Bauten unter der Lupe

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 21. Januar 2018

Freiburg

Der Sonntag Familienheim-Bewohner präsentieren eigenes Gutachten.

Im Februar will der Aufsichtsrat der Baugenossenschaft Familienheim über das umstrittene Bauvorhaben in der Wiehre beraten, die Mieter machen derweil weiter dagegen mobil und präsentieren jetzt ein Gutachten zur Bausubstanz.

Das achtseitige Papier ist unterschrieben von Sören Scheffelt-Holst, Geschäftsführer der Forspol GmbH mit Sitz in Freiburg und Berlin. Ein Schwerpunkt der Firma ist die Wertermittlung von Immobilien. Der Inhalt beruht auf einer Begehung der Gebäude und einzelner Wohnungen in der Quäkerstraße 1 und 9, also jenem Gebäuderiegel, den die Genossenschaft Familienheim abreißen und durch einen Neubau ersetzen will ( Der Sonntag berichtete). Beim Ortstermin "wurden die äußeren und zugänglichen inneren Gewerke zerstörungsfrei in Augenschein genommen", schreibt der Gutachter. Zerstörungsfrei heißt: mal eben Löcher bohren, um ins Innere von Wänden zu schauen, konnte er nicht.

Ein paar Seiten weiter urteilt der Verfasser dann über die Fragen, die die Mieter der Gebäude derzeit am stärksten umtreiben: "Es gibt keine Anzeichen von Beeinträchtigungen der Standfestigkeit einzelner Gewerke oder des gesamten Bauwerks", steht da, und es gebe keine Hinweise darauf, dass eine Wärmedämmung dort nicht zu realisieren sei. Und nein, auch andere bauliche Faktoren, die Abriss und Neubau wirtschaftlich rechtfertigen würden, habe man nicht gefunden. Die Mieterinitiative will das Schreiben noch dieses Wochenende der Familienheim zukommen lassen.

Denn die Genossenschaft will die Quäkerstraße-Häuser abreißen, weil die Wohnungen, gebaut zu Beginn der 1950er-Jahre, nicht mehr aktuellen Anforderungen entsprächen und eine Modernisierung auf Dauer nicht wirtschaftlich sei. Zudem sitzt die Genossenschaft auf einer Liste von Mitgliedern, die auf Wohnungen warten. Den Bewohnern wurden Ersatzwohnungen zugesichert, auf Dauer möchte die Familienheim über die Zukunft ihres gesamten, noch deutlich größeren Viertels nordöstlich des Wiehrebahnhofs nachdenken.

Dessen Bewohner fürchten natürlich vor allem um ihre zum Teil sehr günstigen Mieten, aber auch um den Verlust von Grünflächen, denn die Familienheim will auf dem Gelände nachverdichten. Um mit dem ihrer Meinung nach vorgeschobenen Argument des Sanierunsgbedarfs aufzuräumen, hat die Initiative mit dem Namen "Wiehre für alle" jetzt die Forspol GmbH mit der Untersuchung beauftragt. Was die Begehung gekostet und wer das Honorar gezahlt hat, ließ sich an diesem Wochenende nicht in Erfahrung bringen.

Eine weitere Begehung hatte in der Wiehre schon zu Beginn der Woche stattgefunden: Mitglieder des Bauausschusses, begleitet von einem Kamerateam des Südwestrundfunks , waren Wohnungen in der Quäkerstraße vorgeführt worden. "Ich habe den Eindruck einer gepflegten Wohnanlage gewonnen, die baulich auf einem guten Stand zu sein scheint", sagt SPD-Stadträtin Renate Buchen. Und das viele Grün im Innenraum verleihe der Wohnlage zusätzlich Qualität – dort noch zu bauen sei fragwürdig. Als intakt und recht gut saniert empfand auch CDU-Stadtrat Martin Kotterer die Wohnungen. "Sie sind auch recht schlicht – aber wenn einem das nichts ausmacht, kann man da gut wohnen", findet er. "Warum sich ein Abriss lohnen könnte, ist aber auch klar. Die Genossenschaft hat sicher Wartelisten, und sie sollen für ihre Mitglieder Wohnungen bereitstellen. Und da ließe sich an so einer Stelle natürlich mehr herausholen." Dass die Bewohner nicht wollten, dass sich dort etwas ändert, sei nachvollziehbar, sagt Grünen-Stadtrat und Architekt Helmut Thoma. "Und dafür zu werben, ist legitim." Dass die Familienheim ihren Besitz weiterenwickeln wolle, sei aber auch legitim. Und eine Nachverdichtung auf den Grünflächen im dortigen Viertel läge geradezu auf der Hand.

Dass da Bürger, die direkt am Sternwald wohnten, trotz des eklatanten Wohnungsmangels dem Erhalt einer kleinen Grünfläche so viel Wert beimäßen, findet Thoma eher fragwürdig. "Da reagieren die wie alle anderen in der Stadt auch: Bauen ja, aber nicht vor meiner Tür", sagt CDU-Stadträtin Irmgard Waldner, die am Montag ebenfalls dabei war. "Wir als Gemeinderäte haben in der Sache letztlich nichts zu sagen – das ist Sache zwischen der Genossenschaft und ihren Mitgliedern."