Geht schneller ins Blut als schwarz gebrannter Whisky

Ute Wehrle

Von Ute Wehrle

Mo, 20. August 2018

Eschbach

Le Clou begeistern im Weinstetter Hof mit explosiver Musikalität und Geschichtsunterricht auf die unterhaltsame Art.

ESCHBACH. Als ein Gebräu aus traditioneller Cajun Music, Zydeco, kreolischen Rhythmen und Blues hatte die Gruppe Le Clou ihr Konzert im Weinstetter Hof in Eschbach angekündigt. So viel sei schon gleich zu Beginn verraten: Der Sound der Band, rhythmisch und melodisch zugleich, geht schneller ins Blut als im Licht des Vollmonds schwarz gebrannter Whisky. Aber dazu später.

Le Clou: Das sind fünf Vollblutmusiker, die die Tradition der Cajuns – französischsprachige Siedler, die sich im 18. Jahrhundert in den Südstaaten der USA niederließen – mit den unterschiedlichsten Instrumenten am Leben erhalten. Und wie: Ihr Swamp-Groove, aufgepeppt mit amerikanischen und europäischen Musikstilen, sorgt im Publikum von der ersten Minute an für ausgelassene Stimmung. Nicht zuletzt dank Sänger Johannes Epremian. Der erweist sich nicht nur als brillanter Fidel- und Gitarrenspieler, sondern zudem als begnadeter und geistreicher Geschichtenerzähler. Locker und mit viel Esprit begleitet er das Publikum zurück in jene Zeiten, als der Sonnenkönig noch "in einer netten Wohngemeinschaft" in Versailles lebte, während das Volk hungerte und ums Überleben kämpfte.

"De France en Amérique": Was folgt, ist eine musikalische Inszenierung der Überfahrt der französischen Siedler in die Neue Welt. Die Geige imitiert die kreischenden Möwen, das Schlagzeug Wellen und Sturm. Die Siedler finden eine neue Heimat in Kanada. Bis die Engländer auftauchen. "Die einen essen gut, die anderen schlecht", berichtet Epremian mit einem Augenzwinkern. Klar, das kann nicht gutgehen. Die Franzosen werden vertrieben, bis sie in Louisiana in den Sumpfgebieten des Mississippi-Deltas eine neue Heimat finden. "Das ist auch heute noch der einzige Platz, wo es etwas Anständiges zu essen gibt." Ja, so unterhaltsam und mitreißend kann Geschichtsunterricht sein. Und zudem sehr anschaulich. Wenn Le Clou den Titelsong ihres neuen Albums "Pierre, qui roule" , eine Anspielung auf die Sisyphos-Geschichte, spielt, bedarf es nicht viel Phantasie, um sich die schweißtreibende Arbeit auf den Baumwollfeldern vorzustellen.

Und damit sind wir wieder bei jenem schönen Brauch, der sich bis heute hartnäckig hält: Illegales Brennen von Whisky, einem Gebräu, das selbst den härtesten Alligator mit dem Bauch nach oben auf dem Mississippi treiben lässt und die Gesetzeshüter gleich reihenweise ins Jenseits befördert.

Jazz, Steps, Jigs, Walzer, Rock’n‘-Roll, Boogie – die Musik von Le Clou ist ausgesprochen vielseitig. Genauso wie der Einsatz der Instrumente. So greift Yves Gueit nicht nur zu Cajun-Akkordeon und Saxophon, sondern auch zu diversen Flöten, von denen er jede Menge dabei hat. Beispielsweise zur Okarina, einer Ton-Flöte, nicht größer als eine Trillerpfeife, der er wunderbar melancholische Töne entlockt. Wie er es hinkriegt, gleich zwei Flöten auf einmal zu spielen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Steve Crawford bearbeitet abwechselnd Gitarre und Frottoir, "den einzigen Waschbrettbauch, den man kaufen kann." Bassist Gero Gellert und Schlagzeuger Ralph Schläger, der seinem Namen an den Drums allen Ehren macht, gehen in einer Jam-Session ab wie Schmitz‘s Katze und sorgen für Begeisterungsstürme in den Zuschauerreihen, in die sich auch kurzerhand Johannes Epremian mit seiner Fiddle mischt und sich auf einem Stuhl stehend feiern lässt.

Als gegen Ende des Konzerts noch "Jambalaya", die Hymne von Louisiana erklingt und der Boogie "Le Diable" durch den Weinstetter Hof fegt, gibt es im Publikum schon lange kein Halten mehr. Wer nicht tanzt, singt, klatscht oder wippt wenigstens enthusiastisch mit den Füßen mit. Soviel steht nach diesem Abend jedenfalls fest: Um bei Le Clou in euphorische Zustände zu geraten, braucht es keinen schwarz gebrannten Whisky.