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20. September 2012

Spaziergang auf "sauberem" Pflaster

Ettenheims Pflastersteine kommen aus Indien, wurden aber nicht durch Kinderhand produziert / Durch Xertifix zertifiziert.

  1. Das Ettenheimer Pflaster – hier die Verlegearbeiten in der Thomasstraße – stammt aus Indien, wurde aber nicht mit Kinderarbeit produziert. Foto: ARCHIVFOTO: REIN

  2. Kinderarbeit im Steinbruch ist im asiatischen Raum noch gang und gäbe. Foto: DPA

ETTENHEIM. Das Straßenpflaster zwischen den Stadttoren hat seine Tücken, aber es passt zu einer Altstadt, untermauert das barocke Gebäudeensemble. So empfinden es jedenfalls viele Ettenheimer und noch mehr Touristen. Doch die Stadt muss auch Kritik einstecken. Der Grund: Die Steine kommen aus Indien. "Das ist kein Makel", sagt Ingrid Sehrbrock, die Vorsitzende von Xertifix, einem Verein, der unter anderem gegen Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen kämpft.

Denn 50 Prozent der Pflastersteine auf dem deutschen Markt kommen inzwischen aus Indien oder China und die Steine, die in der Rohanstadt verlegt sind wurden von Xertifix zertifiziert, stammen also nicht aus Kinderhand.

Deshalb gilt Ettenheim bei Xertifix auch als Vorzeigeprojekt und eine der Vorreiterinnen im öffentlichen Bereich für den Einbau "sauberer Natursteine aus Indien", erklärte gestern der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Weiß bei einem Besuch im Ettenheimer Rathaus, zu dem er mit Ingrid Sehrbrock und Xertifix-Geschäftsführer Walter Schmidt gekommen war. Dass Ettenheim beim vor sieben Jahren von Norbert Blüm ins Leben gerufenen Verein – Peter Weiß ist seither im Vorstand der Schatzmeister – inzwischen hohes Ansehen genießt, nahm seinen Ursprung in einer Begegnung von Bürgermeister Bruno Metz mit dem Kippenheimer Bauunternehmer Andreas Trenkle Mitte der 1990er Jahre. Trenkle habe den Ettenheimer Rathauschef damals aufgeklärt, dass längst mehr als die Hälfte der Pflaster, die in Deutschland verbaut würden, nicht aus deutschen Steinbrüchen stamme, sondern Tausende Kilometer entfernt in Steinbrüchen in Indien und China produziert würden. "Aus Medienberichten wusste ich, dass Kinderarbeit dort gang und gäbe ist. Als der Gemeinderat beschloss, bei der Innenstadtsanierung die Straßen zu pflastern, war für mich der Gedanke unerträglich, auf Kinderarbeit spazieren zu gehen. Das hielt und halte ich für moralisch-ethisch bedenklich", erklärte Metz gestern.

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Als die ersten Pflastersteine in Ettenheim verlegt wurden (2000), hatte sich die Stadt noch auf eine Versicherung des Lieferanten stützen müssen, seit 2005 sind die Pflastersteine Xertifix-zertifiziert. "Wir kontrollieren in den Exportsteinbrüchen nicht nur nach Kinderarbeit, sondern auch, ob ein Mindestmaß an Arbeitsschutzstandards eingehalten wird, ob faire Löhne gezahlt werden, ob es eine Arbeitszeitregelung gibt und ob sich die Arbeiter gewerkschaftlich organisieren können. Nur wer diesen Standards genügt, bekommt unser Siegel. Und natürlich sind die Kontrollen regelmäßig und unangekündigt", erklärte Sehrbrock.

Auch wenn der Verein in seiner Arbeit – darunter zählt auch die Aufklärung in Deutschland – noch am Anfang stecke, so seien doch schon Erfolge zu notieren, erklärte Peter Weiß. Seit drei Jahren sei es beispielsweise den Kommunen erlaubt, bei Ausschreibungen in den Vergaberichtlinien sogenannte "sozial-ökologische Standards" festzuschreiben, also nur Angebote von Natursteinen zu berücksichtigen, die das Xertifix-Siegel tragen. Will heißen: die Gemeinde muss nicht generell das günstigste Angebot berücksichtigen. Weiß: "Die Frage, der sich eine Gemeinde nun stellen muss, ist: Machen wir’s oder machen wir’s nicht?"

Von rund 200 Kommunen, so weiß Xertifix-Geschäftsführer Schmidt, habe es Anfragen beim Verein oder bei Lieferanten nach zertifizierten Pflastersteinen gegeben. Schmidt: "Bei weitem haben aber nicht alle Gemeinden die Möglichkeit, dies in ihrer Ausschreibung auch festzuschreiben, genutzt." Deshalb sei die Lobby- und Aufklärungsarbeit für den Verein auch noch ein weites Feld. "Ettenheim ist da in einer echten Vorreiterrolle. Es ist für uns ein Vorzeigeprojekt", unterstreicht Ingrid Sehrbrock.

Derzeit bemühe sich der Verein auch, im privaten Bereich Fuß zu fassen. "Wir sind hier in Kontakt mit dem Bundesverband der Heimwerker-Märkte. Dort erreichen wir am ehesten die Privatkunden", sagt Sehrbrock. Als sehr aussichtsreich bewertet sie hier die Gespräche mit den Toom-Märkten aus der Rewe-Gruppe.

Autor: Klaus Fischer