Freitext

In Haslach wurde am Freitag gelesen

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Di, 16. Mai 2017

Freiburg

Vorlesen und Zuhören: Sehr unterschiedliche Schreibende machen ihre Werke bei den „Freitext“-Lesungen in Haslach öffentlich.

HASLACH. Wer sind die Diebe, die der "Mona Lisa" im Louvre ihr Lächeln gestohlen haben? Und was für ein Leben führte Anna, deren Freunde nach ihrem Tod mit ihrem kargen Nachlass konfrontiert waren? So abwechslungsreich wie diese beiden Geschichten waren alle Texte bei der vierten "Freitext"-Veranstaltung am Freitagabend in "Elkes Scheune" an der Uffhauser Straße. Wie immer hatten die Organisatorinnen Elke Dettmann und Cordula Sauter von der "Haslacher Wundertüte" des Lokalvereins schreibende Menschen eingeladen, aus ihren Texten zu lesen.

Die einen – diesmal rund 25 Menschen – sitzen im Kreis ums Feuer und hören zu. Die anderen nehmen nacheinander am kleinen runden Tisch mit Leselampe Platz und packen ihre Manuskripte aus, die bisher noch nirgends veröffentlicht wurden: So funktioniert "Freitext".

François Loeb (76) fängt an. Er ist keiner, der für die Schublade schreibt, sondern hat viele Kurzgeschichten veröffentlicht. Aber auch für ihn ist es "immer wieder ein Kampf", geeignete Verlage zu finden. Doch er hat nie vom Schreiben leben müssen, sondern fing damit an, als er eigentlich genug anderes zu tun hatte. Damals lebte er in seiner Heimat, der Schweiz, war gleichzeitig FDP-Politiker, unter anderem im Nationalrat, und Unternehmer – zuletzt im Berner Warenhaus Loeb, das sein Urgroßvater gegründet hatte. Die Arbeit setzte ihn stark unter Druck, er suchte ein Ventil. Das Schreiben wirkte befreiend, "wie eine Psychotherapie". Ermutigt hat ihn der berühmte schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, den er persönlich kannte und mit dem er manchen Abend verbrachte. Als er die ersten Versuche an die Neue Zürcher Zeitung schickte, wurden sie tatsächlich gedruckt, unter dem Pseudonym Bruno A. Nauser. François Loeb, der inzwischen in Merzhausen lebt, schreibt – gern in Zügen, auf dem Weg zu seinen Enkeln – nichts Autobiografisches, "aber alles, was man schreibt, hat immer auch mit einem selber zu tun", sagt er.

Bei "Freitext" ist er zum ersten Mal, das Format passt perfekt für ihn und sein Faible für Kurzgeschichten: Ziel ist, dass keine der Lesungen länger als zehn Minuten dauert. François Loeb bringt da den geheimnisvollen Verlust des Lächelns der "Mona Lisa" unter, den ein Wärter der Polizei meldet. Auch seine Nachfolgerin hat bereits ein Buch veröffentlicht: Im Roman "Elas unfertiges Erinnern" setzte sich die analytische Psychotherapeutin Erika Prümm (76) mit ihrem Forschungs- und eigenem Lebensthema, der Kriegskindheit, auseinander – an diesem Abend aber liest sie Erzählungen, unter anderem die über "Annas Nachlass".

Dazu angeregt wurde sie durch ihr eigenes Umfeld im Stadtteil Vauban, erzählt sie hinterher – da seien Patientenverfügung und Nachlassregelung beliebte Themen: "Nur mir lag das lange fern, obwohl ich die Älteste bin." Auch im Publikum sitzen diesmal überwiegend Ältere und in der Mehrheit Frauen. Das aber sei sehr unterschiedlich und gemischt, sagt Elke Dettmann, die nicht nur eine der Organisatorinnen, sondern in ihrer Scheune auch die Gastgeberin ist: Bei den ersten Veranstaltungen seien viele junge Menschen gekommen. Einmal habe sich der Lesungsabend fünf Stunden lang hingezogen, weil immer wieder jemand einen Text aus der Tasche zog.

Auch diesmal läuft vieles spontan: Auf die ersten beiden Autoren, die sich angemeldet hatten, folgen mehrere, die sich mehr oder weniger spontan dazu entschließen: zum Beispiel Irmhild Stein, die ein langes rumänisches Märchen in Gedichtform übersetzt hat, und Hermann Groteloh, der über seine Enkel schreibt.