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27. Dezember 2010

Auf der Karte steht nicht die Lösung

BZ-INTERVIEW mit Claudia Langenhahn-Liedtke, die in Freiburg eine Tarotschule betreibt, über das Geschäft mit der Zukunft.

  1. Claudia Langenhahn-Liedtke legt Tarot-Karten Foto: Bensiek

Künftige Ereignisse vorherzusehen – darum bemühen sich Menschen bereits seit vorchristlicher Zeit. Ihre Hilfsmittel sind seit jeher vielfältig: Der Blick in die Sterne, in eine Kristallkugel, in Tarotkarten, in die Hände des Gegenübers oder auf ein ausschlagendes Pendel soll Auskunft darüber geben, was in der Zukunft sein wird. Einer Umfrage zufolge glauben etwa zehn Prozent der Bundesbürger an Wahrsagerei. In Freiburg betreibt Claudia Langenhahn-Liedtke seit fünf Jahren hauptberuflich eine Tarot-schule. Für 60 Euro legt sie die Karten aus und berät Kunden. Arne Bensiek hat sich mit ihr über das Geschäft mit der Zukunft unterhalten.

BZ: Das Jahresende muss eine einträgliche Zeit für Wahrsager und Kartenleger sein.
Claudia Langenhahn-Liedtke: Ganz ehrlich, der Esoterikmarkt boomt. Das kann man nicht leugnen. Grundsätzlich werden die Menschen offener dafür, sich mit diesem alten Wissen zu beschäftigen. Die Leute sind neugierig, wie die Zukunft wird. Aber unter den Wahrsagern und Kartenlegern gibt es leider auch schwarze Schafe.

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BZ: Gibt es überhaupt seriöse Wahrsager?
Langenhahn-Liedtke: Ich sage ja immer, ich bin Wahrsagerin, weil alles wahr ist, was ich sage. Das hat aber auch Grenzen.

BZ: Manche Menschen wollen alles ganz genau wissen. Bei welcher Art von Voraussage sollten Kunden von Wahrsagern skeptisch werden?
Langenhahn-Liedtke: Seriös ist es nicht, einem Menschen zu erzählen: Nächste Woche bekommst Du einen Jeep, und in drei Monaten triffst Du Deinen Traumpartner. Beim Tarot schaue ich zwar auch in die Zukunft, aber dabei handelt es sich um Tendenzen. Wichtig ist, den Menschen zu zeigen, dass sie ihre Zukunft positiv beeinflussen können. Die Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt.

BZ: Das klingt eher nach Motivationstraining und Coaching als nach Hokuspokus.
Langenhahn-Liedtke: Ja, ich bleibe sehr nah an den Karten, ich bringe die Symbolkunde dem anderen nahe und übersetze die Bilder des Tarot. Das ist mein Stil des Wahrsagens. Ich ziehe nichts an den Haaren herbei. Von Hexen mit Katze auf dem Buckel, Kristallkugel und Wohnwagen auf dem Jahrmarkt distanziere ich mich.

BZ: Manche würden selbst den Zusammenhang zwischen ihrem Leben und einer Tarotkarte für an den Haaren herbeigezogen halten.
Langenhahn-Liedtke: Wichtig ist doch, den Leuten klarzumachen, dass auf der Karte nicht die Lösung steht. Tarot ist ein Bilderbuch. Eine Karte hat 100 Facetten. Die Qualität der Deutung hängt von der Qualität des Deuters ab.

BZ: Welche besonderen Fähigkeiten haben Sie denn, um das Unbewusste zu sehen?
Langenhahn-Liedtke: Es ist viel Psychologie, Menschenkenntnis, Symbolkunde, Farbenlehre, Archetypenlehre und Empathie. Wenn ich mich gut mit den Karten auskenne, muss ich nichts dazu dichten.

BZ: Woran glauben Sie eigentlich?
Langenhahn-Liedtke: Ich glaube an eine höhere Macht, die mich beschützt und die mir die Kraft gibt, alles zu erreichen, was ich will und was aus höherer Sicht Sinn macht. Und ich glaube, dass alles seinen Sinn hat.

BZ: Glauben Sie denn auch, dass es Menschen mit unerklärlichen Fähigkeiten gibt, die Dinge sehen, die Sie zum Beispiel nicht sehen?
Langenhahn-Liedtke: Ja. Ich habe eine Schülerin, der gebe ich den Vor- und Nachnamen eines ihr Unbekannten und sie erzählt mir plötzlich alles über diesen Menschen. Das ist absolut faszinierend. Aber damit muss man lernen umzugehen. Das ist eine Frage der Ethik, eine Gratwanderung. Die Frage ist doch, wozu nutze ich das?

BZ: Ist Tarot für Sie eigentlich ein Spiel oder Ernst?
Langenhahn-Liedtke: In der Szene heißt es, man spielt Tarot. Aber ich persönlich nehme die Karten verflucht ernst. Ich habe gelernt, dass ich gut daran tue. Denn die Karten sind neutral, sie haben keine Meinung, keine Vorurteile, es sind einfach mit Bildern bedruckte Karten.

BZ: Wie oft legen Sie sich als Tarotlehrerin selbst die Karten?
Langenhahn-Liedtke: Ganz, ganz selten. Und wenn, dann frage ich die Karten nur danach, was ich machen soll, und was ich lassen soll. Tarot ist in diesem Augenblick einfach schlauer. Da kommt kein Wunschdenken rein, da kommt einfach nur ein Fakt, und der gilt.

