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12. Juli 2010 17:16 Uhr

Gedenken

Stolpersteine erinnern jetzt auch in Ettenheim an NS-Opfer

Alltägliches Gedenken in Ettenheim: Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat drei Stolpersteine in das Pflaster gelegt, die an drei aus Ettenheim vertriebene jüdische Frauen erinnern: An Fanny Lion, Karoline Lion und Julia Lion.

  1. Pflaster gegen das Vergessen: Stolperstein in Ettenheim. Foto: erika Sieberts

  2. Pflaster gegen das Vergessen: Stolperstein in Ettenheim. Foto: erika sieberts

ETTENHEIM. Für die Schülerinnen und Schüler der Klasse acht von der Hauptschule Münchweier passte die Stolpersteinaktion am Montagmorgen genau ins Programm. "Wir haben gerade ’Ich bin ein Stern’ von der in Kippenheim geborenen Jüdin Inge Auerbacher gelesen", sagte Matthias Münchbach. "Da haben wir uns schon mit der jüdischen Vergangenheit im Dritten Reich beschäftigt. Auch über die Familie Lion haben wir einiges gelesen." Die Lehrerin Sybille Rieder hatte den Stoff vorgezogen, weil sie fand, dass er im neunten Schuljahr zu spät komme. "Morgen werden wir die Stolpersteinaktion nachbereiten", sagte sie, und im nächsten Schuljahr fahren wir nach Berlin, wo wir auch die neue Gedenkstätte auf dem Potsdamer Platz besichtigen."

Fanny Lion, die in dem Häuschen in der Festungsstraße wohnte, erlebte den Terror der Reichspogromnacht, als man die Fensterscheiben ihres Hauses zerschlug und ihre Kleider auf die Straße warf. Sie flüchtete zunächst zu Verwandten, kehrte aber wieder nach Ettenheim zurück und wurde am 22. Oktober 1940, wie alle badischen Juden, ins südfranzösische Lager Gurs deportiert. Sie starb am 15. Juli 1944 in einer Klinik in Frankreich an den Folgen der Internierung.

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Tod im Lager Gurs

Während Gunter Demnig die Pflastersteine setzte, berichtete Robert Krais vom deutsch-israelischen Arbeitskreis südlicher Oberrhein aus dem Leben der Vertriebenen, die hier ihren letzten frei gewählten Wohnort hatten. Karoline Lion starb, ebenso wie Julia Lion, Ende 1940 im Lager Gurs an der Ruhr.
Für den Künstler Gunter Demnig ist Ettenheim die 573. Kommune in Deutschland, in der er seine Stolpersteine verlegt. Die Aktion werde nie langweilig versicherte er den Anwesenden. Denn immer wieder würden neue Fragen aufgeworfen, entstünden neue Geschichten, wie etwa vor einigen Jahren, als sich bei der Aktion zwei Familien kennen gelernt und festgestellt haben, dass sie verwandt sind.

Vor zwei Jahren hat die Regisseurin Dörte Franke einen Dokumentarfilm über die Stolpersteine gedreht. Darin komme ihm das Engagement von Jugendlichen etwas zu kurz, sagte Demnig in einem Gespräch mit der Badischen Zeitung. Auch gestern durfte er feststellen, dass die Schüler sehr interessiert und auch informiert sind. "Mein Geschichtsunterricht hörte mit der Weimarer Republik auf", beklagte der 63-jährige das Schulsystem seiner Zeit. "Auch in der Familie sprach niemand über die Verbrechen der Nazis."

Inzwischen sei das zum Glück anders, sagte Stadträtin Ulrike Schmidt und bedankte sich beim Organisator der Aktion, Robert Krais dafür, dass die Gedenksteine im Jahr des Stadtfestes mit dem Titel "Steine erzählen" eingebaut werden.

Keine Stolpersteine gegen den Willen der Hausbesitzer

"Leider können wir nur drei von sechs Steinen versetzen", sagte Krais. Zwei Hausbesitzer (vor einem Haus sollten zwei Steine verlegt werden) wollten keine Gedenksteine vor ihrem Haus haben. Obwohl die Bürgersteige zum öffentlichen Raum gehören, habe der Gemeinderat beschlossen, keine Stolpersteine gegen den Willen der Hausbesitzer zu verlegen. "Feige" nannte das der in Altdorf aufgewachsene Hans-Peter Goergens, der sich das Gedenken an die Verbrechen im Dritten Reich auf die Fahnen geschrieben hat. In Offenburg sei man über solche Einwände hinweggegangen.

"Mit etwas Geduld kommen auch wir irgendwann zum Ergebnis", antwortete Stadtrat Peter Frey. Die anderen Anwesenden vermittelten: "Solche Diskussionen gehören mit zum Projekt.”

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Autor: Erika Sieberts