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15. November 2017

Leistungsbewertung

Aus für "Schule ohne Noten" stößt auf viel Kritik

Bürgermeisterin Stuchlik setzt sich für Hindemith-Schule ein und holt sich vom Kultusministerium eine Abfuhr. Auch im Gemeinderat war das Ende des ModellsThema.

Für Sandra Kieber war es "ein Schlag ins Gesicht": Erst aus der BZ erfuhr sie vergangene Woche, dass an der von ihr geleiteten Paul-Hindemith-Grundschule vom nächsten Schuljahr an wieder normale Noten eingeführt werden müssen. So hat es das Kultusministerium entschieden. "Die Eltern fühlen sich vor den Kopf gestoßen", sagt die Schulleiterin. Ihr Telefon sei nach dem Artikel heiß gelaufen.

Seit 2013 hatte die Schule wie neun weitere Grundschulen im Land an einem Modellversuch "Schule ohne Noten" teilgenommen. Die vom damaligen SPD-geführten Kultusministerium zugesagte wissenschaftliche Begleituntersuchung hat aber nie stattgefunden und soll nach dem Willen der CDU-Kultusministerin Susanne Eisenmann auch nicht nachgeholt werden. "Ein weiterer Alleingang", empört sich die Bildungsgewerkschaft GEW. Ziel dieses Schulversuchs sei es gewesen, die Leistungen der Kinder, ihr Selbstwertgefühl und die Eigenverantwortung zu steigern. "Ein weiteres Mal werden die Lehrkräfte bei pädagogischen Entscheidungen übergangen. Weder die Eltern noch die Schüler und Lehrkräfte wurden angehört oder befragt." Carsten Rees, Vorsitzender des Landeselternbeirats, wirft dem Kultusministerium in einem SWR-Beitrag vor, "einfache Antworten auf komplexe Fragen" zu geben.

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Eltern schätzen die andere Art der Leistungsbewertung

Hätte Gabriele Brysch früher von der Paul-Hindemith-Schule gewusst, hätte sie ihre ältere Tochter gleich dorthin geschickt. So aber hat die heutige Drittklässlerin schon zwei Schulwechsel hinter sich, darunter auch von einer Privatschule. Die Modellschule in Mooswald sei hingegen perfekt. "Und sie hat als öffentliche Schule schrittweise ihr ganz besonderes Konzept entwickelt." Jahrgangsübergreifende Klassen, ein Schulparlament als Einübung in Demokratie, eine andere Art der Leistungsrückmeldung: Für die Informatikerin, deren jüngere Töchter gerade ebenfalls in die Paul-Hindemith-Schule eingeschult wurde, "ist das doch kein idealistisches Tralala, das man mit dem Zwang zu Ziffernnoten einfach wieder rückgängig machen kann." Letztere findet sie viel zu undifferenziert und viel weniger aussagekräftig als die Leistungsrückmeldungen, wöchentlichen Lernberichte und häufigen Klassenlehrergespräche mit den Eltern. "Damit kann ich als Mutter viel mehr anfangen: Was konnte meine Tochter gut? Woran muss sie noch arbeiten?"

Gabriele Brysch fürchtet, dass eine Fokussierung auf Ziffernnoten nur noch die fachliche Leistung, nicht aber die persönliche und soziale Entwicklung messe und schwächere Schüler ausgrenze. "Es wäre schade, wenn alles, was über viele Jahre aufgebaut wurde, verloren ginge."

Das findet auch Freiburgs grüne Bildungsbürgermeisterin Gerda Stuchlik. Sie hat schon beim Kultusministerium angerufen und auch einen Brief geschrieben mit der Bitte, die Entscheidung zu überdenken. Sie will erreichen, dass der Schulversuch um vier Jahre verlängert und doch noch wissenschaftlich bewertet werden kann. "Niemand kann erklären, warum das nicht passiert ist." Sie hat sogar eine finanzielle Beteiligung der Stadt angeboten. "Für mich ist das ein überzeugender Ansatz, den die Schule erfolgreich umgesetzt und der eine hohe Akzeptanz bei den Eltern hat." Aber auch sie habe vom Kultusministerium "die ganz klare Ansage" bekommen, dass "der Modellversuch nicht fortgeführt wird". Nun soll im Gemeinderat noch mal darüber debattiert und ein Beschluss gefasst werden.

Vor seiner Entscheidung hatte das Kultusministerium Stellungnahmen von Stadt, Staatlichem Schulamt und Regierungspräsidium eingeholt. "Ein ganz normaler Dienstvorgang", heißt es von Thomas Kanstinger, dem kommissarischen Leiter des Staatlichen Schulamts. Inhaltlich möchte sich die "untere Dienstaufsichtsbehörde" der Presse gegenüber nicht äußern und kündigt an: "Wir werden mit der Schule ins Gespräch gehen und schauen, wie sie im Rahmen des Schulgesetzes Leistungsfeststellung umsetzen kann."

Autor: Anita Rüffer