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22. Mai 2017

Ortsterin in Endingen

Landwirte fürchten nach den Frostschäden um die Existenz

ENDINGEN. Nach den verheerenden Frostschäden im Obst- und Weinbau fürchten viele Erzeuger nicht nur Ertragseinbußen, sondern um ihre Existenz. Am Samstag suchten in Königschaffhausen erstmals auch der Bereichsleiter der Landwirtschaftlichen Rentenbank zusammen mit Kordula Kovac, Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Weinbau und Sonderkulturen, der baden-württembergischen Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch, BLHV-Präsident Werner Räpple und Vertretern des Obsterzeugergroßmarktes Südbaden nach Auswegen.

  1. Keine einzige Kirsche gibt es in dieser Anlage von einem halben Hektar Größe von Michael Schmidt (3. v. links) zu ernten, was für den Betrieb Einkommenseinbußen von rund 20 000 Euro bedeutet. Foto: Christel Hülter-Hassler

Beim Fototermin in den Apfel- und Kirschenanlagen bekommen die Journalisten statt junger Früchte nur Blattwerk und die betretenen Mienen der Betroffenen vor die Linse. "Wir leben auf unserem Betrieb zu drei Vierteln vom Obstbau und zu einem Viertel vom Weinbau", schildert Michael Schmidt die Situation. Bei den Süßkirschen und Äpfeln müsse man Totalausfälle hinnehmen. Ob die durch den Frost geschädigten Birnen vermarktbar seien, wisse man nicht. "An der kompletten Rheinschiene entlang ist das Steinobst zu 90 Prozent erfroren", bestätigt Obstbauberater Hubert Schneider vom Erzeugergroßmarkt Südbaden (Egro). Es gäbe vor allem auch südlich von Freiburg viele Erzeuger, die nichts ernten könnten: "In diesen Stücken ist auch nächstes Jahr kaum etwas zu holen."

Den damit verbundenen Einkommensverlusten der Obstbauern stehen enorme Investitionssummen gegenüber: Rund 40 000 Euro brauche es für einen Hektar Kernobst, das Doppelte für Kirschen im geschützten Anbau, das heißt: mit Hagelschutz, Forstschutz und Abdeckungen.

"Es ist eine existenzielle Gefährdung – auch für uns", sagt Egro-Vorstand Clemens Gugel. "Nach der Spargel- und Erdbeerernte sind unsere Leute arbeitslos." Die Genossenschaft rechnet 2017 mit mindestens einem halbierten Umsatz. "Wenn in früheren Jahren die Ware knapp gewesen ist, konnten wir zukaufen – aber das geht in diesem Jahr nicht, weil der Frost europaweit zugeschlagen hat", verdeutlicht Hubert Schneider die Zusammenhänge. "Die Beschäftigten, die wir dieses Jahr wegschicken müssen, bekommen wir nächstes Jahr nicht wieder."

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Obstbauberater Schneider weist von sich, dass vielerorts behauptet werde, es hänge doch noch einiges in den Anlagen. "Die wenigen Früchte sind von Schädlingen oder Krankheiten befallen oder werden von Vögeln geholt", erklärt er. Dazu komme, dass viele Erzeuger, die dank Frostschutzberegnung etwas retten konnten, nun "zweibeinige Schädlinge" befürchten: "Während der Kirschenzeit werden sie nachts Patrouille fahren müssen, damit ihnen die begehrte Ware nicht vom Feld weg gestohlen wird." Schon 2016 hatte es geradezu bandenmäßig organisierten Kirschenklau gegeben.

Auf die prekäre Situation reagiert nun auch die Landwirtschaftliche Rentenbank als zentrales Refinanzierungsinstitut der deutschen Agrarwirtschaft. "Wir öffnen bis Juli 2018 ein Liquiditätssicherungsprogramm", sagt Bereichsleiter Christian Bock am Samstag zu. Auch Tilgungsaussetzungen seien denkbar.

Einig sind sich die Experten darin, dass Soforthilfe allein die regionale Obsterzeugung langfristig nicht "rettet". Die Rentenbank strebe eine Innovationsförderung in Zusammenarbeit mit Hochschulen an, so Bock auf den Hinweis von Schneider, wonach die Folgen des Klimawandels nur mangelhaft erforscht seien.

BLHV-Präsident Werner Räpple unterstreicht seine Forderung nach einer steuerfreien Risikorücklage für Landwirte. Kordula Kovac nimmt dieses Anliegen für Bundesfinanzminister Schäuble mit.

Obst aus der Region werde man künftig nur mit noch größerem Aufwand erzeugen können, wird betont. "Es geht um Bewässerung, um Schutz gegen Hagel, Frost und Starkregen und um den steigenden Schädlingsdruck", betont Räpple und räumt ein, dass hier "auch eine größere Bereitschaft zur Zusammenarbeit innerhalb der Landwirtschaft hilfreich" wäre.

Autor: Christel Hülter-Hassler