summberg zwischen Endingen und Bahlingen gibt es auf einem 24 Hektar großen Grundstück einen Bestattungswald.

Das Interesse an der neuen Form der Bestattung ist groß: Förster Arno Umhauer, der den Bestattungswald maßgeblich initiiert hat, betreut pro Führungen durch das Gelände im Durchschnitt zwischen 25 und 30 Interessierte, "es sind aber auch schon 50 Leute an einem Samstag da gewesen", sagt Arno Umhauer.

Im Tal, Richtung Rheinebene, liegt an dem frühen Herbstmorgen noch der Dunst, die Sonne schickt ihre ersten Strahlen durch die sich lichtenden Baumkronen. Es ist still, nur ein Vogel scharrt im dürren Laub. Der Parkplatz unterhalb des Bestattungswaldes ist leer, eine Infotafel aus Holz weist Besuchern den Weg. In einem Kästchen gibt es Infobroschüren. Nicht alle, die kommen, wollen an einer Führung teilnehmen, manche wollen erst einmal alleine durch den Bestattungswald gehen, erzählt Arno Umhauer.

Werbung


Am Eingang zum Bestattungswald findet der Besucher den Andachtsplatz mit einem Kreuz, das der Forchheimer Bildhauer Ulrich Sälzle gestaltet hat. Schlicht, aber ausdrucksstark, aus grauem Granit gehauen, steht es zwischen den Bänken für Besucher und Trauergäste.

Direkt neben dem Andachtsplatz haben die ersten Verstorbenen bereits ihre letzte Ruhestätte gefunden, am Fuß einer Buche. Ihre Asche wurde in einer biologisch abbaubaren Urne beigesetzt. Das kann zum Beispiel Holz sein, oder auch eine Urne aus Maisstärke.

Nur ein kleiner, im Boden eingelassener Sandstein, auf dem Name, Geburts- und Todestag eingraviert sind, ein kleines Mooskissen, auf dem eine weiße Rose liegt, lassen erkennen, dass hier jemand bestattet ist. Ein paar Meter weiter liegt ein Kranz, lose aus Tannengrün gelegt und mit roten Rosen geschmückt, dazwischen buntes und welkes Herbstlaub.

Wer im Bestattungswald seine letzte Ruhe finden möchte, muss zu Lebzeiten schon Vorsorge dafür treffen – ganz bewusst. Arno Umhauer staunt, auf welch großes Interesse diese Form der Bestattung stößt. Interessierte Besucher kommen aus Freiburg, aus Baden-Baden, sogar aus der Schweiz. Wobei – und das betont er eingangs jeder Führung – jeder Mensch muss und darf selbst entscheiden, wo er beerdigt werden möchte – in der geweihten Erde des Friedhofs oder im Bestattungswald. Umhauer: "Es ist einfach ein zusätzliches Angebot."

Die Gründe, weshalb sich Menschen für eine Ruhestätte im Wald entscheiden, sind verschieden: Manche wollen der Natur, der Landschaft, die sie zu Lebzeiten geliebt haben, auch nach dem Tod noch möglichst nahe sein. Andere wollen einfach eine schlichte Gedenkstätte, ein Grab, bei dem die Natur die Pflege übernimmt und nicht Kinder oder Verwandte, die vielleicht weit weg wohnen. In Oberried gibt es den nächsten Bestattungswald. Dort sind Beisetzungen wegen des Wetters aber nur von Frühling bis etwa Mitte Oktober oder November möglich, je nachdem, wann Frost und Winter Einzug halten. Hier am Kaiserstuhl sind, in der Regel, ganzjährige Bestattungen möglich.

Wie die Beerdigung gestaltet wird, das kann jeder für sich selbst regeln. Die meisten entscheiden sich für einen Abschied in der Kirche mit einem kirchlichen Vertreter. Die Zeremonie nach der Einäscherung im Bestattungswald kann dann jeder gestalten, wie er möchte. Umhauer hat schon viele anrührende Beispiele ganz persönlich gestalteter Beisetzungen erlebt. Zum Beispiel haben die Enkel einer alten Dame, die zu Lebzeiten eine riesige Plattensammlung besessen hat, ihre Lieblingsmusik am Grab gespielt. Umhauer: "Wer möchte, kann natürlich auch einen Pfarrer dabei haben."

"Niemand muss in den Bestattungswald, aber jeder darf."

Förster Arno Umhauer
Wenn jemand kommt und sich ganz bewusst einen Platz aussucht und acht Wochen später genau dort bestattet wird, dann muss auch Arno Umhauer schlucken. Für ihn steht an erster Stelle, dass die Menschen sich zu Lebzeiten mit dem Tod und dem Sterben auseinandersetzen, sich ganz bewusst dafür entscheiden, was nach ihrem Tod mit ihnen geschehen soll: "Niemand muss in den Bestattungswald, aber jeder darf", sagt er. Die Beisetzung im Bestattungswald ist übrigens nicht an eine Konfession gebunden.

Wer sich den ganzen Bestattungswald ansehen will und nicht gut zu Fuß ist, denn nimmt Arno Umhauer auch im Auto mit, samt Krücke oder Rollator.

Erfahrungen sammeln muss Umhauer in Sachen "Grabpflege": Denn auf die Grabstellen darf nur gelegt werden, was verrottet, was die Natur sich wieder holen kann. Die Friedhofsordnung gibt den zulässigen Rahmen vor, was bei den Bestattungen erlaubt ist. Von einem Kranz muss der Bindedraht später eben wieder entfernt werden. "Ich möchte nicht von Fall zu Fall aufs Neue diskutieren müssen", sagt Umhauer. Natürlich werden die bunten Steine, die Kinder für ihr zu früh geborenes Geschwisterchen aufs Grab gelegt haben, nicht sofort weggenommen, aber nach einer angemessenen Zeit sollen die bunten Steine wieder abgeholt werden. Im Bestattungswald regiert die Natur. Auch Blumen dürfen nicht gepflanzt werden. Doch die Menschen, die hier ihre letzte Ruhe finden wollen, stört das nicht, auch nicht, dass das Herbstlaub ihre Namenssteine verdecken wird.

Der Wald wird ganz normal bewirtschaftet und gepflegt, betont Umhauer. "Sonst würde ja alles zuwachsen." Der Waldcharakter soll nahezu unverändert erhalten bleiben. Und genau das ist es, was viele Menschen, die er durch den Wald führt, für diese Form der Bestattung einnimmt: das Schlichte, das Ruhige, das Natürliche und dennoch Würdevolle.

Autor: rsz