Interview

"Wie bei einem Lagerfeuer"

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Sa, 16. Juni 2018

Freiburg Süd

Drei Fragen an Francesca Santangelo zur Reihe „’s Kulturviertel – ganz und gar Genossenschaft“

FREIBURG-WIEHRE. Ihr Motto: "’s Kulturviertel – ganz und gar Genossenschaft". Kulturschaffende zeigen bei einer heute beginnenden Veranstaltungsreihe ihre Solidarität mit den Bewohnerinnen und Bewohnern von rund 300 Wohnungen im Quartier der Genossenschaft Familienheim, die in der Wiehre Abriss und Modernisierungen plant. Mit dabei ist die Schlagzeugerin und Bewohnerin Francesca Santangelo (33) von der Initiative "Wiehre für alle". Anja Bochtler sprach mit ihr.

BZ: Wie viele Nachbarn kannten Sie früher – und wie viele kennen Sie jetzt?
Santangelo: Ich bin erst im April 2017 hierher gezogen, nicht in die Quäkerstraße, wo Häuser abgerissen werden sollen, aber auch in eine Familienheim-Wohnung. Im Juni kam der erste Brief von Familienheim mit der Ankündigung der Pläne, damals kannte ich noch fast niemanden. Danach haben wir uns zusammengetan. Es gab auch vorher eine gewachsene Nachbarschaft mit Festen und gegenseitiger Hilfe. Durch unsere Initiative sind wir enger zusammengerückt, wie bei einem Lagerfeuer: Wir alle zusammen engagieren uns für unser Quartier, für bezahlbaren Wohnraum. Das ist umso wichtiger, weil wir bei einer Sozialdatenerhebung herausgefunden haben, dass die Mehrheit der Menschen im Quartier nicht viel Geld hat. Wir brauchen diese Wohnungen. Wenn sie verschwinden, können viele sich Freiburg nicht mehr leisten.
BZ: Sie haben ein breites Kulturprogramm mit vier öffentlichen Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Kann Kunst Wohnungen retten?
Santangelo: Kunst verbindet und stärkt, Kunst ist gegen Gentrifizierung. Wir fühlen uns in einer Ohnmachtssituation gegenüber der Genossenschaft Familienheim, die Gentrifizierung macht uns Angst – und wir antworten darauf mit Kunst und gemeinsamem Feiern. Bei uns im Quartier, das sehr bunt und interessant ist, leben viele Künstler, auch ich gehöre dazu und bin bereits bei einer von zwei Kulturveranstaltungen aufgetreten, die wir seit Februar intern organisiert hatten. Jetzt gehen wir an die Öffentlichkeit, und auch am Samstag ist wieder eine Künstlerin dabei, die im Quartier wohnt: Katharina Scharlowski ist Autorin, sie schreibt Gedichte. Aber auch viele andere renommierte Künstler unterstützen uns, alle ohne Gage, um zu zeigen: Wir alle sind gegen Gentrifizierung.
BZ: Wie viel Hoffnung, dass Ihr Einsatz wirkt, haben Sie gerade?
Santangelo: Sehr viel. Wir sind immer hoffnungsvoller geworden. Denn zurzeit läuft eine Prüfung für eine Erhaltungssatzung und Milieuschutz im Quartier, sie liegt auf dem Schreibtisch vom Baubürgermeister Martin Haag. Außer den Grünen und der CDU haben sich alle Fraktionen im Gemeinderat für diese Prüfung ausgesprochen. Wir werden auf jeden Fall weitermachen und überall möglichst viele Menschen sensibilisieren, um zu zeigen: Wir alle stehen hinter der Quäkerstraße und dem Quartier.

Auftakt von "’s Kulturviertel – ganz und gar Genossenschaft ": Samstag, 16. Juni, 19 Uhr, im Weingut Andreas Dilger, Urachstraße 3, mit dem Kabarettisten Jess Jochimsen, der Straßenkünstlerin Anita Bertolami, Musikerin Konstanze Ihle und Autorin Katharina Scharlowski (Moderation: Clownin Inga Siebel). Eintritt frei, begrenzte Plätze.