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11. November 2016 00:01 Uhr

Alemannia Aachen gegen 1. FC Köln II

Fußballer tragen Trikots gegen belgisches Atomkraftwerk

Fußball-Mannschaften setzen ein Zeichen: Beim Regionalligaspiel Alemannia Aachen gegen den 1. FC Köln II spielen beide Teams mit Trikots gegen das belgische Atomkraftwerk Tihange.

  1. Experten halten den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Tihange in Belgien für verantwortungslos. Es liegt etwa 60 Kilometer von Aachen entfernt – Köln liegt nur 60 Kilometer weiter. Foto: dpa

Bei seinen Autofahrten durch Aachen fallen sie Christian Steinborn schon seit längerem auf – die gedruckten Statements gegen das marode Atomkraftwerk in der belgischen Nachbarschaft. "In vielen Fenstern hängt so ein gelbes Schild ’Stop Tihange’. In Aachen ist das Thema extrem präsent", berichtet der Aufsichtsratsvorsitzende des örtlichen Fußballklubs Alemannia – der seine Eindrücke in der Stadt schließlich mit in den Berufsalltag nahm. So kam bei einer Fahrt mit dem Gremiumskollegen Oliver Laven von Aachen nach Hannover im Frühjahr die Idee zu einer Protestaktion auf, die beim Regionalligaspiel gegen den 1. FC Köln II an diesem Samstag nun umgesetzt wird.

Auf den Trikots beider Mannschaften prangen nicht wie sonst die Schriftzüge der Klubsponsoren, stattdessen steht dort die Botschaft: "Stop Tihange". Als Jurist kennt Steinborn auch das Reglement des Fußball-Weltverbandes, daher erwähnt er: "Wir geben mit dieser Aktion kein politisches, sondern ein gesellschaftliches Statement ab. Sonst wäre das auch nicht genehmigt worden."

Den Daumen gehoben hat der 1. FC Köln – der die Sache unterstützt, sich begleitende Kommentare aber verkneift. "Klar würde man sich wünschen, dass zu der Aktion oder zu dem Thema an sich etwas gesagt würde – egal ob positiv oder negativ", erklärt Alemannias Kapitän Timo Staffeldt. "Aber wenn sich die Spieler von Kölns zweiter Mannschaft nicht dazu äußern möchten, ist das ihr gutes Recht."

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Der gebürtige Heidelberger, seit Sommer 2015 in Aachen unter Vertrag, wohnt selbst in Köln.

Deshalb weiß er, dass der Atommeiler in Tihange die Gemüter in der Domstadt weniger stark bewegt wie 60 Kilometer weiter westlich. Noch mal so weit ist es von Aachen nach Tihange. "In Köln ist das Thema auch in den Medien präsent, aber nicht so extrem wie in Aachen", erklärt Staffeldt, der glaubt: "Das hängt einfach mit der Entfernung zusammen. Wenn in dem AKW in Belgien etwas passiert, käme das nur in abgeschwächter Form nach Köln."

Eine aktuelle Studie des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Universität Wien, von der Städteregion Aachen in Auftrag gegeben und Ende Oktober vorgestellt, zeigt allerdings: Bei einem Reaktorunfall in Tihange steigt – im günstigsten Fall – die radioaktive Belastung der Region bis weit nach Nordrhein-Westfalen hinein um das Dreifache. Die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios liegt im Falle eines GAUs bei 30 Prozent. Im schlimmsten Fall müsste das Gebiet sofort evakuiert werden.

"Bei einem Reaktorproblem in Tihange wäre Köln genauso betroffen wie Aachen", sagt Christian Steinborn, nach dessen Ansicht die Studie den Vorverkauf der verbilligten Karten nochmals befeuert hat. Der Verein rechnet am Samstag mit 20 000 Zuschauern, das wäre das Dreifache des geplanten Saisonschnitts. "Das Spiel hat mittlerweile einen Eventcharakter, die Leute wollen dabei sein", schlussfolgert Alemannias Aufsichtsratsvorsitzender, erklärt aber zugleich: "Der Verein wird in keiner Form finanziell profitieren." Der Einnahmeüberschuss gehe vielmehr zu hundert Prozent an die länderübergreifende Initiative "Stop Tihange". Erst Anfang Oktober gab es in dem belgischen AKW wieder einen ernsten Zwischenfall.

Ein Reaktordruckbehälter ist bis auf die Hälfte seiner Dicke mit Rissen durchzogen, Experten halten den Weiterbetrieb der Reaktoren für verantwortungslos.

"Viele Menschen eint die Sorge vor der Gefahr, die von diesem erwiesenermaßen problematischen Reaktor für die Region ausgeht", sagt Steinborn. Während Timo Staffeldt den Bogen zu den Präsidentschaftswahlen in den USA schlägt. Der Sieg des Republikaners Donald Trump war ein heftig diskutiertes Thema in Alemannias Kabine, so dass der Kapitän mit Blick auf die Aktion am Wochenende sagt: "Man sollte solche Versuche auf jeden Fall starten. Damit man im Nachhinein nicht sagen muss – so wie jetzt vielleicht manche Nichtwähler in Amerika: Hätte ich doch besser mal."

Autor: Andreas Morbach