Irgendwo in Afrika

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Sa, 12. Mai 2018

Freiburg Ost

MENSCHEN VON NEBENAN: Ulrike Fahlbusch engagiert sich für das vielen unbekannte Gambia.

FREIBURG-EBNET. Sie hat sich nie einschränken lassen, weder von ihrer nicht einfachen Kindheit noch von ihren Schmerzen: Stattdessen hat Ulrike Fahlbusch (62) immer ihren eigenen Weg gesucht – und gefunden. Und dazu gehört längst auch, dass sie andere unterstützt, die es ebenfalls nicht leicht haben. Sie engagiert sich sowohl für Familien in Gambia als auch für gambische Geflüchtete in ihrer Umgebung.

Menschen nach Gambia abschieben? Das hält Ulrike Fahlbusch für "absolut dumm": Stattdessen sollten sie hier ausgebildet werden, um ihr Land später unterstützen zu können, fordert sie. Die Bevölkerung in Gambia hätte keine Perspektiven. "Diese Ungerechtigkeit ist schwer auszuhalten", sagt sie.

Ulrike Fahlbusch hat selbst schwierige Erlebnisse und Umwege hinter sich: Sie wuchs, 1956 geboren, in einem kleinen Ort in Niedersachsen auf, mit drei Jahren verlor sie ihre Mutter, als Fünfzehnjährige den Vater. Sie lebte bei der neuen Partnerin des Vaters. Wegen eines angeborenen Hüftgelenkproblems musste sie schon als Kleinkind viel Zeit in der Klinik verbringen – in einer ihrer frühesten Erinnerungen liegt sie allein in einem Gitterbett und schreit verzweifelt nach ihren Eltern, die nicht zu ihr durften. Später schickte sie ihr Vater nach dem Hauptschulabschluss auf die Handelsschule. Auch nach seinem Tod blieb sie dort, um seinen Wunsch zu erfüllen: "Dabei habe ich das Kaufmännische gehasst."

Trotzdem quälte sie sich durch eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Dann begann ihre Befreiung: Sie wollte mit Menschen arbeiten, machte einen Schwesternhelferinnen-Kurs, jobbte, lebte zwei Jahre in einer Landkommune. Nach vielen Jahren mit Hüftschmerzen und Odysseen von Arzt zu Arzt suchte sie auch gesundheitlich Alternativen: Statt für die Schmerzmittel und Operationen der Schulmedizin entschied sie sich für Körperarbeit, machte eine tanztherapeutische Ausbildung.

Es klingt wie ein Wunder, aber die Schmerzen seien nach und nach besser geworden, erzählt sie. Inzwischen lebt sie schon lange schmerzfrei: "Die Ärzte wundern sich, wie beweglich ich bin." Gleichzeitig fand sie so ihren Beruf. Vor 29 Jahren kam sie mit ihrem Mann nach Freiburg, in ihrer Ebneter "Praxis für Gesundheitskultur" bietet sie unter anderem Körperarbeit und Klangmassagen für Selbstzahler an. Im Jahr 2003 erfüllte sie sich einen weiteren Traum. Sie interessierte sich seit ihrer Zeit in der Landkommune für afrikanische Musik. Als ihr Mann, der Augenoptiker ist, eine berufliche Umbruchphase hatte, verbrachte sie mit ihm zweieinhalb Monate in einem Kulturzentrum in Gambia. Beide nahmen täglich Trommelunterricht.

Die Reise war ein Wendepunkt. Die Rückkehr ins übersättigte Deutschland sei "ein Kulturschock" gewesen, die Erinnerung an die "entwürdigende Armut", in der ihr Trommellehrer und viele andere ihrer neuen Freunde in Gambia lebten, ließ Ulrike Fahlbusch nicht mehr los. Mit ihrem Mann begann sie, ehrenamtlich "meditative Klangreisen" anzubieten, alle Spenden der Teilnehmenden flossen nach Gambia. Zwei Familien können so seitdem unterstützt werden. Deren Kinder machen gute Ausbildungen und strengen sich sehr an, eine der Töchter studiert inzwischen Ökonomie. An Ostern war Ulrike Fahlbusch zuletzt dort.

2013 kam eine neue Erfahrung dazu: Sie hörte, dass in der Flüchtlingsunterkunft Kirchzarten Gambier lebten. Anfangs war Ulrike Fahlbusch schockiert: "In Gambia sind die Menschen aufgeschlossen, würdevoll, lebendig – hier saßen junge Männer in enge Zimmer gepfercht, mit trüben Gesichtern, entwurzelt." Im Schülerhaus Dreisamtal startete sie einen Trommelkreis für Einheimische und Geflüchtete, später noch ein Trommelcafé.

Im Sommer findet ein interkulturelles Camp im Südschwarzwald statt. Die 30 Plätze sind bereits belegt, Tagesgäste und Spenden aber willkommen.