Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

05. Oktober 2012

Keine Angst vor großen Distanzen

Mensch und Sport: Der Läufer und Stadtlaufinitiator Heinz Hüglin hat in Ettenheim und in der Region Spuren hinterlassen.

  1. Heinz Hüglin legt derzeit eine Laufpause ein. Foto:  Uwe Schwerer

LAUFSPORT. Im Leben dieses Mannes spielen große Distanzen eine entscheidende Rolle. Ob zu Fuß oder auf andere Weise. Er ist einer jener im besten Sinne Laufverrückten, die ihr Leben zum großen Teil ihrer sportlichen Leidenschaft widmen. Heinz Hüglin hat in der regionalen Szene Spuren hinterlassen, als 100-Kilometer- und Marathonläufer, und als einer der Initiatoren des Ettenheimer Stadtlaufs, der am Sonntag seine 30. Auflage erlebt. Allerdings ohne den Läufer Hüglin.

An diesem heiteren Vormittag fährt er aus seinem Wohnort Tuttlingen zum Treffpunkt nach Dunningen im Landkreis Rottweil. Hüglin macht hier in einem kleinen Café einen Zwischenstopp auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz in Waldachtal bei Horb bei der Firma Fischer-Dübel. Hüglin registriert amüsiert die fragend hochgezogenen Brauen seines Gesprächspartners. "Ja, ich weiß schon. 85 Kilometer, ein Weg. Pro Woche komme ich ungefähr auf 1 000 Kilometer mit dem Auto", sagt er lachend. Keine Angst vor großen Distanzen.

"Ich komme

zum Zuschauen,

mehr ist nicht drin."

Heinz Hüglin

Werbung

Hüglin, der in Nordweil bei Kenzingen aufwuchs und sich später in Ettenheim niederließ, wo er 20 Jahre lang wohnte und wirkte, ist derzeit aber weit davon entfernt, einen allzu sportlichen Eindruck zu hinterlassen. "Mir geht es nicht gut", sagt er zerknirscht. "Zwei Bandscheibenvorfälle und wahnsinnige Knieschmerzen. Am Sonntag bin ich zehn Kilometer gelaufen. Hinter habe ich vor Schmerzen fast nicht schlafen können."

Hüglin ist jetzt 62 Jahre alt, der Schnauzer ist mittlerweile weg, die einst dunklen Haare sind grau, doch die Figur ist noch rank und schlank. Den Ausdauerathleten sieht man ihm immer noch an. Doch der Schritt ist derzeit schleppend, die Probleme im Rücken und an den Knien sind nicht zu übersehen.

Ein Start beim Stadtlauf in Ettenheim kommt nicht in Frage. "Ich komme zum Zuschauen, mehr ist nicht drin", sagt er und guckt dabei nicht eben fröhlich über den Rand einer großen Kaffeetasse hinweg. "Eigentlich wollte ich am 14. Oktober in München bei der Deutschen Marathonmeisterschaft der Senioren mitmachen und mit der Mannschaft um den Titel bei der M 60 mitlaufen. Aber das hat keinen Wert."

Hüglin trägt, wenn er läuft, das Trikot des LC Waldachtal. Dorthin hatte es ihn 1997 aus privaten Gründen hingezogen. Jener Verein hat ihm auch seinen Arbeitsplatz besorgt. Nach zehn Jahren folgte der nächste Umzug, dieses Mal nach Tuttlingen. Auch hier diente eine private Beziehung als Motivation. Dass er seine Familie und Ettenheim damals verließ, bereut er heute freimütig: "Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich das jetzt nicht mehr machen."

