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16. Mai 2017

Privatinitiative

Am Wochenende fand in der Wiehre ein Quartiersflohmarkt statt

Kontakte knüpfen, Ballast loswerden: Rund um die Erwinstraße in der Wiehre fand am Samstag ein Quartiersflohmarkt statt. Solche Privatinitiativen sind zurzeit beliebt.

  1. Kurioses, Schönes, Nützliches: Teile der Wiehre wurden am Samstag zum Open-Air-Kaufhaus. Foto: Rita Eggstein

  2. Die Organisatorin Patricia Müller (links) an ihrem Stand – daneben hat sich ihre Mutter Gabriele Wurster aus der Nähe von Heidelberg ausgebreitet. Foto: Rita Eggstein

WIEHRE. Zitronengebäck glaciert mit grünem Matcha-Pulver, aufwändige Nuss- und Pralinenkekse: Die kunstvollen Leckereien fielen ins Auge und gingen schnell weg. Es gab sie am Stand von Patricia Müller in der Erwinstraße 86. Vor dem Straßenflohmarkt, den sie für den vergangenen Samstag organisiert hatte, hat sie nicht nur Schränke ausgemistet, sondern zudem selbst gebacken und "Wundertüten" gebastelt. Vor ihrem Haus reihten sich Stände aneinander, doch auch in ihrer Nachbarschaft waren viele ihrem Aufruf gefolgt.

Eigentlich hätte sie auch gern mitgemacht – Karin Bürk wohnt um die Ecke, hat gerade Patricia Müllers Kekse gekauft und ist begeistert: "Ich finde es toll, dass jemand die Initiative ergreift und privat einen Flohmarkt organisiert." Bei den größeren Flohmärkte sei es schwer geworden, einen Stand zu bekommen, außerdem seien die Gebühren hoch. Seit sie die 50 überschritten hat, findet sie es wichtig, mehr herzugeben als zu kaufen: "Wir haben doch alle viel zu viel."

Auf und unter dem Tisch von Patricia Müller gibt’s unter anderem Stofftiere, CDs, eine Schneidemaschine und einen Anrufbeantworter – außerdem die "Wundertüten". In denen für Kinder verbergen sich zum Beispiel kleine Puzzles, Bücher und Stifte. Daneben hat sich ihre Mutter Gabriele Wurster ausgebreitet, die extra aus der Nähe von Heidelberg angefahren ist – unter anderem mit Sandalen, Sonnenbrillen, Schmuck und Kleidung: Überwiegend Dinge, die sie für ihr Alter mit 68 Jahren nicht mehr passend findet, aber auf keinen Fall wegwerfen möchte. Für sie und Patricia Müller geht’s aber nicht nur darum, Überflüssiges sinnvoll loszuwerden, denn beide lieben die Flohmarktatmosphäre und erinnern sich an schöne alte Zeiten: Früher als Kind war Patricia Müller dabei, wenn ihre Mutter bei einem Flohmarkt zum 1. Mai ihren Stand aufgebaut hatte, im Grundschulalter haben sie und ihre Geschwister selbst ausgemusterte Spielsachen verkauft und dabei den Umgang mit Geld gelernt.

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"Das Zwischenmenschliche" schätzt Patricia Müller an Flohmärkten besonders, darum gefiel es ihr, in ihrer Umgebung zu klingeln und dort und anderswo Aushänge zu verteilen. Die meisten Bewohner rund um die Erwinstraße kennen sich nicht persönlich, sagt sie: "Es ist eher anonym." Über E-Mail und die Nachbarschaftsplattform "Nebenan.de" konnten sich Interessierte melden, 48 wollten mitmachen, letztendlich waren rund 40 dabei. Solche Quartiersflohmärkte liegen derzeit im Trend: Am Wochenende davor gab’s auch welche in Tiengen und in der Staufener Straße in Haslach.

Der größte Vorteil ist, dass es bei privat organisierten Straßenflohmärkten keine Standgebühr gibt. Deshalb hat sich Vanessa Siegel ihre Freundin Jana Brenning einzuladen und mit ihr gemeinsam Bücherkisten und ein paar Klamotten, Tassen und Schmuck rauszustellen. Dass sie nicht viel verkaufen, macht nichts, anders wäre das, wenn sie Gebühren bezahlt hätten – "so aber sitzen wir einfach in der Sonne und reden", sagt Vanessa Siegel.

Trotzdem freuen sie sich, wenn sie etwas loswerden. Beide sind dabei, das meiste, was sie besitzen, loszuwerden: "Das ist alles Ballast", sagt Jana Brenning. Sie sind Anhänger des Minimalismus-Trends und wollen nur noch das Nötigste behalten. Bei Vanessa Siegel sind das derzeit zwei Kisten Bücher, an denen sie besonders hängt.

Auch Carlo (8) ein paar Häuser weiter gewöhnt sich früh daran, sich von Dingen zu trennen: Bei ihm gibt’s unter anderem "Benjamin Blümchen"- und "Pinocchio"-DVDs, Bücher wie "Luzie, der Schrecken der Straße" von Ota Hofman und "Das Tal der Abenteuer" von Enid Blyton, Inliner und einen Lerncomputer. Ein paar Dinge hat er schon verkauft, mit dem Geld will er sich neue Wünsche erfüllen. Für ihn und seinen Bruder ist es der erste Flohmarkt, bei dem sie selbst verkaufen – ihre Mutter ist nur ein paar Schritte entfernt.

Autor: Anja Bochtler