Freiburg

Mehr als 3500 Schüler demonstrieren für eine bessere Klimapolitik

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 20. Januar 2019

Freiburg

Der Sonntag Im Zuge der "Fridays for future" demonstrierten deutschlandweit mehrere tausend Schülerinnen und Schüler. Sie fordern: Wenn wir die Schulbank drücken, muss sich das Lernen für unsere Zukunft auch lohnen.

Mehr als 3 500 Schülerinnen und Schüler haben am Freitagmorgen für eine aktivere Umweltpolitik demonstriert. Die Wellen waren im Vorfeld hochgeschlagen, als die Schulen und das Regierungspräsidium ankündigten, den Schulstreik nicht zu unterstützen. Wie es weitergeht, ist offen.

Von wegen politikverdrossene Jugend. Am Freitagvormittag ist der Platz der Alten Synagoge proppenvoll. Wie in 50 weiteren deutschen Städten sind Schülerinnen und Schüler dem Streikaufruf fürs Klima gefolgt. Es wimmelt von Plakaten. Jung und Alt stehen Seite an Seite. Grundschüler, Teile der Oberstufe, Lehrer- und Elternschaft: Alle sind sie gekommen. "Rettet die Natur", hat eine vierköpfige Gruppe von Zehnjährigen auf ihr großes Spruchband geschrieben. "Wir haben die Schnauze voll", halten drei Teenager knapp dahinter ihr Plakat in die Höhe. "Kohle ohne Kohle", ist dahinter zu lesen. Am Rand drehen zwei Polizisten auf Segways ihre Runden.

Den Streikteilnehmern drohen Konsequenzen

Das Spektrum der Streikteilnehmer ist breitgefächert: Ein 17-Jähriger mit Lenin-Zitat hofft, dass die versammelte Schülerschaft nicht nur wegen der Aussicht auf einen schulfreien Vormittag gekommen ist. "Wer sich enthält, ignoriert die Welt", betont seine ebenfalls 17-jährige Mitstreiterin. Drei Viertklässlerinnen finden: "Wir wollen, dass etwas passiert." Sie sind mit ihrer gesamten Klasse samt Lehrerschaft gekommen.

Das Regierungspräsidium (RP) und die Vertretung der Freiburger Schulleitungen hatten im Vorfeld verkündet, dass mit Konsequenzen rechnen muss, wer wegen des Streiks schwänzt. "Das ist eine Katastrophe", sagt eine 16-jährige Greenpeace-Aktivistin aus Emmendingen, "so schafft man Politikverdrossenheit." Auch zahlreiche weitere Umweltorganisationen sind beteiligt.

Die Teilnehmerzahl übertrifft alle Erwartungen. Die Demonstration war mit 1 000 Teilnehmern angemeldet, aber schon in den sieben im Vorfeld initiierten Whatsapp-Gruppen hatten sich mehr als 1 800 Menschen verabredet. Instagram, Twitter, Facebook: Die Jugend ist medial vernetzt. Mehr als 3 500 sind es schließlich geworden. Aber nicht nur Schülerinnen und Schüler sind gekommen. Zwei Lehramtsstudierende finden: "Schüler haben einen großen Hebel, der ist noch nicht genutzt."

Vor dem Kollegiengebäude KG II gibt der Vorstand der Gesamtelternschaft zu Protokoll: "Das ist hier eine tolle Geschichte. Die Kinder gehen auf die Straße, weil wir Erwachsenen zu wenig für die Zukunft tun." Im Hintergrund rufen zwei Großeltern, dass auch die "Großelternschaft" vertreten sei. Was wohl auch die zehn Seniorinnen unterschreiben würden, die vor dem Stadttheater ihr Plakat "Omas gegen rechts" in die Höhe halten. Ein 18-Jähriger, der ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert und Grundschulkinder betreut, und die beiden beteiligten Lehrer erklären: "Wir haben als Schulausflug teilgenommen. Die Schüler waren begeistert."

Zwei Stunden später beraten drei Schülerinnen in einem Café an der Kronenbrücke über die möglichen Konsequenzen. "Meine Eltern fanden es nicht gut, dass ich da hingehe, sie schreiben mir keine Entschuldigung", erklärt eine 17-jährige Elftklässlerin. Die Freundin berichtet: "Unser Schulleiter hat Konsequenzen angekündigt, wer beispielsweise eine Klassenarbeit verpasst, bekommt eine Sechs." Womit sie mitten in der großen Diskussion der vergangenen Woche sind. Denn als die Freiburger Schulen mit Konsequenzen drohen, schlägt die Debatte schnell Wellen. Die Reaktionen reichen von Verständnis bis zu totalem Widerspruch.

Bei Martin Rupp, dem geschäftsführenden Schulleiter der Freiburger Gymnasien, klingelte am Donnerstag daher durchgehend das Telefon. Rupp hebt die Ambivalenz hervor: Schulrechtlich, versicherungstechnisch und aufgrund der Aufsichtspflicht ist es den Schulen nicht gestattet, für einen Streik freizugeben. 2010 bereits hatte das Regierungspräsidium festgelegt, dass eine Schule ihre Neutralitätspflicht verletze, wenn sie eine Demonstration als Beurlaubungsgrund anerkenne. Rupp kündigt allerdings an: "Wenn durch die Demonstration eine größere Sensibilisierung für das Thema entsteht, rennt man bei uns Schulen offene Türen ein." RP-Sprecher Markus Adler erklärt: "Wir können das Anliegen nachvollziehen, aber die Normen sind einzuhalten." Beide betonen aber auch, bei der Sanktionierung individuell und mit Augenmaß vorzugehen.

Organisatoren denken über weitere Streiks nach

Bleibt der Streik also ein Einzelfall, ist wohl kaum mit großen Konsequenzen zu rechnen. Ob es dabei bleibt, ist laut Mitorganisatorin Chantal Maier aber noch offen. Die Betonung bei der Aktion "Fridays for Future" liegt auf dem Plural: Die 15-jährige Ideengeberin Greta Thunberg aus Schweden streikt seit August jeden Freitag. "Auch wir denken darüber nach", sagt Maier. Der zivile Ungehorsam für einen zivilisierten Umgang mit dem Planeten könnte also bald in seine nächste Runde gehen.