Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
26. Januar 2012
Lockruf des vermeintlichen Gewinns
Angeblicher Finanzdienstleister gibt vor, für die Rechte geprellter Bürger zu kämpfen / Polizei warnt vor betrügerischer Abzocke.
NÖRDLICHER KAISERSTUHL/BREISGAU. Mal eben knapp 1000 Euro mehr in der Tasche haben – wer wollte das nicht? Genau das verspricht ein Finanzdienstleistungsunternehmen namens Konrad Herzog & Partner in einem Schreiben, das Friedhilde und Walter Gerber aus Forchheim jüngst ins Haus flatterte. Die für 8. Februar angekündigte Gewinnübergabe wird ohne die Gerbers stattfinden müssen. Denn ihr Verdacht, dass hinter dem Brief schlicht Abzocke steckt, erhärtete sich nach kurzer Recherche im Internet schnell. Auch die Polizei warnt vor derartigen Angeboten.
Was bei dem Forchheimer Ehepaar da kürzlich im Briefkasten landete, erweckt auf den ersten flüchtigen Blick den Eindruck, da habe ein seriöses Unternehmen für die Rechte von Bürgern gekämpft, die von unseriösen Gewinnversprechen betroffen waren. Man habe "eine angemessene Summe" realisieren können, die dem Kundenkonto gutgeschrieben worden sei: 1000 Euro, von denen nach Abzug diverser Auslagen noch 951,72 Euro blieben. Dieser Betrag stehe den Empfängern des Schreibens "im vollen Umfang" zu. Doch wer nun meint, die Auszahlung sei mit einer einfachen Überweisung zu regeln, sieht sich enttäuscht. Denn angeboten wird in dem Schreiben lediglich die "Gelegenheit, den Betrag am Mittwoch, den 08.02.12 in unserer Zweigstelle in der Nähe von Forchheim persönlich abzuholen. Geeignete Verkehrsmittel in Form von Bussen, für die Hin- und Rückfahrt, stellen wir kostenlos zur Verfügung." Eine Zustellung per Post sei aus rechtlichen Gründen nicht möglich.Werbung
Versprochen wird den Teilnehmern aber noch mehr: ein "wunderschönes Rahmenprogramm" mit kostenlosem Frühstück und ein warmer Imbiss. "Darum bietet es sich natürlich an, den Betrag persönlich vor Ort zu übergeben und Sie können sich auch selbst davon überzeugen, dass alles mit rechten Dingen zugeht", versichert das vermeintliche Finanzdienstleistungsunternehmen, das im Telefonbuch nicht zu finden ist, und packt gleich noch eine weitere kostenlose Prämie obendrauf: ein Navigationsgerät.
All das gibt es nach Angaben des Unternehmens aber nur, wenn der Empfänger vor Ablauf der Frist – im Forchheimer Fall läuft sie heute, Donnerstag, ab – telefonisch seine Teilnahme zusage. Danach sei eine Auszahlung nicht mehr möglich.
Zweifel daran, dass es diese Auszahlung jemals geben würde, sind wohl nicht unbegründet. Das Wort "Travelkonto" legt die Vermutung nahe, dass bei der Übergabe wohl eher eine Reise verkauft werden soll. Walter und Friedhilde Gerber werden es wohl nie erfahren. Sie lassen die Frist ganz bewusst verstreichen. Denn was sie im Internet zur Masche mit den angeblichen Finanzdienstleistern fanden, die vorgeben, für die Rechte geprellter Bürger zu kämpfen, ergab ein völlig anderes Bild. Briefe mit praktisch identischem Inhalt kursieren offenbar seit Jahren nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch in Österreich. Bei den Namen der Firmen scheinen der Fantasie keine Grenzen gesetzt zu sein. Tatsächlich geht es nach Erkenntnissen von Behörden und Verbraucherschützern um nichts anderes, als gutgläubige Mitbürger zur Teilnahme an einer Veranstaltung zu verleiten, in deren Verlauf ihnen meist erheblich überteuerte Waren verkauft werden. Dabei scheuen die Veranstalter, die bewusst anonym bleiben, oft auch vor massivem psychischen Druck nicht zurück.
Warnungen vor solchen und ähnlichen Abzocketricks gibt es im Internet zuhauf. Unter den vielen Seiten finden sich auch Behörden wie beispielsweise der Fachdienst Ordnungs- und Gewerberecht des Lahn-Dill-Kreises (siehe Infobox). Die Warnungen und Tipps decken sich mit den Erfahrungen der Polizei. So genannte Kaffeefahrten und Abzockeversuche mit den unterschiedlichsten Versprechungen seien für die Ermittler ein Dauerthema, betont Walter Roth, bei der Polizeidirektion Emmendingen zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Prävention. Inzwischen registriere man eine derartige Flut von solchen Schreiben, dass man ihnen im Einzelfall gar nicht mehr nachgehen könne. Statt dessen versuche man, die Bevölkerung in Veranstaltungen für die betrügerischen Tricks zu sensibilisieren. Klassische Zielgruppe der Betrüger sind Senioren. Grundsätzlich empfehle man, nicht auf derartige Schreiben zu reagieren. Wer unsicher sei, dürfe sich gerne auch bei der Polizei melden.
An die Polizei wandte sich Walter Gerber nicht. Statt dessen wollte er sich an die Verbraucherzentrale in Freiburg wenden. Dort aber schreckten ihn letztlich die Kosten ab. 1,75 Euro pro Minute für telefonische Beratung – das sei es ihm letztlich nicht wert gewesen. Und so wanderte das Schreiben des vermeintlichen Finanzdienstleisters nebst Telefonnummer für die Anmeldung zur Gewinnübergabe kurzerhand in den Papierkorb.
Autor: Martin Wendel
