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03. April 2011 22:19 Uhr

Bilanz 2011

Freiburg-Marathon: Wenn die Sonne zum Feind wird

11.000 Teilnehmer hat der Freiburg-Marathon angelockt – und etliche von ihnen ächzten unter den ungewöhnlich hohen Temperaturen. Ein Läufer musste sogar wiederbelebt werden.

  1. Sommerlauf im Frühling: Rund 11000 Teilnehmer starteten beim Freiburg-Marathon, die meisten aber nicht über die klassische Strecke. Foto: Tarek Mostafa

  2. MarathonsiegerinJudith Iseler Foto: seeger

  3. Marathonsieger Nils Schallner Foto: seeger

  4. Halbmarathonsiegerin Christine Schleifer Foto: Thommy Keller

  5. Halbmarathonsieger Phillip Willaschek Foto: Copyright by Achim Keller

  6. Die Hilfskräfte hatten mächtig zu tun. Foto: seeger

Phillip Willaschek kann nicht mehr, aber da muss er jetzt durch. Aufgeben? Kommt nicht in Frage. In drei Kilometern wartet das Ziel, der erste Triumph, das große Glück. Drei verdammte Kilometer.

Das gesamte Halbmarathon-Feld hat er hinter sich gelassen, seinen ärgsten Verfolger abgeschüttelt, aber hier in Zähringen wollen plötzlich die Beine nicht mehr gehorchen. Zähringen? Phillip Willaschek ist längst in einem langen, schwarzen Tunnel verschwunden. Dass die Sonne glüht und die Beine brennen, spürt er nicht mehr. Er keucht und röchelt, torkelt die Kaiserstuhlstraße hinauf und biegt Richtung Messe ein. "Genieß es!", ruft ihm sein Sozius David Hinze zu. "Ich kann nicht mehr", erwidert Willaschek. Und kann dann doch.

"Bei dieser Hitze war es schon hart." Timo Zeiler
Mit letzter Kraft durchschreitet er das Ziel, kniet – und fällt zu Boden. Sanitäter eilen herbei, legen ihn auf eine Trage. Sein Magen wird sich bald entleeren, aber sonst geht es ihm gut. Am Ende des Tunnels gibt es für den Gewinner der halben Distanz zunächst nur wenig Licht.

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Timo Zeiler, sein Verfolger, überquert in diesem Moment als Zweiter die Ziellinie. Auch er sieht mitgenommen aus, aber er steht. "Bei normalen Temperaturen wäre das Tempo okay gewesen", sagt er. "Aber bei dieser Hitze war es schon hart." Becherweise hat er sich zuvor mit Wasser das Haupt gekühlt, aber nur wenig getrunken. Jetzt ist er froh, dass er durch ist. Viele würden während des Rennens zu viel trinken und zu wenig davor, sagt er – und prophezeit, dass noch einige aufgeben werden.

Leider wird er recht behalten. Etwa 11.000 Läuferinnen und Läufer kämpfen bei der achten Auflage des Freiburg-Marathons vor allem gegen Sonne, Wärme und Pollen an. Vieles habe man in Freiburg schon erlebt, hatte Veranstalter Gernot Weigl Anfang dieser Woche geäußert. Nur den Sommer noch nicht. Doch der drehte gestern mit fast 25 Grad gleich zur Hochform auf. Für 80 Teilnehmer war das allerdings zu viel des Guten. Sie mussten sich ärztlich behandeln lassen. Zehn Läufer wurden ins Krankenhaus eingeliefert.

Herzstillstand im Ziel

Ein Halbmarathon-Läufer brach direkt hinter der Ziellinie zusammen, Herzstillstand. Der Mann musste vom Notarzt wiederbelebt werden und wurde, so Dieter Brodmann vom Deutschen Roten Kreuz, nach der erfolgreichen Reanimation sofort auf die Intensivstation gebracht. Nähere Angaben zu seinen Gesundheitszustand lagen am Sonntagabend noch nicht vor. Brodmann machte generell die für die Jahreszeit extremen Temperaturen für die zahlreichen Kreislaufzusammenbrüche verantwortlich. Viele Läuferinnen und Läufer hätten mit dieser Hitze nicht gerechnet. Die Umstellung von Winter auf Sommer fiel einigen sehr schwer.

