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21. März 2017

Freiburg-Landwasser

Der Verein Feministische Geschichtswerkstatt hat einen Audioguide zum Stadtteil erstellt

Geschichten aus dem Stadtteil: Die Feministische Geschichtswerkstatt hat einen Audioguide erstellt und bei einem Rundgang präsentiert.

  1. Rundgang mit Lautsprecherwagen: Zur Einführung in die Geschichten über Frauen und ihre Orte im Stadtteil zogen Macherinnen und Interviewte des Audioguides zusammen mit Interessierten durch Landwasser. Foto: Rita Eggstein

LANDWASSER. Was verbindet Ruth Dense aus Oberfranken, Alisa Kovalik aus Moldawien, Anja Rahmelow aus Freiburg und Nasima Mirzei aus Afghanistan? Sie wohnen auf dem "Satelliten 79110" – in Landwasser. Und sie sind vier von sechs Frauen, die von sich und ihrem Stadtteil erzählen. Zu hören ist das auf dem Audioguide, den der Verein Feministische Geschichtswerkstatt am Samstag präsentierte. Audioguides sind im Trend, dieser entstand im Projekt "Migrantinnen in Landwasser" der Feministischen Geschichtswerkstatt.

Rollstuhlgeräusche, dann das Stimmengemurmel vom Markt: So beginnt es. Die erste Geschichte, über Ruth Dense, die gern mit ihrem Rollstuhl auf dem Wochenmarkt unterwegs ist. Das ist einer der Orte, die ihr Leben in Landwasser prägen. Einen anderen teilt sie mit Alisa Kovalik – die Seniorenwohnanlage der Arbeiterwohlfahrt, wo ihr Zuhause ist.

Dort im Foyer hört die rund 25-köpfige Runde, wie Alisa Kovalik, die früher Regisseurin im moldawischen Kinderfernsehen war und jetzt den Moosweiher liebt, und Ruth Dense erzählen: Ruth Dense musste mit 77 Jahren ihr Haus in Oberfranken aufgeben, weil sie dort allein nicht mehr zurechtkam. Sie zog zu ihrer Tochter Esther Antwi, die in der Wiehre lebt und sie einige Monate pflegte. Dann kam sie nach Landwasser. Davor lag ein langes, nicht immer einfaches Leben, unter anderem in der Nähe von Magdeburg – wo sie mit ihrem Mann wohnte, bis die beiden sich trennten und sie allein mit den Kindern über Berlin in den Westen floh. In Landwasser fühlt sie sich wohl: "Ich vermisse nichts."

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Viel kürzer war Anja Rahmelows Weg nach Landwasser, sie wuchs in der Wiehre auf. Und doch kannte sie den Stadtteil kaum. Inzwischen findet sie die Wiehre im Vergleich "etwas fade, viel weniger gemischt". Leicht aber war ihr Start als Pfarrerin der evangelischen Zachäusgemeinde nicht. Sie berichtet davon, als alle ein Stück durch den Wald und an Kleingärten vorbei gegangen sind und nahe zum Nachbarstadtteil Lehen stehen – "im Grenzgebiet", das Anja Rahmelow fasziniert. Als erstes offen lesbisch lebendes, inzwischen auch kirchlich verheiratetes Paar im Pfarrhaus fühlten sie und ihre Partnerin sich ungreifbarem, diffusem Gerede hinter ihren Rücken ausgesetzt.

Längst hat Anja Rahmelow für sich entschieden: "Ich will nicht wissen, wer was gesagt hat, sondern allen vorurteilsfrei begegnen." Das macht sie unter anderem beim "Himmel mit Frühstück", einer von ihr eingeführten monatlichen Veranstaltung, bei der sonntags erst gegessen und dann in nahtlosem Übergang eine Andacht gefeiert wird.

Essen spielt auch bei Nasima Mirzei eine Rolle: Sie präsentierte stets einen voll beladenen Tisch mit afghanischen Leckereien in ihrer Wohnung in der Auwaldstraße, wenn ihre Interviewerin Birgit Heidtke vorbeikam – Birgit Heidtke ist eine der Macherinnen von der Feministischen Geschichtswerkstatt, die den Audioguide gern erweitern würden, falls sie eine Finanzierung auftreiben. Ihr bisheriges Projekt wurde vom Kulturamt und vom Amt für Soziales und Senioren unterstützt. Dadurch können nun viele erfahren, wie Nasima Mirzei 1989 mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern aus Afghanistan fliehen und ihr privilegiertes Leben als Lehrerin aus einer reichen Familie hinter sich lassen musste. Das hat auch ihre damals vierjährige Tochter Shamim Mirzei geprägt, die später Erzieherin wurde, weil sie Kindern ersparen will, was sie erlebte: sich fremd zu fühlen, weil sie dunkler aussah als die anderen.

"Sat 79110 – Hörgeschichten aus Landwasser": Der Audioguide ist auf dem Tablet ab Ende der Woche im Quartiersbüro, Auwaldstraße 90, im Einkaufszentrum kostenlos ausleihbar. Er lässt sich auch herunterladen von der Homepage der Feministischen Geschichtswerkstatt: http://www.femwerkstatt.de

Autor: Anja Bochtler