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29. Juli 2010
Privatisieren und kassieren
Mieter, SPD und Quartiersarbeit kritisieren, dass Miet- zu Eigentumswohnungen werden.
WIEHRE. "Ein Quartier verändert sich!" Zwar nur ein Werbespruch, aber ein zutreffender. In der Unterwiehre – genauer: im Quartier westlich der Merzhauser Straße – will die Firma Bauunion die Hälfte ihrer etwa 100 Mietwohnungen als Eigentumswohnungen verkaufen. Damit, befürchten Kritiker, gäbe es endgültig zu wenig bezahlbare Mietwohnungen im Viertel.
Claudio Bendetto wohnt in der Gallwitzstraße, sitzt in der Küche seiner Wohngemeinschaft und blättert in einem dicken Stapel Papier. Akribisch hat der 35-jährige Mathematikstudent den Schriftwechsel mit seinem Vermieter, der Münchner "Gesellschaft für Haus- und Grundbesitz" Bauunion, dokumentiert. Die 78-Quadratmeter-Wohnung, die bis vor kurzem 424 Euro Kaltmiete pro Monat kostete, soll in eine Eigentumswohnung umgewandelt werden. Wenn die Wohngemeinschaft selbst nicht kaufen kann oder will, verlängert sich ihr Mietvertrag, bis ein neuer Eigentümer gefunden ist – und der kann dann drei Jahre später die Wohnung selbst nutzen. Nun aber soll die Wohnung – eine der sogenannten "Franzosenwohnungen", in denen früher Offiziere der französischen Armee lebten – für potenzielle neue Besitzer modernisiert und renoviert werden. Auf die Vermieterin Bauunion ist Bendetto nicht gut zu sprechen: "Seit die Bauunion die Franzosenwohnungen gekauft hat, gab’s in drei aufeinanderfolgenden Jahren eine Mieterhöhung." Weil seine Wohngemeinschaft jedes Mal nicht zustimmte, hatte die Bauunion geklagt – bei Gericht allerdings wurde die geforderte Mieterhöhung vor einigen Tagen ordentlich reduziert: Statt 84 Euro mehr im Monat (alle Erhöhungen zusammen) muss die WG nun nur 21 Euro mehr zahlen, insgesamt also 445 Euro.Werbung
Vor dem Richter getroffen hat man sich auch wegen der Modernisierungen, bei denen unter anderem das Haus eingerüstet, eine Pellets- und Gasheizung angeschafft und das Dach isoliert werden soll: "Ich musste vor Gericht gehen, um konkrete Informationen zu erhalten", ärgert sich Bendetto. Vor Gericht gab’s nach einigem Hin und Her einen Vergleich, weshalb die Arbeiten nun erst am 24. August beginnen. Wackeltiere auf dem Spielplatz hinter dem Haus sind allerdings schon demontiert – dort hatte man Platz für Maschinen gebraucht, mit denen Balkone ans Haus gestellt werden sollten.
"Wir wollen in diesem Viertel eine gemischte Mieterstruktur hinkriegen", bestätigt Uwe Kleiner, Geschäftsführer der Bauunion. Das Unternehmen hatte 2005 für 40 Millionen Euro 590 Franzosenwohnungen in der Wiehre, in Haslach, dem Stühlinger und in Herdern-Neuburg von der Deutschen Pfandbriefanstalt gekauft. Damals durften nur Mieter mit Wohnberechtigungsschein in den günstigen, im Durchschnitt 80 Quadratmeter großen Wohnungen wohnen. Seit der Generalmietvertrag Ende 2005 von der städtischen Wohnungsgesellschaft Stadtbau an das Partnerunternehmen der Bauunion, Sauer Immobilien, überging, hat sich dies geändert.
Erst zogen nach und nach mehr Studenten-WGs ein, nun will die Bauunion einen Teil der Wohnungen privatisieren, in der Unterwiehre etwa die Hälfte. "Diejenigen mit stabiler Mieterstruktur behalten wir, die anderen werden modernisiert und verkauft", so Kleiner, "wir nehmen da Geld in die Hand, und wir verdienen auch Geld damit, das ist klar." Nach seinen Angaben investiert das Unternehmen in Einzelfällen bis zu 50 000 Euro in aufwändige Sanierungen.
Die danach auf den Markt kommenden Eigentumswohnungen lägen bei einem Kaufpreis von 1700 bis 2000 Euro pro Quadratmeter bei überschaubarem Sanierungsaufwand und bei bis zu 2300 Euro pro Quadratmeter, wenn aufwändig saniert werde.
Das Konzept stößt auf Kritik: "Sanieren und dann Mieter verdrängen, das ist die Strategie der Bauunion und ihres stadtteilbekannten Partners Sauer Immobilien", meint Kai-Achim Klare, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Unter-Mittelwiehre. Die soziale Balance in der Wiehre drohe weiter in Schieflage zu geraten. Auch Sebastian Klus von der Quartiersarbeit im Viertel spricht von "Verdrängung" und kündigt Widerstand an: "Wer sich dagegen wehren will, muss sich mit anderen zusammenschließen."
Autor: Simone Lutz
