Weingarten-Tag

Beim Vielfalt-Fest in Weingarten gab es Fußball, Fotoaktionen und noch mehr

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Di, 27. September 2016

Freiburg Südwest

Hier gibt’s Vielfalt: Das sollte der Weingarten-Tag am Samstag zeigen. Und das drückte sich auch an den vielen unterschiedlichen Veranstaltungsorten aus, an denen von morgens bis abends Verschiedenes geboten war.

WEINGARTEN. Darunter waren größere Aktionen wie das Herbstfest auf dem Abenteuerspielplatz, das Fest der Marktbeschicker, ein Fußballturnier und ein buntes Programm auf dem Else-Liefmann-Platz – aber auch sehr kleine wie ein Landart-Projekt im Dietenbachpark.

Sie haben sich sehr angestrengt, doch gegen die Erwachsenen – allesamt Bewohner der Flüchtlingsunterkunft im Dietenbachpark – hatten sie kaum Chancen: "Das war schwierig", sagt Jemo (12). Er gehört zum Team "Niglo 2". Dessen Spieler sind an diesem Mittag die Jüngsten auf dem Soccerfeld der Adolf-Reichwein-Grundschule. Jemo, Sanjo (12) und die anderen Jungs von "Niglo 2" kicken fast jeden Abend, beim Spielplatz am Lindenwäldle. Sie sind Freunde, viele auch Cousins, die meisten wohnen in der Sinti-Siedlung am Auggener Weg. Genau wie die älteren Jugendlichen vom Team "Niglo 1" – unter anderem Tscherg (15), Andre (14) und Donnie (18). Die Drei haben es eilig, sie müssen aufs Feld. Schnell prallt dort der Ball wieder hin und her. Die Gegner der Jugendlichen wohnen in den Reihenhäusern am Heitersheimer Weg, ihr Team heißt "Froh und heiter". Jedes Spiel dauert acht Minuten, Susanne Drost muss den Überblick behalten: Sie sitzt mit ihrem Laptop an einem Tisch in der Sonne. Sie engagiert sich bei den "Bürgerinnen und Bürgern initiativ für ein gutes Leben in Weingarten" (bi4w), die den Weingarten-Tag angeregt und mit der Quartiersarbeit vom "Forum Weingarten" organisiert haben.

Drost lebt in einem der Reihenhäuser – und findet es spannend, wie sich beim Turnier die unterschiedlichsten Menschen begegnen. Die Vielfalt gefällt ihr auch im Alltag. Als Nächstes ist wieder ein Team der Bewohner der Flüchtlings-Wohncontainer dran, sie verlieren gegen den FC Kicevo, mit 0:3. Kicevo ist eine Stadt in Mazedonien, Merhan (17), Ergim (14), Ahsen (15) und Dennis (14) stammen von dort. Sie leben seit Jahren in Weingarten und kicken oft zusammen. Nach ihrem Sieg sind sie nassgeschwitzt, aber stolz. Zum Erholen gibt’s Getränke und Kuchen, gespendet von Susanne Drosts Nachbarn aus der Reihenhaus-Siedlung.

Sehr viel gemächlicher geht’s am Else-Liefmann-Platz zu. Über den am frühen Nachmittag noch eher leeren Bänken und Tischen hängen bunte Girlanden, es gibt unter anderem Kinderschminken, Malen und Waffeln vom Verein "Nachbarschaftswerk" und dem Kinder- und Jugendzentrum. Die Quartiersarbeiterin Christel Werb lädt alle ein, ihre Verbundenheit mit ihrem Stadtteil zu zeigen: Wer will, kann sich zwischen zwei Fensterscheiben unter einem "I love Weingarten"-Schild fotografieren lassen, mit den unterschiedlichsten Requisiten.

Viele Migrationsgeschichten – und sehr unterschiedliche

Ahoja Atikzada (66) hat mitgemacht. Er wohnt hier, im Hochhaus der Bugginger Straße 50, weit oben im 15. Stock. Er mag den nahen Dietenbachsee und die gute Lage an der Straßenbahnhaltestelle.

Vor mehr als 40 Jahren hat er sein Heimatland Afghanistan verlassen und in Freiburg Geologie studiert. Mit seinem Diplom fand er keine Arbeit, darum hat er bis zu seiner Rente als Verkäufer im Kaufhaus "Karstadt" gearbeitet. Inzwischen springt er stundenweise als Dolmetscher für Flüchtlinge ein, die zurzeit aus Afghanistan kommen. Er hört sehr belastende Schicksale: "Viele sind seelisch krank, sie mussten mitansehen, wie ihre Verwandten getötet wurden." Dass manche trotz der gefährlichen Lage in Afghanistan dorthin abgeschoben werden, kann er nicht nachvollziehen.

Migrationsgeschichten haben in Weingarten viele – auch Pekic Pretrag aus Bosnien, der seit sieben Jahren den Imbiss "Milan P" betreibt. Bei ihm gibt’s deutsche und jugoslawische Gerichte, von Kässpätzle bis zu Cevapcici.

Ursprünglich war er Industriemechaniker, in Weingarten lebt er seit 1981 – "und zwar gern". Am Weingarten-Tag sorgt er mit Bewirtung vor dem Imbiss bis in den späten Abend für Wein. Das ist nötig, findet er – angesichts des weinlastigen Namens des Stadtteils. Auch weit draußen im Grünen, am Mundenhofsteg im Dietenbachpark, ist Weingarten-Tag: Dort hat die evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde eine Streuobstweise, die Pädagogin Sahra Spieler und ihr Kollege Benjamin Beck laden zu "Landart" ein – sie gestalten vergängliche Kunstwerke aus Naturmaterialien. Nur einzelne kommen, so wie Anna Dimitrovah, die aus Bulgarien stammt, und ihr Sohn Martin (6). Sie wickeln flüssigen Gips um Weidenäste und finden: "Das macht Spaß!"