Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

19. April 2016

Mählich dunkeln Männerstimmen den Klang ein

Hohe Chorkunst in St. Landolin.

ETTENHEIMMÜNSTER. Das Schlichte so darzubieten, dass es kunstvoll ist und doch schlicht bleibt – daran sind viele Interpreten gescheitert. Dem von Bernhard Schmidt geleitete John Sheppard Ensemble, ein rund 30 Stimmen starker Chor aus Freiburg, gelingt das – und weit mehr. Das A-cappella-Konzert des Ensembles am Freitag in der Kirche Sankt Landolin in Ettenheimmünster bot erstklassige Chorkunst mit Liedern rund um die Liebe, wobei die Texte teils bis auf die Bibel zurückgingen, die Musik jedoch "nur" bis ins 16. Jahrhundert. Alt und angestaubt klang nichts, im Gegenteil. Es war ein berückender und stimulierender Abend.

Als Beispiel dafür steht der wunderbare Schlusspunkt des Auftritts in Sankt Landolin, ein ausgesprochen kunstvoll-schlichtes Abendlied des Schweden Hugo Alfven, der wichtigste Komponist von Chorliteratur und zugleich der bedeutendste Sinfoniker seines Landes. Da ist eine zarte Melodie, silbrig-wispernd, die Stimmung ist friedvoll, fast schon meditativ. Ganz allmählich dunkeln die Männerstimmen den Klang ein, und im Zentrum entsteht eine Bewegung, ein vielschichtiges Flattern oder Rascheln, ganz leise und zart, wie ein leichter Wind, der das Laub bewegt, ehe Bewegung und Gesang verebben. Der fein abgestimmte Chor lässt Abendstille "hörbar" werden, zugleich entsteht eben nicht das Gefühl von Heimeligkeit im eigenen Gärtchen, sondern jenes von der großen Kathedrale Natur, von Gottesahnung, vom Geschenk der Sinne. Passender lässt sich ein Konzert in einem Gotteshaus wohl nicht beenden.

Werbung


Dabei begann der Abend ganz weltlich und humorvoll, mit einem Liedlein von Hans Leo Haßler, Mitte des 16. Jahrhunderts geboren, Komponist von Madrigalen und Konstrukteur von Musikautomaten. "Mein Lieb will mit mir kriegen" beschreibt ironisch das aussichtslose Gefecht dessen, der "durchschossen" wird von Blicken aus "Äuglein zart". Steinalte Musik, aber voller Pep. Richtig kunstvoll im Sinne von Kunst – auch das ist kein Problem, wie das Ensemble bei einem Petrarca-Text aus dem 14. Jahrhundert in der Vertonung des modernen schwedischen Komponisten Lars Johan Werle zeigte. Werle mixt alte Madrigalkunst mit sprechchorartigen Einsprengseln sowie "schrägen" Intervallen und barockem Illustrieren, etwa wenn ein fallendes Blütenblatt im Text zu einer Schaukelbewegung abwärts in der Musik führt. Der Chor kann große Romantik von Peter Cornelius und zeigt bei "Trutze nicht" von Max Reger – "Mädchen, hast du Lust zu trutzen, `s wird dich wahrlich wenig nutzen!" – , dass auch volkstümlich-derb kunstvoll sein kann. Dier Chorabend machte richtig Freude.

Autor: Robert Ullmann