Besondere Leistungen und Wettkämpfe haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Natürlich kennt er seine Marathonbestzeit: 2:23 Stunden, gelaufen im Jahr 1990 in Kandel. Genau erinnern kann er sich auch an den London-Marathon im Jahr davor, wo er mit seinem Trainingspartner Alfons Schmiederer in 2:24:58 Stunden ins Ziel lief. "Auf die Sekunde gleich", sagt Hüglin grinsend. "Und die letzten 2,2 Kilometer bin ich in 6:58 Minuten gelaufen", erklärt er, "und das nach 40 Kilometern." Vor drei Jahren, im Alter von 59 Jahren ist er beim Marathon in Frankfurt am Main 2:57 Stunden gelaufen. "Dabei habe ich mir schon nach drei Kilometern einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen." Die Erklärung liefert er selbst: "Das zeigt, dass ich beißen kann."

Vor 30 Jahren haben Hüglin und Laufkollegen die Idee zu einem Stadtlauf in die Tat umgesetzt. "Es gab einen Laufboom in Deutschland. Überall entstanden Stadtläufe. Und ich habe mir überlegt, was man in Ettenheim machen kann. Das Stadion mit der Laufbahn drum herum gibt ja nicht viel her. Aber ich habe mir gesagt, dass die schöne Altstadt von Ettenheim sich doch hervorragend als Kulisse für einen Stadtlauf eignet." Hüglin war dabei eindeutig am Leistungssport orientiert. Er lockte gute Läufer aus Baden-Württemberg mit Prämien in die Rohanstadt. Dass der ehemalige Ettenheimer Harald Olbrich, den das Leben nach Sindelfingen verschlagen hatte, seine Verbindungen in die dortige Läuferszene spielen ließ, trug ebenfalls dazu bei, dass die Felder beim Lauf in Ettenheim sehr attraktiv waren.

Auch Laufprofis aus Kenia kamen gerne nach Ettenheim, weil es dort etwas zu verdienen gab. 7,7 Kilometer maß die Strecke zu Beginn. Die Männer der ersten Stunde wollten ganz bewusst keine gerade Distanz anbieten, zum Beispiel einen 10-Kilometer-Lauf, dessen Zeit man dann fast zwangsläufig mit anderen ebenso langen Strecken vergleichen würde. "Da der Ettenheimer Kurs eckig und steil war, hätte das bei den Läufern für Frust gesorgt", sagt Hüglin.

Heute hat der Lauf in Ettenheim ein anderes Profil entwickelt: Der Strecke misst zehn Kilometer und führt nun nicht mehr durch den schwierigen und anspruchsvollen Altstadtkurs, sondern von der Stadthalle aus über flacheres Terrain. "Diese Veränderung ist angebracht, weil es die Hobbyläufer so wollten", sagt der Stadtlaufinitiator.

Hüglin hat immer noch reichlich mit Ettenheim zu tun, auch wenn er jetzt in Tuttlingen wohnt. Er ist Marktmeister des Martini-Marktes in der Rohanstadt. Und dann kommt am Ende des Gesprächs in Dunningen noch ein ganz besonderer Zufall ins Spiel. Hüglins Handy klingelt. Dran ist die BZ, die sich einen Stand auf dem Markt reservieren lassen möchte. Hüglin lacht und zwinkert dem Gesprächspartner zu. "Der Kontakt zur Heimat ist für mich persönlich ganz wichtig. Sonst ist man schnell vergessen."

Am Sonntag, beim 30. Ettenheimer Stadtlauf, sind alle Ettenheimer eingeladen mitzulaufen, beim Hock an der Stadthalle, wo sich jetzt der Start-Zielbereich befindet, mitzufeiern oder am Rande der Strecke die Läuferinnen und Läufer lautstark anzufeuern. Die Veranstaltung beginnt um 13 Uhr, der Hauptlauf startet um 14.45 Uhr. Start ist bei der Stadthalle.

Christina Obergföll (Silber-Medaillen-Gewinnerin in London im Speerwerfen aus Mahlberg) wird bei den Schülerinnen und Schülern die Siegerehrung vornehmen. Sie wird dem Stadtlauf von 14 bis14.30 Uhr einen Kurzbesuch abstatten.

Alle Teile dieser Serie finden Sie im Online-Dossier unter http://mehr.bz/menschen

Autor: Uwe Schwerer