Leichtigkeit und Schauer

Stefan Pöhler

Von Stefan Pöhler

Mo, 25. Juni 2012

Ettenheim

Musiksommerauftakt mit einem wunderbar die Doppelbödigkeit hervorzaubernden Don Giovanni.

ETTENHEIM. Eine ganze Oper als Leporello. Wer da an Mozarts Don Giovanni dachte, lag zum Auftakt des diesjährigen Ettenheimer Musiksommers in der katholischen Kirche Altdorf genau richtig. Was der böhmische Komponist und Oboist Joseph Triebensee (1772 bis 1845) quasi als handlichen Auszug aus Mozarts großartigem Nachtstück über Verführung, Mord und Höllenfahrt für Harmoniemusik setzte, entfalteten die Kammersolisten Zug zu größter Tiefe und Plastizität.

Einen gelungeneren Auftakt hätten sich die Musikfreunde Ettenheim kaum wünschen können. Der Abend auf dem Altdorfer Kirchberg war klar und schön, und ließ weit und tief blicken. Das galt in der Kirche genauso für die Musik. Fagottist Stefan Buri, künstlerischer Leiter der Kammersolisten, vertiefte in seiner Einführung die Sprache Mozarts, deren Text man in der Opernfassung des Abends zwar missen, aber nicht vermissen mochte. Denn in der Musik zeigte sich, ganz ohne Text der doppelte Boden, auf dem Don Giovanni mordet und tanzt, und durch den er schließlich zur Hölle fährt. In Beispielen zeigten die Musiker, die allesamt in solistischen Positionen hervorragender Schweizer Orchester (Opernhäuser Basel und Zürich, Tonhalleorchester Zürich) tätig sind, vorneweg, die feine psychologische Ebene de Musik, in der Mozart, das Innenleben oder die wahren Absichten seiner Protagonisten illustriert. Die Besetzung der Zuger mit ihrem durchweg historischen Instrumentarium, konnte da jederzeit den Rahmen einer fantastischen Harmonie und Klangdichte hin zum solistisch virtuosen Ausdruck erweitern. Akustisch fand die feine Signatur, der warm klingenden Instrumente, über dem bewegt präsenten Kontrabass von Ute Grewel einen angenehmen Nachhall auch aus dem Kirchenraum.

Dann war alles ganz Mozart. Leicht, über unergründlicher Tiefe.

Wenn Triebensee viele Nummern wie die Registerarie oder auch die "Aria Dalla sua pace" des Don Ottavio gekürzt hat (Don Giovannis kurze Canzonetta "Deh, vieni, alla finestra" war zum Beispiel wieder vollständig), so hatten alle Stücke, auch inhaltlich trotz Triebensees Kürzungen einen tiefen Nachhall ihrer ganzen Schönheit. Das hingebungsvolle Spiel der Kammersolisten machten das "Leporello" des Don Giovanni zu Bilderbögen. Im ganz großen Format. Ganz nebenbei ist eine Harmoniemusik-Besetzung, wie sie die Zuger Kammermsolisten auf die Beine stellen, mit Leichtigkeit in der Lage, einem Schauer durch den Körper zu jagen, etwa wenn sich über dem dichten Druck der eng mensurierten Naturhörner frei eine weiche Oboe in die Schönheit der Arie singt. Wenn das Fagott und die Klarinetten wunderbar diffuses Licht über die Handlung spannen. Dann war am Samstag alles ganz Mozart. Leicht, über unergründlicher Tiefe.

Und der Klang des Altdorfer Abends schien genau die Farben zu haben, die den Don Giovanni ausmachen. Ein klein wenig Schauder über Don Giovannis Ende sollte man sich aufbewahren. Für die Reise von Mozarts zweiter Prager Oper zu Schuberts Winterreise. Die darf man am Donnerstag im Bürgersaal des Ettenheimer Rathauses gespannt erwarten. In Altdorf, jedenfalls, nahm der 6. Musiksommer mit den Zuger Kammersolisten einen wunderbaren Anfang.