Initiative

Der Stühlinger bekommt jetzt auch einen Audioguide

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Di, 07. Februar 2017

Freiburg Mitte

Für den Freiburger Stadtteil entsteht derzeit – nach dem Vorbild anderer Quartiere – ein Audioguide.

STÜHLINGER. Auf der Wiwilí-Brücke ist es wie immer: Fahrräder klingeln, Menschen verabschieden sich voneinander, unten rauschen Züge vorbei. Die fünf Frauen, die hier mit einem Aufnahmegerät stehen, fangen ein paar dieser typischen Geräusche ein. Doch als Natalie Roloff und Anne Reyers ihr Interview mit Daniela Ullrich, der Vorsitzenden des Bürgervereins, beginnen, verziehen sich alle lieber ins ruhige Büro der Medienpädagogin Irene Schumacher an der Stühlingerstraße. Dort entsteht zurzeit der Audioguide Stühlinger.

Wofür steht die Wiwilí-Brücke? Zum Beispiel für ein Tor zum Stühlinger – und damit für den Startpunkt für alles, was Daniela Ullrich über ihren Stadtteil zu erzählen hat. Natalie Roloff und Anne Reyers halten ihr das Mikro entgegen. Sie legt los mit der Entwicklung des einstigen Arbeiterviertels zum Treffpunkt der Boheme mit immer mehr Studierenden und Kreativen. Und bis hin zur aktuellen generellen Beliebtheit des "Stadtteils der kurzen Wege", die eher "ein Fluch" sei: "Denn jetzt will hier jeder wohnen."

Plötzlich sagt Natalie Roloff: "Wart’ mal kurz." Das Interview stoppt. "Da ist ein Rauschen drin ", sagt Natalie Roloff, die kritisch die Aufnahme verfolgt. Alle am Tisch legen ihre Handys weg – möglicherweise sind die schuld an dem Nebengeräusch. Auf dem Tisch steht Knabberzeug, es gibt Tee, Irene Schumacher und Margot Degand schauen zu, während Daniela Ullrich weiter interviewt wird. Bis auf die Bürgervereinsvorsitzende gehören alle Frauen zum harten Kern der rund achtköpfigen Truppe, die seit dem vergangenen Frühling einen Audioguide für den Stühlinger erarbeitet. Ziel ist, dass er im Frühling fertig wird.

Die Idee ist nicht neu: Für Weingarten gibt’s seit 2013 einen Stadtführer zum Hören, den der freie Sender "Radio Dreyeckland" produziert hat, in Landwasser und anderswo laufen ähnliche Projekte. Beim Stadtteilentwicklungsprozess (Stell) entschieden die Stühlinger-Bürgerinnen und -Bürger, 7000 Euro in einen Audioguide zu investieren. Irene Schumacher koordiniert alles auf Honorarbasis, sie lebt und arbeitet auch selbst hier.

Zusammen mit den Engagierten ist ein Konzept entstanden, das zwölf ausgewählte Orte mit sehr unterschiedlichen Thematiken vorstellt, vom Stühlinger Kirchplatz und der Herz-Jesu-Kirche über den internationalen Lebensmittelmarkt "Ariana" bis hin zu verhängnisvollen Orten im Nationalsozialismus wie der ehemaligen Kreispflegeanstalt.

Eigentlich gäbe es unendlich viel mehr Stoff, bedauern alle – um sich zu begrenzen, konzentrieren sie sich nur auf den Alt-Stühlinger. Doch Fortsetzungen sind nicht ausgeschlossen. Hinter Anne Reyers liegen schon drei Interviews, die sie alle genossen hat: "Ich sehe den Stühlinger jetzt mit anderen Augen." Sie ist Buchhändlerin und lebt seit 1995 im Stadtteil.

Gelernt hat sie nicht nur Inhaltliches, sondern ebenso, mit technischen Geräten umzugehen – auch wenn beim Schneiden Anna Trautwein von "Radio Dreyeckland" hilft.

Anne Reyers weiß nun, dass es wichtig ist, dass die Interviewpartner in kurzen, verständlichen Sätzen antworten, möglichst ohne "äh" und "hm". Und Natalie Roloff, die seit 17 Jahren im Stadtteil Stühlinger wohnt und chemisch-technische Assistentin ist, hat gelernt, Interviews zu vermeiden, wenn in der Nähe Autos vorbeifahren – das stört enorm.

Für Margot Degand, die bildende Künstlerin ist und bis zu ihrem Ruhestand auch als Lehrerin gearbeitet hat, gab’s beim Interviewen "viele schöne Erlebnisse". Außerdem ist sie überzeugt, dass ihr Einsatz einen Menschen ganz besonders gefreut hätte – der allerdings seit 102 Jahren tot ist: ihren Urgroßvater Otto Winterer, der von 1890 bis zu seinem Tod 1915 Oberbürgermeister in Freiburg war und den Stühlinger gegründet hat. Auf seinen Spuren bewegt sie sich nun.