BZ: Und wenn ich schlecht gemischt habe und mit Pech die "Arschkarte" ziehe?
Langenhahn-Liedtke: Es gibt kein Glück oder Pech, weil es keinen Zufall gibt. Und es gibt auch keine schlechten Karten. Keine Karte ist nur positiv oder negativ. Nehmen Sie die Karte "Der Tod", die steht für das natürliche Ende einer Sache. Aber hier passiert nichts Katastrophales, denn der Tod reitet ostwärts Richtung Sonnenaufgang, da kommt etwas Neues. Es gibt immer wieder Phasen in unserem Leben, in denen sich Sachen totgelaufen haben.

BZ: Wäre Ihnen mulmig zumute, wenn ein Unternehmer Ihre Tarotsitzung verlässt und Ihnen sagt, er fühle sich nun bestätigt, 30 Stellen in seiner Firma zu streichen?
Langenhahn-Liedtke: Das sollte er mir während der Beratung sagen. In der Sitzung geht es doch darum, zu sehen, wie er bestimmte Dinge noch retten oder positiv beeinflussen kann. Wenn die Person allerdings zur Tür rausgeht, hört meine Verantwortung auf. Was dann folgt, liegt nicht in meiner Macht.

BZ: Wie die Person rausgeht aber sehr wohl.
Langenhahn-Liedtke: Bei mir ist noch niemand weinend rausgegangen, selbst in schwierigen Lebensphasen. Ich arbeite lösungsorientiert.
BZ: Lagen Sie mit einer Lösung auch schon mal klar daneben?
Langenhahn-Liedtke: Anfang des Jahres hatte ich einen Kunden, bei dem es um den Verkauf eines Hauses ging. Entsprechend der Karten hat er alles dafür getan. Jetzt im Dezember hat er beschlossen, er will das doch nicht, er macht es anders. Das konnte ich nicht sehen. Vielleicht liegt es daran, dass sich in der Zwischenzeit seine Situation grundsätzlich verändert hat.

BZ: Tarot kann also irren.
Langenhahn-Liedtke: Ich als Deuterin bin nicht unfehlbar. Aber deshalb wachsen mir keine grauen Haare. Ich erlebe ja auch viele Menschen, die hier wie ein Häufchen Elend hineinkommen und nach ein paar Sitzungen wieder beachtlichen Lebensmut gefasst haben. Das ist großartig.

BZ: Wer kommt denn so alles zu Ihnen?
Langenhahn-Liedtke: Der Großteil sind Frauen, starke Frauen, viele Kunden sind selbstständig. Die meisten haben im Alltag viel mit anderen Menschen zu tun, und oft geht es um das Thema Emanzipation und Selbsterkenntnis. Aber wenn es in Männerhass ausartet, mache ich da nicht mit. Ich bin da grundsätzlich wertfrei, es gibt kein positives oder negatives Geschlecht.

BZ: Und was wollen männliche Kunden über ihre Zukunft wissen?
Langenhahn-Liedtke: Sie wollen zum Beispiel wissen, wie sie ihre weiche Seite entdecken können und welche Seite sie wann am besten im Berufsleben zeigen sollten.

BZ: Wie regelmäßig kommen die Kunden zu Ihnen?
Langenhahn-Liedtke: Die meisten lassen sich einmal im Jahr die Karten legen.

BZ: Nur?
Langenhahn-Liedtke: Wenn jemand in einer Krise steckt oder eine große Entscheidung ansteht, finden auch schon mal mehr Sitzungen statt, aber das ist der geringere Teil. Ich mag keine Abhängigkeiten. Das macht eine seriöse Tarotberatung aus. Wenn ich mir Telefonhotlines anschaue für 1,99 Euro pro Minute, bei denen manche wöchentlich anrufen, ist das eine riesige Abhängigkeitsfalle. Solche Menschen geben ihre Eigenverantwortung auf. Tarot ist ein guter Diener aber ein schlechter Herr.

BZ: Ist die Arbeit mit den Kunden für Sie belastend?
Langehahn-Liedtke: Ja, manchmal. Manche Menschen sind am Boden zerstört. Trauerfälle oder schwere Schicksale meiner Kunden bewegen auch mich. Da könnte ich dann mitweinen, aber ich muss neutral bleiben, positiv und den Leuten Perspektiven aufzeigen.

BZ: War Ihr Terminkalender in der Krisenzeit voller als sonst, oder haben die Menschen ihr Geld eher zusammengehalten?
Langenhahn-Liedtke: In der Krise sind schon mehr Kunden zu mir gekommen. Die Leute wollten wissen, wie sie mit der Krise umgehen können. Eine Beratung haben sie sich dann doch geleistet.

BZ: Wenn Sie mal alle Prognosen zusammennehmen, die Sie Ihren Kunden für das kommende Jahr gemacht haben – wie ist die Lage 2011?
Langenhahn-Liedtke:
Es wird sicherlich nicht immer einfach, aber ich mache mir um meine Schäfchen keine Sorgen. Wir haben einen Aufwärtstrend.

BZ: Wie viel müssen Sie vorab über Ihren Kunden wissen, damit Sie in der Beratung die Karten auch individuell auslegen können und nicht pauschal.
Langenhahn-Liedtke: Einen Monolog, in dem ich die Zukunft voraussage, gibt es nicht. Ich muss ja erfahren, wohin der andere möchte. Deshalb berate ich im Dialog.

Autor: abe