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10. Februar 2014

1300 Haushalte kaufen im Tafelladen ein - Tendenz steigend

Tafel-Bewegung wächst wegen großer Nachfrage / Der "Tafelladen" an der Schwarzwaldstraße hat sein Angebot ausgebaut.

  1. Bei der Freiburger Tafel gibt es günstige Lebensmittel für Bedürftige, auch Backwaren. Foto: Thomas Kunz

  2. Das Angebot hängt davon ab, was reinkommt oder gespendet wird. Foto: Thomas Kunz

  3. Schlangestehen vor dem Tafelladen Foto: Thomas Kunz

Im Einkaufskorb der älteren Frau liegen Zucchini, Brötchen, Litschi – und eine Riesenpackung Pralinen: Die gehören zu den Weihnachtsartikeln, die im "Tafelladen" in der Schwarzwaldstraße noch bis Ostern verkauft werden. Hier gibt’s – zu sehr günstigen Preisen – nur, was Kundinnen und Kunden anderswo nicht (mehr) haben wollen. Unter anderem wegen dieser "Zweiklassengesellschaft" von einkaufenden Menschen ist die Tafel-Bewegung umstritten, doch sie wächst wegen großer Nachfrage immer weiter. Auch in Freiburg, wo stetig neue Zulieferer aufgetan werden.

Jetzt sind die Zwiebeln dran: Im Vorbereitungsraum des insgesamt 280 Quadratmeter großen Tafelladens steht Sigrid Csienzyk (71) mit einer anderen Frau und einem jungen Mann. Die drei packen Zwiebeln aus Verkaufsnetzen aus, überprüfen alle, sortieren gegebenenfalls verschimmelte aus und verpacken den Rest neu in Netze des Tafelladens.

Danach werden sie ’rüber in den Verkaufsraum gebracht. Ähnliches passiert mit Äpfeln und Orangen, auch Salatköpfe, Limetten, Radieschen und viele andere Gemüse- und Obstsorten werden an diesem frühen Nachmittag fertiggemacht. Sigrid Csienzyk macht das an drei Tagen, Woche für Woche, seit vier Jahren. Ehrenamtlich. Als Rentnerin hat sie eine Beschäftigung gesucht und ist "durch Zufall" hier gelandet. Was hält sie hier? Der Zusammenhalt und die gute Atmosphäre, sagt sie: "Ich kenne alle."

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Zurzeit gibt’s rund 240 Ehrenamtliche, verschiedene Altersgruppen, Nationalitäten und Hintergründe – von Jugendlichen im Praktikum über "Hartz-IV"-Bezieher und Erwerbstätige bis zu Rentnerinnen. Die meisten kommen jede Woche einmal, für eine Vier-Stunden-Schicht. 220 Mitglieder unterstützen den Trägerverein "Freiburger Tafel" mit mindestens 30 Euro im Jahr, rund 1300 Haushalte sind derzeit zum Einkaufen im Tafelladen berechtigt – Tendenz steigend. Das Jobcenter prüft, wer nach den geltenden Regeln Anspruch auf die günstigen Preise hat. Theoretisch gehören in einer Uni-Stadt auch etliche Studierende zu den Haushalten mit Mini-Einkommen. Für sie wäre das Studentenwerk zur Überprüfung zuständig, sagt Annette Theobald, die Vorsitzende der "Freiburger Tafel". Doch Studierende kämen nur in Einzelfällen im Tafelladen an.

Es ist noch nicht lange her, dass die Regale im Tafelladen plötzlich immer leerer wurden, angefangen habe das im November 2012, erzählt Annette Theobald. Inzwischen sei die Krise überstanden. Von den Geschäften werde zwar weiterhin weniger als früher für den Tafelladen abgegeben, denn die Inhaber würden mittlerweile besser kalkulieren, damit weniger übrig bleibe. Doch die "Tafel"-Engagierten sind seit einiger Zeit dran, noch mehr in die Breite zu gehen. Mit Erfolg, betonen Annette Theobald und die "Tafel"-Leiterin Anne-Catrin Mecklenburg – eine von derzeit sechs bezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich viereinhalb Stellen teilen.

Fortschritte gab’s vor allem, weil immer mehr Privatleute die "Tafel" unterstützen: Manche, indem sie die Ernte aus ihrem Garten vorbeibringen, andere, wenn sie bei Aktionen in Discountern mitmachen, die mit Lebensmitteln abgefüllte Tüten als Spende für die "Tafel" verkaufen. "Das Bewusstsein für die Armut ist in der Gesellschaft angekommen, die Menschen haben begriffen: Armut betrifft auch das schöne Freiburg, sie ist mitten unter uns", sagt Annette Theobald. Wäre es nicht wichtiger, gegen die Ursachen der Armut aktiv zu werden als ihre Folgen ein klein wenig abzufedern, wie Kritiker der Tafel-Bewegung fordern? Das dauere zu lange, findet Annette Theobald: "Die Menschen brauchen jetzt sofort Hilfe." Auch bei den professionellen Zulieferern gab’s Zuwachs: Unter anderem sind im vergangenen Herbst die Bestücker des Großmarkts eingestiegen, erzählt Anne-Catrin Mecklenburg: "Das ist besonders schön, denn feldfrische Ware haben wir sonst nicht." Weil es nie genug Obst und Gemüse geben kann, entsteht zurzeit noch ein besonderes Projekt: Auf dem Gelände der Stadtgärtnerei eröffnet die "Freiburger Qualifizierungs- und Beschäftigungsinitiative" (FQB) – die Nachfolgerin des "Vereins zur Förderung kommunaler Arbeits- und Beschäftigungsmaßnahmen" (VABE) – Mitte März den "Tafelgarten". Patinnen und Paten sollen den Kauf und die Pflege von Obstbäumen finanzieren, weitere Infos werden derzeit aber noch nicht öffentlich gemacht, sagt FQB-Geschäftsführerin Christiane Blümle.

Autor: Anja Bochtler