Sarah Misle Dürr aus Endingen wirbt für ein Hilfsprogramm in Venezuela

Ruth Seitz

Von Ruth Seitz

Sa, 24. Dezember 2016

Endingen

In Venezuela gibt es so gut keine Medikamente. Sarah Misle Dürr aus Endingen wirbt für ein Hilfsprogramm, das diese Not lindern will.

ENDINGEN.

"Es ist eine Katastrophe. Niemand kann sich das vorstellen", sagt Sarah Misle Dürr in einem Gespräch mit der BZ. Sie ist im Freundeskreis der Stiftung Colonia Tovar engagiert. Colonia Tovar ist eine rund 21 000 Einwohner zählende Kommune westlich von Caracas in Venezuela. Ein großer Teil der Bevölkerung sind Nachfahren deutscher Einwanderer aus dem Kaiserstuhl.

Sarah Misle Dürr hat 14 Jahre lang in Tovar gelebt

Sarah Misle Dürr sammelt für das humanitäre Hilfsprogramm "Programa de Auyuda Humanitaria para Venezuela" Medikamente und schickt sie an die zentrale Sammelstelle in Florida. Von dort aus werden die Medikamente dann an ausgewählte Einrichtungen in Venezuela weitergegeben. Die Gesundheitszentren geben die Medikamente dann gegen ein Rezept kostenlos an die Kranken ab.

"Das Projekt läuft in erster Linie deshalb so gut, weil viele Venezolaner, die im Ausland leben, die furchtbare Not in ihrem Land lindern wollen", sagt Sarah Misle Dürr. Sie hat 14 Jahre lang in Tovar gelebt hat und kennt die Verhältnisse dort. Während ihres Studiums in Bonn hat sie Maria Antonieta Lopez, die Koordinatorin der Organisation, kennengelernt. Lopez fragte, ob sie nicht im Südwesten Deutschlands eine Sammelstelle einrichten würde. Denn hier war das Hilfsprojekt bis dato gänzlich unbekannt.

Gegründet wurde das Hilfsprogramm bereits 2014 von besorgten Venezolanern im US-Bundesstaat Florida angesichts der immer dramatischeren medizinischen Notlage in ihrer Heimat. Zwischenzeitlich hat die Organisation Sammelzentren in Deutschland, der Tschechischen Republik, Frankreich, Schottland, England, Spanien und Italien. In Deutschland sammeln 19 Helfer Medikamente und medizinische Artikel, um sie weiterzuleiten.

Welch dramatische Zustände in Venezuela herrschen, wollen sich auch die Helfer kaum ausmalen: Blasenentzündungen, Streptokokken, chronische Kopfschmerzen, vereiterte oder entzündete Nebenhöhlen, Magengeschwür – wer mit solchen Beschwerden hierzulande zum Arzt geht, erhält schnell die notwendigen Medikamente.

"Die Menschen müssen irgendwie klarkommen"

Und in Venezuela? Sarah Misle Dürr winkt ab: "Das sind dort Kleinigkeiten, Bagatellen. Da gibt es eben nichts, das ist einfach so. Irgendwie müssen die Menschen damit klarkommen." Mütter müssen zuschauen, wie ihre Kinder tagelang mehr als 40 Grad Fieber haben, Familien müssen aushalten, wenn ein schwerkranker Angehöriger vor Schmerzen schreit, weil es keine adäquaten Schmerzmittel gibt. Von Krebs oder anderen schlimmen Krankheiten mag Sarah Misle Dürr gar nicht reden. Wer eine Chemotherapie braucht, hat einfach Pech – oder so viel Geld, dass er sich die Medikamente auf dem Schwarzmarkt besorgen kann. Bezahlt werden muss dort in Dollar, und wie auf jedem Schwarzmarkt steigen die Preise ins Unvorstellbare.

"Wer Geld hat, richtig viel Geld, der bekommt teure Medikamente. Wer keines hat, bekommt nichts. So einfach ist das", sagt Sarah Misle Dürr. Die Reichen werden gesund, die Armen sterben. Für die Menschen ist es oft kaum auszuhalten, zuschauen zu müssen, wie ein Familienmitglied stirbt, weil es keine Medikamente oder lebensrettenden Operationen gibt. Der Vater einer Bekannten von Misle Dürr in Tovar sollte sich dringend einer Herzoperation unterziehen – eine Klinik mit einer Herz-Lungen-Maschine muss er sich selbst suchen, den Einsatz der lebensrettenden Maschine selbst bezahlen. Aber wie?

Kein Morphiumpflaster für krebskranke Menschen, keine überlebensnotwendigen Medikamente für Frühgeborene, erst recht keine Medikamenten-Versorgung für chronisch kranke oder alte Menschen oder Menschen mit Behinderungen. "In Venezuela sterben die Menschen einfach, weil die medizinische Grundausstattung fehlt", bringt es die junge Frau auf den Punkt.

Ärzte und Apotheken in der Region helfen, so gut sie können. Riesig gefreut hat sich Sarah Misle Dürr, als der Breisacher Urologe Martin Kalchthaler nicht nur Medikamente, sondern sogar ein Ultraschallgerät spendete.

"Erfolgsmeldungen machen Mut"

Sarah Misle Dürr packt regelmäßig Hilfspakete mit Medikamenten und medizinischen Hilfsmitteln, um sie nach Florida zuschicken. Von der dortigen Zentrale aus werden die Medikamente dann je nach Bedarf und Nachfrage an die nichtstaatlichen Gesundheitseinrichtungen verteilt – zum Beispiel an die Fundacion "La Pastilliata" der Caritas in Venezuela. Aber auch Kliniken, Waisenhäuser und Altenheime erhalten die Medikamentenspenden.

Die Medikamentenspenden sind eine Sache, eine andere ist es, sie an Ort und Stelle zu bringen. Sarah Misle Dürr packt regelmäßig Pakete mit 20 Kilogramm, deren Versand jedes Mal rund 70 Euro kostet. Irgendwie hat sie es bisher immer geschafft, und wenn dann "Erfolgsmeldungen" aus Venezuela kommen, ist das immer "eine ganz tiefe Freude und Dankbarkeit, dass wir helfen konnten". Zum Beispiel, dass ein Frühgeborenes überlebt hat, weil das dringend benötigte Medikament innerhalb von fünf Tagen an Ort und Stelle war. "Das macht Mut", sagt Sarah Misle Dürr und streift energisch ihre Pulloverärmel hoch. Ohne Menschen wie sie wäre die Katastrophe in Venezuela noch schlimmer, als sie es ohnehin ist.