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23. März 2010 21:10 Uhr
Wahlkampf
Bei Podiumsdiskussionen beweisen OB-Kandidaten Leidensfähigkeit
22 Podiumsdiskussionen müssen die OB-Kandidaten Ulrich von Kirchbach, Günter Rausch und Dieter Salomon absolvieren – meist abends, nie unter zwei Stunden. Wir waren an drei Abenden dabei. Eine Übersicht.
Wer die politischen Glaubensbekenntnisse von Kandidaten kennen lernen will, liest ihre Wahlprogramme. Wer die Kandidaten selbst kennen lernen will, geht zu Podiumsdiskussionen. Gelegenheiten dazu gibt es mehr als genug: Am Mittwoch werden die drei Bewerber für das Amt des Oberbürgermeisters, Ulrich von Kirchbach, Günter Rausch und Dieter Salomon, bei der siebten Podiumsdiskussion nebeneinander sitzen, am Donnerstag steht die achte bei BZ und SWR an. Insgesamt trifft man sich 22 Mal, meist abends und nie kürzer als zwei Stunden. Wahrscheinlich werden die Drei am Ende des Veranstaltungsmarathons die Antworten ihrer Mitbewerber stumm mitsprechen können. Wahrscheinlich können sie es schon jetzt. Wir waren an drei Abenden, bei den Unabhängigen Frauen Freiburg, der Architektenkammer und beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, dabei.
DAS SPRECHTHEATER
Podiumsdiskussionen, niemand weiß das besser als die Kandidaten selbst, sind eine Art politisches Sprechtheater mit vorab verteilten Rollen. Zwar gibt es ein Podium, auf dem die Kandidaten hinter Bistrotischchen gnadenlos von Scheinwerfern ausgeleuchtet werden (bis auf den Abend beim Paritätischen Wohlfahrtsverband im Café Velo, wo Leuchten nur die Hinterköpfe der Drei erhellten). Eine echte Diskussion zwischen den Bewerbern dagegen findet nur in den wenigsten Fällen statt: Meist ist es ein Eine-Frage-drei-Antworten-Spiel, das sich zwischen Moderatoren und dem Trio entspinnt. Zum Schluss gibt es traditionell eine Fragerunde "fürs Publikum", bei der sich vorher ausgesuchte Claqueure und Wahlhelfer melden. Sie stellen dann scheinbar – oder sollte man sagen: scheinheilig? – spontane Fragen, die den eigenen Kandidaten gut und die anderen zwei schlecht aussehen lassen sollen.
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DIE PRÄSENTATION
Dieter Salomon, der amtierende OB, setzt bislang auf einen, nun, präsidialen Wahlkampf. Motto: Weiter so. Salomon konzentriert sich auf Fakten. Wenn er dabei gelassen bleibt und sich kurz fasst, wirkt er souverän. Seinem Naturell jedoch entspricht diese zurückgedimmte Haltung nicht immer, ab und zu macht sich das bemerkbar: Als er bei der Architektenkammer en détail die Entwicklung des Güterbahnareals schildert, will das Fachwissen aus ihm heraus wie Dampf aus dem Überdruckventil eines Sicomatic.
Geradezu spiegelbildlich umgekehrt verhält sich Ulrich von Kirchbach. Der freundliche, vom Naturell her eher zurückhaltende Kirchbach hat sich ein entschlossenes Vorwärts-Programm verordnet inklusive energischer Handkantenschläge, die fast jede seiner Antworten begleiten. Das ist manchmal fast bestürzend anders, als man von ihm gewohnt ist, signalisiert aber: Imagewandel. Sprachlich unterstützt er das mit klaren Ich-Botschaften, etwa bei den Unabhängigen Frauen zum Thema Stadtentwicklung: "Ich werde dafür sorgen, dass wir uns künftig nicht mehr von Investoren steuern lassen." Nur wenn er sich ärgert, wird er zappelig.
Vollkommen unverstellt wirkt Günter Rausch, der sich mit seinen Antworten demonstrativ ans Publikum wendet und gerne leidenschaftlich laut wird, wenn er etwas empörend findet (was ziemlich oft der Fall und unterhaltsam ist). Bei Rausch ist Kommunalpolitik nicht Politik des Machbaren, sondern sich entwickelnde Utopie; für ihn ist der Weg das Ziel, nämlich Bürgerbeteiligung. Diese Methodik steht im Mittelpunkt all seiner Überlegungen, das politische Ziel dagegen ist viel unklarer. Das macht ihm aber nichts, Rausch punktet damit, dass er sich in diesem Wahlkampf als einer von vielen Kritischen sieht und die Debatten mit allerlei ungewohnten Querdenkereien befeuert.
DIE POSITIONEN
Wer aus einer anderen Stadt kommt und derbere Schlachten zwischen Rechts und Links gewohnt ist, könnte vom Freiburger OB-Wahlkampf irritiert sein: Drei Kandidaten, mehr oder weniger links der bürgerlichen Mitte, in vielen Positionen ähnlicher Ansicht – huch. Beinharte Konservative müssen ob der Themen, die den Wahlkampf dominieren, verzweifeln.
Mal sehen. Nachgerade auf Schmusekurs sind die Kandidaten beim Thema Bildung. Was ist mit Schule für alle, Inklusion, Förderung von Migrantenkindern? Alle dafür, unumstritten, sich sogar gegenseitig würdigend.
Echte Streitthemen haben sich noch nicht herausgeschält, höchstens teilweise. Der Stadttunnel zum Beispiel: Salomon will die obere Altstadt entwickeln, wenn der Tunnel kommt. Kirchbach will eine kleine Lösung andenken. Rausch will zwei Entwicklungsvarianten mit und ohne Tunnel, vorher aber die Bürger entscheiden lassen, ob sie den Tunnel wirklich wollen. Ist das ein Streitthema?
Oder die Baubürgermeisterin. Ja, alle Kandidaten möchten gerne eine neue Baubürgermeisterin, am liebsten eine Frau, auf jeden Fall eine kompetente Person. Ein eigenes Baudezernat: Ein zusätzliches, sagt Kirchbach, ein eigenständiges, sagt Rausch, ja, aber erst mal sehen, was der Gemeinderat meint, sagt Salomon. Ist das ein Streitthema?
Oder die Bewerbung zur Kulturhauptstadt. Kirchbach war von Anfang an dafür, Salomon bietet an, man könne das doch zusammen mit der Region machen, Rausch will Kulturhauptstadt als Leben in der Stadt, Bauen, Wohnen, Entwicklung, Kultur, Migranten, Ältere, alles kreativ eingebunden in einen integrativen Kulturansatz – also irgendwie auch ja. Ist das ein Streitthema?
Oder die Entwicklung des Güterbahnhof-Geländes. Aber halt: Da gibt es tatsächlich Unterschiede. Salomon zeigt auf, wie jahrelang nichts vorwärts ging und man nun froh sein müsse, das dort Gewerbe angesiedelt wird. Kirchbach will diese Entscheidung überdenken und einen "großen Wurf". Rausch will die Bürgerschaft nach Ideen für das Gelände fragen und Sozialwissenschaftler, Bürger, Kulturschaffende, Architekten und Stadtplaner interdisziplinär einbinden, um zu beschließen, was immer dabei herauskommt. Etwa ein Streitthema?
IHRE WAHL
Drei Männer, die sich für ein öffentliches Amt bewerben und je nach Tagesform überzeugen. 22 Podiumsdiskussionen, viele Fragen, viele Inhalte. Entscheiden Sie selbst.
- Wahlkampf: Die unabhängigen Frauen der OB-Kandidaten
Autor: Simone Lutz