Blaulicht und Martinshorn

Nils Schallner hatte auf seinem Weg über die Marathon-Distanz schon eine düstere Vorahnung. "Es scheint, einige erwischt zu haben", berichtet er im Ziel. Blaulicht und Martinshorn habe er einige Male vernommen. Und, ohne Frage, sei dieser Lauf ein besonders harter gewesen, der keine Spitzenzeiten zuließ. "Man hätte sicher schneller laufen können, wenn die Sonne nicht so intensiv geschienen hätte." Dennoch sei es toll gewesen, zum ersten Mal in seiner zweiten Heimat zu gewinnen. Mit seiner Zeit von 2:28:23 Stunden ist er trotz allem zufrieden. Im vergangenen Jahr machte ihm der kenianische Topläufer Kipketer im letzten Moment einen Strich durch die Rechnung, dieses Mal hatte er "beim Heimspiel" freie Bahn. Gerhard Schneble, der Zweite, lief erst sechs Minuten später ein.

Wenig Konkurrenz hatte auch Judith Iseler über die Marathon-Distanz. "Die Leute haben mich ins Ziel getragen, überall bin ich angefeuert worden", sagt die Frau aus Stockach und strahlt. "Unendlich heiß" sei es gewesen. Niemals hätte sie mit einem Sieg gerechnet. Aber als die Freiburgerin Annette Götz eingebrochen sei, konnte sie plötzlich "unverschämt überholen". Unverschämt stark lief hingegen Christine Schleifer aus Mühlacker über die Halbmarathon-Distanz, war jedoch mit 1:18:18 Stunden eher unzufrieden. Spannung wollte in dieser Kategorie hingegen nicht aufkommen, ihre Verfolger liefen fast fünf Minuten später ins Ziel. Die Leistungsdichte bei den Frauen war erneut nicht die größte.

Alles in allem brachte die Sommerauflage in der Ära nach Dieter Baumann und dem Topläufer aus Kenia aber einige erfrischend neue Gesichter hervor. So wie Phillip Willaschek aus Erfurt, der vor einem Jahr in der Laufszene gänzlich unbekannt war. Erst im vorigen August fing er an, professionell zu laufen. Freunde wie der Triathlet David Hinze hätten ihm geraten, "weniger zu labern und richtig zu laufen". Das hat er getan.

"Das ist Wahnsinn"

Nun, eine Stunde nach seinem Sieg, steht der Thüringer mit der Berliner Schnauze etwas verloren in Messehalle 4 herum, kann aber endlich über seinen unerwarteten Triumph sprechen. Etwa zehnmal habe er sich übergeben, erzählt er. "Irgendein glibbriges Gelzeug" habe er während des Laufs geschluckt, das er nun dafür verantwortlich macht. Dass er bei seinem ersten großen Lauf aber gleich gewinnt, kann er immer noch nicht fassen. "Das ist Wahnsinn", sagt er. Die ganze Nacht habe er vor Aufregung nicht schlafen können. Jetzt ist er umso wacher. "Übelst peinlich" sei es ihm, wie er im Ziel zusammengebrochen ist. Für Freude war da erst einmal keine Zeit. Beim Zweitplatzierten Timo Zeiler entschuldigt er sich beinahe, weil es ihm während des Rennens kaum möglich gewesen sei, Tempo zu machen. Dabei ging er lange Zeit davon aus, dass er gegen ihn ohnehin keine Chance hätte. "Bei Kilometer 13 dachte ich dann, wo ist er denn?", so Willaschek. Zu diesem Zeitpunkt hatte er den ersten größeren Vorsprung herausgelaufen, den er bis ins Ziel verteidigte.

Max Frei und die "wunderbare Atmosphäre"

Die beiden Titelanwärter hatten sich frühzeitig vom Hauptfeld abgesetzt und nicht mehr einholen lassen. Auch Ulrich Benz, Marathon-Sieger der Jahre 2004 und 2008, konnte nur wenige Kilometer mithalten. Ihm war es nicht nur zu heiß, sondern auch zu windig. Vielleicht habe er am Anfang aber auch zu viel gewollt. Der Freiburger Max Frei, Sieger des Jahres 2004, wollte in diesem Jahr lieber die "wunderbare Atmosphäre" genießen, als sich bei dieser Hitze allzu sehr anzustrengen, sagte er augenzwinkernd.

"Für die Zuschauer war es top", sagte auch Ulrich Beck. "Da schmeckt das Bier einfach besser." Gut für die Stimmung sei es gewesen, dass der Veranstalter die beiden Läufe wieder zeitgleich starten ließ.

Und Phillip Willaschek? Wird man in Zukunft mehr von dem Thüringer hören? "Ich glaube, dass ich gezeigt habe, dass ich nicht nur ein Quatschkopf bin", sagt er, lacht und zieht von dannen.

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Autor: Andreas Frey