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22. September 2015

Abwechslungsreiche Tage im Quartier

Das Bürgerforum Sedanquartier gibt’s seit 20 Jahren, am Wochenende haben die Engagierten ihre bisherigen Erfolge gefeiert.

  1. Uli Armbruster war einer der Redner am neu gestalteten Platz zwischen Wilhelm- und Moltkestraße Foto: Kunz

  2. Eher verborgen im Quartier: Die Naturfriseurin Christine Jaksch (rechts) empfängt ihre Gäste. Foto: Bamberger

INNENSTADT. Drei Tage hat das Bürgerforum Sedanquartier am Wochenende gefeiert: am Freitagabend mit offiziellen Reden, am Samstag mit Quartiersführungen, am Sonntag mit einem Familienfest. Anlass war das 20-jährige Bestehen des Bürgerforums, dessen 15 aktive Mitglieder und rund 90 Engagierte in vier Arbeitsgruppen sehr zufrieden mit den Ergebnissen ihrer bisherigen Arbeit sind. Um einen der Erfolge ging’s am Freitagabend – da wurde der neu gestaltete Platz zwischen Wilhelm- und Moltkestraße eingeweiht.

Uli Armbruster und Hanne Beyermann-Grubert vom Bürgerforum Sedanquartier sind hochzufrieden. Sie finden den Platz, der vom Stadtplanungsamt-Chef Roland Jerusalem eingeweiht wurde, jetzt schöner als früher. Alle ihre Ansprechpartner haben die Vorstellungen des Bürgerforums umgesetzt: Zwei Baumscheiben bekamen Granitquader als Sitzgelegenheiten. Die Litfasssäule wurde weiter in die Moltkestraße versetzt, weil das Bürgerforum sie zu dominierend fand. Auch die Mauer bei den Unigebäuden hat die engagierten Bürger gestört, sie fanden sie zu hoch – sie wurde kleiner gemacht. Zudem wurde ein Badenova-Stromhäuschen von einem Graffiti-Künstler bemalt.

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Auch künftig wollen die Bürgerforums-Mitglieder mitmischen, zum Beispiel bei einer Neugestaltung der Parkplatz-Garage am Faulerbad. Völlig ablehnend stehen sie Plänen aus der Stadtverwaltung gegenüber – die dort ihrer Kenntnis nach letztlich abgelehnt worden seien –, an die Stelle der Garage ein fünfstöckiges Gebäude zu bauen, möglicherweise ein Studierendenwohnheim. Das würde den Blick in die Ferne zerstören, argumentieren Hanne Beyermann-Grubert und Uli Armbruster. "Dieser Plan würde zu großen Auseinandersetzungen mit uns führen", kündigt Hanne Beyermann-Grubert an. Das Bürgerforum will, dass die Garage bleibt und begrünt wird.

Um die Zukunft des Quartiers kümmern sich auch vier Arbeitsgruppen mit den Themen Senioren, Familien, Adlerpark und Grünanlagen, die vom Familienministerium unterstützt werden. Und am Sonntag beim Familienfest, an dem laut Uli Armbruster rund 150 Erwachsene und 100 Kinder teilnahmen, konnten alle ihre Wünsche an Stellwänden äußern.

Was aber gibt es bereits jetzt alles im Quartier? Darum ging’s in mehreren Führungen am Samstag, die zum Kennenlernen von teils auch unbekannten Orten einluden. Mit Judith Heinemann, die seit knapp 20 Jahren im Sedanquartier wohnt und als Endvierzigerin in der Senioren-Arbeitsgruppe aktiv ist, machen sich eine Familie mit zwei Kindern und zwei Frauen auf den Weg zum ersten Ziel: Die Naturfriseurin Christine Jaksch empfängt sie in ihrem Salon "Mit Haut und Haar" an der Belfortstraße.

Zu ihr kommen längst nicht nur Nachbarn aus dem Quartier, sondern viele von außerhalb – denn Naturfriseure, die nur mit Produkten arbeiten, die sich ökologisch abbauen lassen, sind selten. Statt auf Chemie setzt Christine Jaksch auf Natürliches – beim Färben zum Beispiel auf Kamille, Henna und Kurkuma. Als sie vor elf Jahren anfing, war sie viel in der Nachbarschaft unterwegs, um sich bekannt zu machen. Inzwischen hat sie so viele Kunden, dass die sich zwei Wochen vorher anmelden müssen. Christine Jaksch fühlt sich wohl im Sedanquartier: "Es hat Charme, das Kiez-Mäßige, mit gemischten Menschen und nicht so gestylt."

Gut ist die zentrale Lage auch für die Frauen vom Förderverein für Frauen in Not, "Off", die in der Sedanstraße ihre "Boutique le sac" betreiben. Dort können alle günstige Secondhandkleidung und andere Artikel zugunsten der Arbeit von "Off" gegen Spenden ergattern. Die Boutique bietet zudem in Not geratenen Frauen eine Möglichkeit, zinslose Mikrokredite von "Off" abzuarbeiten, erläutern die "Off"-Vorstandsfrauen Renate Lepach und Elisabeth Armbruster.

Die "Off"-Aktivitäten sind bekannt – ganz anders als das Malergeschäft Eugen Knosp, das in einem Hinterhof an der Moltkestraße liegt. Dort erzählt der frühere Inhaber Helmut Knosp, der den Betrieb 2008 an einen Nachfolger übergab, wie sein Großvater und Vater die Firma ab 1886 auf- und ausbauten. Nach den Bombardierungsschäden vom 27. November 1944 mussten sie nochmal neu anfangen, Helmut Knosp war damals ein Kind. 1963 übernahm er den Betrieb, seitdem hat sich viel geändert: Inzwischen finde die Hauptarbeit der Maler auf den Baustellen statt, sagt Helmut Knosp, als er inmitten von Regalen und Tischen mit Farben steht – in seinem früheren Reich.

Die Maler-Firma ist einer von rund 200 Betrieben im Quartier, sagt Judith Heinemann – und führt ihre Runde weiter zum Lebensmittelgeschäft "Tischlein deck dich" und dem Klamottengeschäft "Zündstoff" mit fair gehandelter Kleidung.

Autor: Anja Bochtler